Es ist Montag

Weimar_2010_04

Nach dem Frühstück fahren wir gleich nach Weimar hinein. Es nieselt, aber wenigstens regnet es nicht so stark, dass unsere Schirme uns nicht genügen. Dass wir heute fast nichts besichtigen können, haben wir schon am Abend herausgefunden. Montags geschlossen, montags geschlossen, montags geschlossen… Wir gehen zu Tchibo. Ich muss mir einen Badeanzug kaufen, nachdem ich beim Kofferpacken vergeblich nach meinen Badeanzügen gesucht habe, und bei Tchibo gibt es gerade Badeanzüge. Das wird mein Weimar-Souvenir. Dass ich den gleichen Tankini auch in Berlin hätte bekommen können, wird mich nicht daran hindern, mich daran zu erinnern, dass dieser hier aus Weimar ist. Wir steuern das Weimar-Haus an, von dem wir wissen, dass es dort eine nicht geschlossene Ausstellung gibt. Gestern war sie ja zu. Es gäbe ein paar Spezialeffekte, warnt uns die Verkäuferin vor. Wir sollen nicht erschrecken. Uns empfängt der Charme einer Geisterbahn. Hinter uns schließen sich Türen, und wir bleiben in einem Raum gefangen, bis sich die nächste Tür öffnet. Ein Höhlenmensch hütet ein Feuer, das plötzlich aufleuchtet. Dass der Name Thüringen von Thoringi (Thor’s Leute) abgeleitet ist, und dass Wimare geweihtes Moor bedeutet, wird uns erklärt. Das wusste ich nicht und bin begeistert, liebe ich doch die alten Götter mit ihren so wunderbar menschlichen Untugenden. Die ersten Thüringer glaubten also an Thor und taten dies, bis die Franken sie brutal christianisierten. Zwei Räume weiter erscheint Goethe wie eine Spukgestalt in einer Tür. Dann, im nächsten Raum, eine Art Wachsfigurenkabinett: Tischgesellschaft der Herzogin Anna Amalia; Herzog Carl August, Schiller, Herder und Wieland diskutieren über Kaiser Napoleon Bonaparte. Fröhlich und durchaus um einige Informationen reicher entlässt uns dieses Panoptikum – wieder in den Nieselregen. Wir kehren ins Café Frauentor ein, nicht ganz ohne Aufenthalt. In dem Café trifft sich, offenbar zu einer regelmäßig stattfindenden Reunion, ein Seniorenkreis. Ein alter Herr braucht lange, um die drei Stufen zur Eingangstür zu erklimmen, die sich, als er oben steht, nicht mehr öffnen lässt. Seine beiden Begleiter mühen sich, das Unmögliche möglich zu machen. J. muss dringend mal; eine klassische Situation, aber schließlich ist sie überstanden. Wir wählen einen kleinen Fenstertisch mit Blick auf die Frauentorstraße. Die drei Alten bewältigen den abenteuerlichen Aufstieg die Wendeltreppe hinauf.

Im Café Frauentor Im Café Frauentor

In der Vitrine prangen herrliche Torten, aber wir bestellen nur Kaffee, und dann beratschlagen wir, was wir mit diesem Montag anfangen könnten. J. hat entdeckt, dass das Bauhaus-Museum geöffnet ist, also wird dies unser nächstes Ziel. Später könnten wir einen Spaziergang durch den Ilm-Park machen, vorausgesetzt, dass es aufhört zu regnen.

Das Bauhaus-Museum

Das Bauhaus-Museum stand von Anfang an ganz oben auf unserer Besichtigungsliste. Durch die Akademie habe ich dazu einen Bezug und J. berufsbedingt ebenfalls. Der Einführungsfilm, den man in einem kleinen Kino sehen kann, ist lobenswert, rückt er doch das früher Gelesene noch einmal zurecht, all die Zusammenhänge zwischen Weimarer Republik, Bauhausgründung, Nationalsozialismus… Die Fakten geistig im Griff, startet man also in die Ausstellung, die nicht groß ist, aber uns doch eine Weile beschäftigt. Bilder von Lyonel Feininger, Johannes Itten, Paul Klee. Pädagogisch sinnvoll und kindgerecht das Spielzeug, schön die Möbel, das Geschirr und sonstiger Hausrat. Inbegriff der Moderne. Moderner kann der Mensch nicht werden – nur technikbesessener. Oft scheint es ja die Technik zu sein, die den Menschen besitzt. Beim Bauhaus stimmt das Besitzverhältnis noch. Sehr zufrieden mit dem Gesehenen und Gehörten verlassen wir die Ausstellung. Es regnet immer noch. Wir beschließen, die im Café Frauentor flüchtig aufgekommene Idee zu einem Ausflug nach Jena in die Tat umzusetzen, und machen uns auf den Weg zum Bahnhof. Wenn es in Jena auch regnen sollte, werde ich J. vom Zug aus wenigstens die schöne Landschaft zeigen können.

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