Die Hinfahrt

Wir haben (gegen meine Gewohnheit) Plätze reserviert. Am liebsten sitze ich im Speisewagen, aber dieser Zug hat keinen; und ich bedaure, dass die Strecke nicht über Jena führt. Ich vermisse die Kurven durch die Berge, den Anblick der Weingüter. Dafür sehen wir viele Rapsfelder, die unter dem bedeckten Himmel so gelb leuchten, als hätten sie die Sonne eingefangen.

Mittags kommen wir an, hungrig, weil das Frühstück ausgefallen ist. Am Bahnhof kaufen wir auch gleich unsere Weimar Card. Damit können wir 72 Stunden lang die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und haben ermäßigten Eintritt in viele Museen. Die Verkäuferin kann auch Auskunft geben, mit welcher Buslinie wir unser Hotel erreichen: „Sechs. Schlechteste Schulnote.“ Ich mag Eselsbrücken.

Das Bratwurstglöckl

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Bis zur Abfahrt des Busses nach Legefeld, wo unser Hotel ist, haben wir reichlich anderthalb Stunden Zeit. Es ist Sonntag, und da verkehrt der Bus nur alle zwei Stunden, sonst stündlich, morgens und abends sogar halbstündlich. Unsere Köfferchen hinter uns her zottelnd, erkunden wir die nähere Umgebung des Bahnhofs und finden das Bratwurstglöckl. Gerade ist die Sonne durch die Wolken gebrochen und bescheint einen Tisch im Vorgarten des Restaurants. Drinnen hätten wir auch keinen Platz gefunden; eine Gesellschaft von dreißig Personen sitzt dort zum Spargelessen. J. entscheidet sich für Thüringer Klöße mit Putenrollbraten, ich mich für eine Rostbratwurst mit Sauerkraut und Bratkartoffeln. Wurst und Beilagen sind sehr lecker, J. hat mit dem Rollbraten weniger Glück. Der Wirt, etwas verhuscht und wegen der zahlreichen Spargelesser mit Schweiß auf der Stirn, entschuldigt sich und überlässt es uns, den Preis zu bestimmen; wir bräuchten auch nichts dafür bezahlen, meint er, aber da wir doch beide satt geworden sind, zahlen wir bereitwillig und gern.

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Wo liegt Legefeld?

Vom Bus aus bekommen wir einen ersten Eindruck von Weimar: prächtige Stuckfassaden und Fachwerkhäuser im Zentrum, dann eindrucksvolle Villen, bei denen man sich fragt, wer dort lebt, und wer früher dort gewohnt hat. Schließlich aber fahren wir ganz aus der Stadt hinaus, kommen durch das Dorf Gelmeroda, dem wir am nächsten Tag in Gestalt eines von Lyonel Feininger gemalten Bildes im Bauhaus-Museum wieder begegnen werden. Dann liegt die Landschaft flach und nichtssagend unter einem inzwischen ganz grauen Himmel. Endlich entdecke ich den Namen unseres Hotels auf dem Dachfirst eines Gebäudes. Der Bus fährt noch drei Haltestellen an, eine davon neben einem Bilderbuchschulhaus mit Schulglockentürmchen. Endlich sind wir am Ziel.

Das Hotel

Park Inn ist eine junge, dynamische und innovative Hotelmarke im mittleren Marktsegment, die in Europa, Afrika und dem Nahen Osten rasant expandiert. So kann man es auf der Internetseite nachlesen. Wie alle Hotels dieser Art, ist es geschmacklos, nicht etwa im Sinne eines schlechten Geschmacks, sondern indem es jede Entsprechung eines individuellen Geschmacks professionell vermeidet. Aber das Bett besteht den Test.

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Wir packen unsere Koffer aus und nehmen einen Kaffee in der Hotelbar. Auf einem Großbildschirm läuft, unbeachtet, Sport-Fernsehen. Wir sind zu dieser Stunde die einzigen Gäste in der Bar. Von dem Sportkommentar abgesehen, ist es still. Wir beschließen einen Spaziergang. Inzwischen hat es angefangen zu nieseln, und wir gehen unter Schirmen. Ein Wegweiser zeigt zum Zentrum. Gemeint ist das Zentrum von Legefeld. Eine Katze überquert die menschenleere Dorfstraße. Hinter einem Gartenzaun bellt ein Hund. Ein Gasthof an einer Kreuzung. Man fühlt sich wie ein Eindringling und dringt nicht ein. Der Regen nimmt zu, und als wir das Hotel erreichen, sind wir trotz der Schirme ziemlich nass geworden. Zum Abendessen ist es noch zu früh. An der Rezeption bekommen wir einen Busfahrplan und rechnen uns aus, dass die Zeit für eine erste Besichtigung Weimars ausreicht.

Fast überraschend ist es, wenn in dieser Abgeschiedenheit der Bus auf die Minute pünktlich in Sicht kommt. Nicht schlecht für die schlechteste Schulnote. Wieder durch die diesige Landschaft, wieder durch Gelmeroda und vorbei an den weinbewachsenen Villen. Am Goetheplatz steigen wir aus und finden unschwer den Weg über den Theaterplatz, wo wir auch das Bauhaus-Museum sichten, und dann durch die Fußgängerzone. Cafés, geschlossene Geschäfte, ein paar offene Souvenirläden. Im Weimar-Haus kaufe ich als Mitbringsel für A. Servietten und ein Teedöschen, beides mit Ginkgo-Blättern verziert. Zwei Tage später hätte ich mich überwinden müssen. Die Allgegenwart der Ginkgo-Blätter wird mir dann ein bisschen auf die Nerven gehen. „Bei schönem Wetter könnte man hier schön sitzen“, sagen wir an vielen Ecken und werden es an den nächsten beiden Tagen noch oft sagen.

Im Restaurant des Hotels. Die Bedienung ist, wie schon an der Rezeption und in der Bar, sehr freundlich. Am Nebentisch sitzen Holländer. Etwas weiter entfernt höre ich Englisch, Französisch und Spanisch. Warmes und kaltes Buffet. Von den offenen Weinen wähle ich einen Müller-Thurgau, Kaatschner Dachsberg vom Weingut Zahn. Hat P. den mal erwähnt? Jedenfalls schmeckt er lecker, und nur darauf kommt es an, sagt P. – In der Bar nehme ich anschließend einen doppelten Espresso. Das erweist sich als Fehler. Müde liege ich später im Bett und kann trotzdem lange nicht einschlafen. Dass J. zum Einschlafen einen laufenden Fernseher braucht, macht die Sache nicht besser.

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