Fitness

Während J. im Bad ist, stehe ich am Fenster und höre einer Feldlerche zu. Unsichtbar bleibt sie im dunstigen Gewölk über den Wiesen, aber ihr Lied durchdringt das Grau, ganz klar.

Glückliche Unke! Diesmal habe ich nicht Recht behalten. Außer uns ist vor dem Frühstück nur die Reiseleiterin der Senioren im Wasser. Einvernehmlich teilen wir uns das Becken und schwimmen unsere Bahnen. Die Reiseleiterin verschwindet bald wieder, um ihrer Betreuungsaufgabe nachzukommen. J. beschäftigt sich mit dem schwanenhalsartigen Ding am Beckenrand, und es ist gut, dass sie es ist und nicht ich. In meiner Ahnungslosigkeit hätte ich vielleicht den Knopf unter der Wasseroberfläche gedrückt und dabei gespannt in die Düse geschaut, ob etwas passiert. Das hätte dann vermutlich ein blaues Auge gegeben. Mit schmerzhafter Wucht trifft der Wasserstrahl meinen Oberarm. Es dauert eine Weile, bis ich die richtige Entfernung finde und mir den Rücken massieren lasse. Dann erweist es sich als Wohltat. Ich werde die Besichtigungstour des Tages ohne Rückenschmerzen, die sich sonst beim langen Laufen einstellen, überstehen.

Blick auf das Stadtschloss, Weimar Carl August Denkmal, Weimar Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek (Innenhof), Weimar Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek (Innenhof), Weimar

Das Schlossmuseum

Das Schlossmuseum, wie man es heute besichtigen kann, ist der 1789 von Johann Wolfgang von Goethe angeleitete Neubau des Stadtschlosses, nachdem das Renaissanceschloss der Ernestiner 1618 einem Brand zum Opfer fiel, und die von Herzog Wilhelm IV nach dem Dreißigjährigen Krieg errichtete Wilhelmsburg 1774 ein Raub der Flammen wurde. Etwas beunruhigt durch die Vorgeschichte, spähe ich nach der Feuerwehrzufahrt und finde sie unverstellt.

Innenhof des Stadtschlosses, Weimar

Ein großes Museum, das bedeutende Kunstschätze birgt und mich, wie große Museen es immer tun, überwältigt und überfordert. Nach dem Rundgang auf der zweiten Ebene muss ich passen. Schon ist die Grenze der Aufnahmefähigkeit überschritten. Ausgerechnet die Weimarer Malerschule muss ich mir für einen späteren Besuch aufheben, obwohl ich schon an den Ikonen aus der Sammlung Haar, meine Grenzen kennend, fast achtlos vorübergegangen bin. Gesättigt bin ich oft von einem einzigen Bild. Lukas Cranachs (der Jüngere war’s) „Christus und die Ehebrecherin“ würde genügen, auch wenn das hier hängende Bild wohl weniger berühmt ist, als sein in der Moskauer Hermitage zu sehendes Gemälde der gleichen Szene. Es berührt nicht weniger. Es ist eindeutig dieselbe Frau, die sich mit geschlossenen Augen anlehnt und ihre Hand einem anderen Christus überlässt. Noch mit diesem Bild beschäftigt, gleiten andere an mir vorbei. Dann die schönen Interieurs von Georg Friedrich Kersting: Der elegante Leser, 1812 und die Stickerin am Fenster, um 1812. Wo nur möglich, suche ich die Ausblicke aus den Fenstern der Schlosssäle, sehe die Ilm und freue mich auf den Spaziergang im Park. Heute regnet es nicht.

Dann geschieht noch etwas Seltsames. Ich warte auf einer Bank vor dem Eingang des Museums auf J. und schaue in den weiten Schlosshof, beobachte das Kommen und Gehen der Besucher. Es gibt Orte, die mir wie Orte wichtiger Begegnungen erscheinen. Es ist einem Déjá-vu vergleichbar, nur umgekehrt: eine Erwartung. Die Plätze, die mir dieses Gefühl geben, haben eine Gemeinsamkeit: Größe und eine Achse; sie sind wie sakrale Räume. Es hat etwas mit der Architektur zu tun. Und plötzlich kommt J. mir vom Tor zur Straße hin entgegen. Weder hat sie mich beim Verlassen des Museums bemerkt, als wäre ich quasi (auch ihrem Blick) entrückt, noch habe ich sie den wahrhaftig nicht kurzen Weg über den Hof gehen sehen. Uns beiden scheint das unbegreiflich. Kopfschüttelnd brauchen wir etwas Handfestes. Die Bratwurst! Diesmal lasse ich keine Ausreden gelten. Bevor wir in den Park gehen, nehmen wir den Umweg über den Markt.

 Markt, Weimar

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