Gedichte unterscheiden sich von anderen Texten. Wesentlich. In ihrem Wesen also. – Der Laie erkennt ein Gedicht zuerst an der Form. Der Text fließt nicht Zeile um Zeile. Ein Rhythmus ist erkennbar. Dazu sind viele Gedichte in Verse unterteilt. Wenn diese Verse gleich lang sind, und wenn die letzten Worte in einem Zeilenpaar sich auch noch reimen, dann ist der Laie sich ganz sicher: Dies ist ein Gedicht! Davon ist er sogar dann überzeugt, wenn er das Gedicht nicht gut findet. Dann ist es eben ein schlechtes Gedicht.

Die meisten Gedichte begegnen dem Laien in gedruckter Form. Verlage, die Gedichte drucken, gehen dabei großzügiger mit dem Papier um als bei anderen Publikationen. Ein Gedicht auf einer Seite. Zentriert oder linksbündig, weit eingerückt. Drum herum viel Platz. – Mancher Romancier würde sich glücklich schätzen, wenn der Verlag seinem durchaus anspruchsvollen Werk wenigstens eine Randbreite zubilligen würde, die den minimalen Proportionen eines Passepartouts entspricht. Viel zu teuer, sagt der Verleger. Gedichte hingegen sind ihm das Papier wert. An Gedichten, sagt er, verdient er sowieso praktisch nichts. Da kommt es dann auf das Papier auch nicht mehr an. Oder eben doch. Der Kunde hat ja das Gefühl, viel mehr für sein Geld zu bekommen, wenn er ein dickes Buch nachhause trägt, als wenn es sich um ein schmales Bändchen handeln würde.

Der Unterschied zwischen einem Gedicht und einem anderen Text ist aber vor allem seine Entstehung. Wer eine schön gemachte Anthologie vor sich sieht, gelangt leicht zu der Vorstellung, dass die Manuskripte – und ich meine jetzt die Erstniederschriften der Gedichte – auch dieser Form genügen. Der Dichter setzt sich hin, vor sich auf dem Tisch ein makelloses Blatt Papier, greift zum Füllfederhalter und schreibt nun ein Gedicht, Zeile für Zeile, mit gehörigen Pausen zwischen den Zeilen, weil er nachsinnt. Vielleicht gibt es ja wirklich Dichter, die das tun. Ich nie.

Bei mir stehen die Erstniederschriften von Gedichten oft in meinem Notizbuch, eingeklemmt zwischen Notizen, die ich mir während einer Besprechung gemacht habe, und Stichworten zu einer Kolumne. Oder sie stehen ganz unten, die letzte Zeile, kaum noch leserlich, an den Rand gequetscht, notfalls um die Ecke herum, am rechten Rand auslaufend… – Oder ich habe (verflixt!) das Notizbuch nicht eingesteckt, dafür aber im Seitenfach der Handtasche einen Block Klebchen, mit denen ich normalerweise Buchseiten markiere, auf die ich mich beziehen oder von denen ich zitieren will. Dann sieht die Erstniederschrift eines Gedichts so aus:

Haftnotiz

Nun werdet Ihr sagen, das ist doch kein Gedicht. Stimmt. Aber so beginnt es. Jedenfalls der sichtbare Teil davon beginnt so. Mit einem Satz, der sich plötzlich glasklar in den Gedanken formuliert. In diesem Fall: In unsrer Kindheit Haus lass uns die Nacht verbringen. Dann gesellt sich – scheinbar ganz selbstverständlich und ohne Zutun ein Bild dazu: Die knarrenden Treppenstufe, die wir beide auslassen. Später denke ich: Es muss Häuser heißen. Aber da fährt der Zug schon in den Bahnhof ein, auf dem ich aussteigen will. Also muss ich mir die Häuser eben merken, oder ich verwerfe sie wieder. Die Dichterin muss nämlich jetzt Katzenfutter kaufen. Shampoo ist fast alle. Dann an den Bahnschalter und fragen nach günstigen Tarifen für Wien. Inzwischen ist die S-Bahn weg. In den bleibenden achtzehn Minuten kann ich auch einen Cappuccino trinken. Und beim Cappuccino fällt mir die Auster ein. Heute scheint Koffein eine enorme Wirkung auf mich zu haben. Kann es nicht zur Abwechslung mal ein Cognac sein? Oder ein Stück Schokolade? Oder ein Niesen? – Ich würde wirklich gerne mal ein Gedicht niesen. – Die Auster allerdings ist alt. Die Auster habe ich am 18. November vorletzten Jahres geschrieben, und sie gehört wahrlich nicht zu meinen besten Gedichten. Wenn ich sie mir genau ansehe, verdächtige ich sie, überhaupt kein Gedicht zu sein. Überführt habe ich sie noch nicht. Wenn es mir gelingt, fliegt sie raus. Dass sie kein gutes Gedicht ist, ärgert mich jetzt besonders, weil sie nämlich als Metapher herhalten muss. Weniger die Auster als die in ihr enthaltene Perle. Ein Gedicht entsteht nämlich wie eine Perle. Wenn man so will, ist es eine Perle, auch wenn sich mir bei dem Vergleich die Haare sträuben. Alles Seltene und Kostbare wird mit einer Perle verglichen. Ich kann diesen Vergleich nicht mehr hören, aber in diesem Fall ist er zu treffend, als dass ich ihn ignorieren könnte. Ein Sandkorn, das ist der eigentliche Ursprung eines Gedichts. Ein Fast-Nichts im weichen Fleisch des Unterbewusstseins. Etwas das stört und aufreibt. Ein Schmerz. Wenn das Gedicht das Bewusstsein erreicht, hat es bereits die Eigenschaften einer Perle. Ein Gedicht das anders entsteht ist Made in Taiwan.

Was Gedichte angeht, bin ich kompromisslos, man könnte schon sagen, radikal. Ich habe auch schon mal überlegt, ob es überhaupt richtig ist, Gedichte als Multiples zu veröffentlichen. Es wäre besser sie in Stein zu hauen. Ein einmaliges Kunstwerk. Jeder könnte die in Stein gehauenen Worte rezitieren, das Kunstwerk selbst aber bliebe davon unberührt. Es gibt inzwischen ja auch einige Künstler, die sich in dieser Weise versuchen. In Öl gemalte Gedichte habe ich schon gesehen. Bedauerlicherweise sind die wenigsten guten Maler auch wahre Dichter und umgekehrt. In jedem Fall würde der Preis mehr vom Gemälde als von dem Gedicht bestimmt werden. Ein Gemälde, das ist Farbe auf Leinwand. Es gibt sogar einen handelsüblichen Preis für den Quadratmeter bemalter Leinwand, nach dem Galeristen für die Werke völlig unbekannter Maler zahlen. Von einem Preis pro Zeichen oder pro Wort für die Gedichte völlig unbekannter Dichter habe ich noch nichts gehört. Ein Gedicht ist ein Nichts, aber wenn es gut ist, wenn es wahr ist, ist es unbezahlbar.

Advertisements