Eines Abends begab sich Rosenbach in das derzeit von ihm favorisierte Restaurant, um allein zu dinieren. Er bevorzugte dieses Lokal, weil es nicht nur eine gute Küche zu bieten hatte, sondern auch weil die Beleuchtung angenehm aber nicht übermäßig gedämpft war. Wenn Rosenbach allein aß, gefiel es ihm, beim Kaffee und manchmal schon während er das Dessert löffelte, in einem Magazin zu blättern oder ein paar Gedichte zu lesen. Gedichte, so fand Rosenbach, konnte man sowieso nicht mehr als drei oder vier hintereinander lesen, und am besten ließ man sich die Verse zusammen mit einer Mousse au Chocolat oder einem Vanilleeis auf der Zunge zergehen.

Allein essen zu gehen, hatte Rosenbach sich kurzfristig entschlossen. Die kalte Platte, die seine Haushälterin ihm in den Kühlschrank gestellt hatte, verlockte ihn unvermutet heute nicht, und so saß er bereits im Auto, als er vom Handy das Restaurant anrief, damit man ihm seinen Tisch freihielte. Der Chef de Service bedauerte: „Ihr Tisch ist leider bereits besetzt. Ist es Ihnen recht, wenn wir gleich daneben für Sie reservieren?“ Rosenbach war alles recht. Er hatte Hunger.

Wie stets führte ein Kellner ihn zu seinem Tisch. Die beiden Damen, die in Rosenbachs angestammter Ecke saßen, waren in die Speisekarten vertieft, so dass Rosenbach nicht mehr von ihnen sah als die gesenkten Köpfe, der Eine brünett gelockt, der Andere mit glattem blonden Haar, bevor er mit dem Rücken zu ihnen Platz nahm, denn er behielt gerne den Überblick und beobachtete das Kommen und Gehen der Gäste. „Haben die Damen inzwischen gewählt?“ fragte der Kellner, und Rosenbach glaubte, einen leisen Anflug von Ungeduld in seiner Stimme zu hören.
„Wir nehmen zweimal die Spinat-Bandnudeln mit Lachs.“ Das war die Stimme der Brünetten, die weiter von Rosenbach entfernt saß.
„Sehr wohl.“ Der Kellner wollte schon an Rosenbach vorbei eilen, aber Rosenbach hielt ihn auf. Er kannte die Karte und hatte sich bereits auf dem Weg für eben jene Bandnudeln mit Lachs entschieden. Plötzlich aber wäre es ihm lächerlich vorgekommen, zu sagen: „Für mich dasselbe, bitte.“ Da er wirklich hungrig war, disponierte er blitzschnell um. „Ich nehme das Wiener Schnitzel mit frischem Spargel.“ – „Eine sehr gute Wahl“, sagte der Kellner. „Der Spargel ist heute…“ Und statt den Satz zu beenden, machte er eine luftige Geste, die besagen sollte, dass noch zarter Spargel nicht sein konnte.
Die Brünette, weniger besorgt um falsche Eindrücke als Rosenbach, sagte zu ihrer Begleiterin: „Siehst du, wir hätten doch den Spargel nehmen sollen.“
„Ich mach mir nicht so besonders viel aus Spargel“, ließ die Blondine sich endlich vernehmen, und ihrer Stimme merkte man an, dass sie nicht sonderlich gut aufgelegt war. Den Grund dafür sollte Rosenbach bald erfahren, denn ohne sich weiter bei der Frage aufzuhalten, nahmen die beiden Damen ein offenbar zuvor begonnenes Gespräch wieder auf. Um sie nicht zu belauschen, hätte Rosenbach seine Ohren schließen müssen, was bekanntlich unmöglich ist.

„Du kannst bei einem Mann in diesem Alter doch nicht erwarten, dass er praktisch neuwertig ist“, sagte die Brünette.
„Davon rede ich doch gar nicht“, fuhr die Blonde auf. „Ich erwarte doch nicht von ihm, dass er wie ein junger Rammler…“ Sie brach ab, denn sie war sich wohl plötzlich des Zuhörers hinter ihrem Rücken bewusst geworden. „Außerdem kann ich mich in diesem Punkt zumindest nicht beklagen.“
„DAVON rede ich auch nicht“, stellte die Andere richtig. „Was ich meine ist, dass ein Mann, der über zehn Jahre lang verheiratet war, eben Gebrauchsspuren aufweist. Jeder Mann, mit einer langen Beziehung in seiner Vorgeschichte hat Gebrauchsspuren. Damit musst du dich abfinden. Erst mal jedenfalls. Mit der Zeit schleift sich das ab, so hofft man.“
„Hoffen und Harren hält manchem zum Narren“, entgegnete die Blondine missmutig. „Und ich verstehe es auch nicht. Als wir uns kennenlernten, da war er ja so froh, dass er mit mir über alles reden konnte. Mit seiner Frau habe er gar nicht reden können, hat er behauptet. Und jetzt?“
„Redet er nicht mit dir?“ hakte die Brünette nach.
„Ja, wenn ich ihm Satz für Satz aus der Nase ziehe. Aber das ist ja nicht der einzige wunde Punkt. Ich habe generell den Eindruck, es läuft alles so wie in seiner Ehe. Ich habe ihm ein gemeinsames Konto vorgeschlagen, weil wir beide etwa gleich verdienen und sowieso die Kosten teilen, und er meinte, das finde er nicht gut, und mit seiner Frau habe er auch nie ein gemeinsames Konto gehabt. Und dann das mit den Blumen. Neulich habe ich ihm gesagt, wie schön ich es finde, dass er mir jedes Mal zum Wochenende einen großen Blumenstrauß mitbringt. Das hatte ich noch bei keinem Mann. Da schaut er mich an, als wäre ich immer nur mit den schlimmsten Stieseln zusammen gewesen, und sagt, für ihn sei das selbstverständlich, und seiner Frau habe er auch immer einen Sonntagsstrauß, wie er es nennt, geschenkt. Nun kannst du dir vorstellen, wie viel Freude ich jetzt noch an den Blumen habe.“

In dieser Art ging die Unterhaltung weiter und fing an, Rosenbach gehörig zu langweilen. Der Spargel allerdings war so köstlich, wie der Kellner es versprochen hatte. Rosenbach verzichtete auf das Dessert, denn mit dem Geplapper der Frauen im Ohr wäre es zwecklos gewesen, das Gedichtbändchen aus seiner Jackentasche zu ziehen. Er nahm nach dem Essen nur einen Espresso und machte sich mit dem Vorsatz, in Zukunft den Tisch immer rechtzeitig zu bestellen, auf den Heimweg. Etwas allerdings ging ihm nicht aus dem Kopf: Das Wort Gebrauchsspuren. Zwar sagte er sich, dass keine seiner Beziehung lange genug gedauert hätten, um solche Spuren in seinem Denken oder Verhalten zu hinterlassen, aber ein Quäntchen Unsicherheit blieb. Schließlich griff er zum Telefon und rief seine älteste Freundin Claude an.

Als er sie fragte, ob sie je Gebrauchsspuren an ihm wahrgenommen habe, lachte sie und erkundigte sich dann nach dem Grund seiner Frage. Er erzählte ihr von der Unterhaltung der beiden Frauen und wurde unruhig, weil sie nicht sofort antwortete. Dann sagte sie: „Das Publikum in Edellokalen ist offenbar auch nicht mehr das, was es mal war. Über so einen Mist reden die, wenn ein Mann wie du am Nebentisch sitzt?“
Rosenbach ließ sich nicht ablenken. „Das beantwortet meine Frage nicht.“
„Hör mal“, sagte Claude, in deinem Fall würde ich eher sagen, dass Du… Na, ich meine, keine Frau käme auf die Idee, dass es Dir an Erfahrung mangelt. Aber Du bist eher wie ein Leihwagen.“
„Wie ein Leihwagen?“ echote Rosenbach empört.
„Ich meine natürlich einen Leihwagen der Spitzenklasse“, beschwichtigte ihn Claude. „Man merkt, dass so ein Wagen eingefahren ist, aber man könnte unmöglich auf den Typ des Fahrers, beziehungsweise in dem Fall der Fahrerin, schließen, weil… Du verstehst mich schon.“
„Ich fürchte, ja“, sagte Rosenbach.
„Da gibt es nichts zu fürchten. Sei unbesorgt, du bist spurlos. Leider verschwindest du auch immer spurlos, nachdem es uns endlich mal wieder gelungen ist, uns zu sehen.“
Rosenbach protestierte. „Ich verschwinde keineswegs spurlos. Schließlich habe ich einen festen Wohnsitz, ein Büro und bin eigentlich fast immer zu erreichen.“
„Wenn du auch eigentlich fast immer sehr beschäftigt bist“, ergänzte sie. „Mir würde es gefallen, wenn du dich ab und zu von selbst melden würdest.“
„Das habe ich heute doch getan“, sagte Rosenbach, und bevor Claude etwas erwidern konnte, fügte er hinzu. „Ich verstehe, du meinst natürlich, ich sollte mich ohne besonderen Grund melden. Oder findest du den Grund, dass wir uns bald sehen sollten, um mal wieder aufs Land zu fahren und uns in einem dieser hübschen Gasthöfe mit einem gewissen Komfort auf Spurensuche zu begeben, akzeptabel?“
„Doch, das wäre ein Grund, den ich durchaus akzeptieren würde“, antwortete Claude mit deutlich weicherer Stimme.
„Na, dann schau doch mal in deinen Terminkalender, und ich schaue in meinen.“ Rosenbach war nun ganz sicher, dass er sich unnötige Sorgen gemacht hatte, doch das erwies sich als verfrüht, denn kaum, dass sie sich auf ein Wochenende geeinigt hatten, sagte Claude: „Echte Freundschaft zeichnet sich ja dadurch aus, dass man unbedingt ehrlich zueinander ist, und mir ist da doch noch etwas eingefallen. Wie lange hast du deine Haushälterin jetzt?“
„Das müssen so an die zehn Jahre sein“, sagte Rosenbach. „Warum fragst du?“
„Na, denk mal drüber nach“, war Claudes einzige Antwort. Dann lachte sie leise und legte auf.

Als Rosenbach sich ausgekleidet hatte, stellte er sich vor den großen Spiegel in seinem Schlafzimmer. Wenn er die Schultern ordentlich zurücknahm und die Bauchmuskeln etwas anspannte, fand er, konnte er sich durchaus noch sehen lassen – trotz der Schmorbraten und kalten Platten seiner Haushälterin. Darüber nachzudenken, was Claude mit ihrer Bemerkung sonst vielleicht noch hatte andeuten wollen, hatte er jetzt keine Lust. Er wollte die drei oder vier Gedichte nachholen, die ihm samt dem Dessert entgangen waren.

 © Christa  Hartwig

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