Am 7. März hatte der Deutschlandfunk als Buch der Woche Nicholson Bakers Roman „Der Anthologist“ vorgestellt, und ich brauchte mir die Rezension gar nicht bis zu Ende anzuhören, um zu beschließen, dieses Buch muss ich mir sofort kaufen. Wer meine letzten Einträge gelesen hat, wird sich darüber nicht wundern. Gedacht, getan, und dass das Buch dann drei Wochen bei mir herumlag, bevor ich es überhaupt aus der Plastikhülle befreite, in die es eingeschweißt war, liegt daran, dass ich mir dauernd ein Buch sofort kaufen muss. Aber nun lese ich es und bin bereit, einen Kommentar abzugeben.

Zu empfehlen ist dieser Roman tatsächlich nur dem an Lyrik ernsthaft interessierten Leser. Damit will ich nicht sagen, dass man es hier mit langen, staubtrockenen Abhandlungen über Poesie zu tun bekommt. Baker schreibt nicht nur mit Sachkenntnis, sondern mit wunderbarer Ironie, die mich immer wieder zum Lachen bringt. Mindestens die Hälfte des Witzes aber wird demjenigen entgehen, der sich noch nie eingehender mit Lyrik befasst hat. – Die eigentliche Handlung des Romans kann man kaum anders als trivial nennen. Das Erzähler-Ich ist der wenig erfolgreiche Dichter Paul Chowder, dem es nicht gelingen will, die Einleitung zu einer Anthologie zu schreiben. Seine Freundin Rosslyn, seit Jahren daran gewöhnt, den Lebensunterhalt für sie beide bestreiten zu müssen, hat nun doch die Geduld verloren und ihn verlassen. Und so sitzt Paul Chowder auf dem Gartenstuhl vor seiner Scheune, erzählt dem Leser von seinen geradezu rührend halbherzigen Versuchen, Rosslyn zur Rückkehr zu bewegen, und erläutert ihm seine Theorien über Lyrik. Genau das ist der Ton. Nie eindringlich, nie als schaue er dem Leser je in die Augen und erwarte Zustimmung. Baker/Chowder schreibt/spricht seinen Monolog in die blaue Luft hinein. – Ich würde in diesem Stil geschriebene Bücher nicht immer lesen wollen, aber hier gefällt es mir.

Die Einleitung zum sechsten Kapitel aber könnte sich jeder Bücherfreund, auch der, der nicht nur Lyrik neigt und dem oben beschriebenen Erzählstil nichts abgewinnen kann, als Spruch an die Wand hängen:

Ich erwachte mit einem sehr angenehmen Gedanken. Es bleibt noch viel zu lesen auf der Welt.

Und auf derselben Seite verdeutlicht mir Nicholson Baker einen der Gründe, die mich die „Anfängerin“ zu Gedichten hinziehen:

An Gedichtbänden gefällt mir besonders , dass man sie an einer beliebigen Stelle aufschlagen kann und stets einen Anfang hat. Tut man das Gleiche bei einer Biographie, Erinnerungen oder einem Roman, ist man mittendrin. Ich dagegen möchte so ausdrücklich wie möglich am Anfang sein. Das erlaubt mir die Poesie. Viele, viele Anfänge. Ein Daueraufbruchsgefühl.

Auch beschreibt er wunderbar, was Lesegenuss ist. Und jetzt winke ich mal hinüber zu echtmaljetzt, denn ich bin ziemlich sicher, dass er an dieser Stelle seine Freude hätte:

[…] Nein, es soll eine Anthologie werden, bei der jedes entdeckte und gelesene Gedicht einem einleuchtet, sodass man denkt: Mannomann ist das gut. Das ist so gut, so packend, vertrackt, vielseitig schillernd und listig, dass ein neues Wort für Schönheit hermuss. Rupasnil. Schönheit. Rupasnil. So gut, dass man beim stillen Lesen mit den Augen gleich noch einmal von vorn anfangen und flüsternd lesen muss, damit man es auch wirklich hört. So gut, dass man es selbst sofort für Stimme und Instrument einrichten möchte. So gut.

Um aber auch nicht mit dem hinter dem Berg zu halten, was den Leser hier an Theorien über Lyrik erwartet, möchte ich mit Paul Chowders/Nicholson Bakers Erklärung, was ein Enjambement ist, schließen:

Was ein Enjambement ist? Das Enjambement ist der Schlüssel zum ganzen Schlamassel. Das Wort leitet sich vom altfranzösischen „jambon“ ab. „Jambon“ ist der Schinken. Wann immer nämlich Pierre Ronsard oder einer der anderen französischen Troubadoure ein Enjambement verwendeten, bewarf man sie mit Schinkenstücken. Ronsard zog die Lehre daraus und schrieb einige wirklich hübsche Liebeslieder.

Aber jetzt mal im Ernst: Das Wort „Enjambement“ bedeutet, dass man ahnungslos an der zeile entlangspaziert, man geht ganz bis zum Ende, wagt sich weit vor, es läuft alles bestens, und selbstverständlich erwartet man, dass einem die Syntax auf die Schulter tippt und bedeutet, man möge kurz innehalten. Einen Augenblick noch, Sir oder Madam, wir müssen eben noch diesen Reim erledigen oder den Teilsatz oder was immer eintüten; wir legen eine kleine Verschnaufpause ein. Stattdessen aber knufft einen die Syntax und sagt: Ein bisschen dalli, Freundchen, los, los, nur keine Müdigkeit vortäuschen. Also stürzt man, weil man doch ins Leere tritt, ab. Man fällt vorüber, ahhhh! und landet reichlich derangiert am nächsten Zeilenanfang, auf dem Kopf eine Bananenschale,.in der Brusttasche Kaffeesatz. Anders gesagt, man wird in die nächste zeile gestoßen – das ist ein Enjambement. Auf den „Ozymandias“ bezogen heißt das, dass wir in der zweiten zeile „Zwei torsolose Beinkolosse“ haben, und, halt!, da wollen wir eine Pause einlegen, aber nein, weitergehen, Herrschaften, heißt es, hoppla, da wären wir – „Stehn in der Wüste.“ Autsch!

Es gibt zwei Sorten von Enjambementa. Es gibt das Normalenjambement, das zum Formenkanon der Dichtung gehört und fast immer eine Fehlentscheidung darstellt, besonders bei Sonetten, und es gibt das, was man das ultraextreme Enjambement nennen könnte. Ultraextremes Enjambement wird bei freien Versen freihaus mitgeliefert, weil freie Verse, wie wir wissen, lediglich das gefühliege Arrangement pflaumiger Wörter sind, die langsam gelesen werden wollen. Also bricht man die zeile, wo immer man will

absolut gegen jede
natürlich gegebene

Pause brechen, nicht
mit ihr, um so

jedermann auf dem Quivive zu halten und aus dem Tritt zu bringen. […]

Cover

Nicholson Baker
Der Anthologist

Roman
C. H. Beck, München 2010
271 Seiten
ISBN 978-3-406-59843-2
19,95 €

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