Von Weimar nach Jena

Nur 6,50 Euro kostet das Hopper-Ticket hin und zurück, wenn man es aus dem Automaten zieht. Wie ein Kind freue ich mich, als der Regionalzug sich durch die Jenaer Berge schlängelt, genieße jede Kurve, die schroff aufragenden Felswände, wo die Trasse durch das Gestein verlegt wurde, dann wieder die schönen Ausblicke ins Tal und auf die Berge auf der anderen Seite. Und in Jena regnet es nicht. Zum ersten Mal komme ich nicht auf dem Bahnhof Paradies, sondern auf dem West-Bahnhof an. Der Jen Tower, so sehr er mich ärgert, hilft bei der Orientierung stadteinwärts. Schließlich stehen wir auf dem Markt, und ich zeige J. das Café Markt 11, in dem wir letztes Jahr die Bloglesung hatten. An den anderen Tischen vorwiegend Studenten. Ein Stück Kuchen hilft dem Mittagshunger ab, erweist sich aber als taktischer Fehler, denn J. hat ihren Bratwursteinstand noch nicht gegeben, und als wir beim Grillteufel ankommen, streikt sie.

Jena, Schillergäßchen

Danach möchte ich J. noch die schöne Wagnergasse und das Café Stilbruch zeigen. Wir laufen ein bisschen orientierungslos am Ricarda-Huch-Haus vorbei, geraten zum Einkaufszentrum, müssen schließlich nach dem Weg fragen und finden ihn dann auch. Immer wieder Straßen, durch die sich eine geradezu großstädtische Verkehrslawine wälzt. Rush Hour. Da ich bisher immer am Wochenende in Jena war, bin ich fast schockiert. Weimar präsentiert sich viel beschaulicher. Eines aber ist klar: Jena ist schöner gelegen. Wohin man sich auch wendet, geht der Blick über die Stadt auf die Berge. Endlich die Wagnergasse, und vor dem Stilbruch sind, wie erhofft, die Heizstrahler im Betrieb, so dass wir draußen sitzen können, ohne zu frieren.

Café Stilbruch, Jena

Nicht zu glauben, dass wir Mai haben. Nur die Natur zeigt sich von der anhaltend kalten Witterung unbeeindruckt. Überall blüht der Flieder, und längst hat sich das Frühlingsgrün in ein sommerliches verwandelt. In der Wagnergasse stöbern wir danach im Antiquariat. Immer noch suche ich nach „Oder du wirst Trauer Tragen“ von Collins und Lapierre, finde es aber auch hier nicht. Längst hätte ich es im Online-Antiquariat bestellen können. Sturheit, verlass mich nicht! Dann suchen wir unseren Rückweg zum Bahnhof.

Im Hotel eine böse Überraschung. Eine große Reisegruppe von Senioren ist angekommen. Sie unterhalten sich im Speisesaal so lebhaft, dass man selbst kein Gespräch führen kann, ohne die Stimme zu heben. Heute probiere ich den Silvaner, auch ein Saale-Unstrut-Wein. Ein Mosel oder ein Italiener kommt mir hier nicht durch die Gurgel, haben wir doch festgestellt, dass Patriotismus misslich ist, Lokalpatriotismus aber sein muss. In der Hotelbar bestätigt sich meine Befürchtung: Für die Senioren sind alle Tische reserviert. Obwohl ich weiß, dass der Arme Kerl geplagt genug ist, beschwere ich mich beim Barmann: schließlich habe das Hotel noch andere Gäste. Wir sitzen an der Bar und ergreifen die Flucht, als das Musikprogramm für die Senioren beginnt. Nun fehlt nur noch, dass die morgen früh alle im Swimmingpool wässern. J. meint, die werden erschossen sein nach dem bunten Abend. Weiß sie nicht, wie zäh alte Leute sein können? Ich, der die Unverwüstlichkeit der Jugend inzwischen abgeht, ohne dass ich der Zähigkeit des Alters bereits teilhaftig werde, bin die Intolerantere von uns beiden.

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