Der 1924 in Paris geborene Michel Tournier ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Frankreichs.

In der aktuellen Ausgabe von Sinn und Form ist sein Text „Kleines Porträt von fünf Lehrern“ veröffentlicht. Genau genommen handelt es sich um fünf Texte, in denen Tournier jenen Philosophen und Schriftstellern seine Referenz erweist, die auf sein eigenes Werk maßgeblichen Einfluss hatten:

Maurice de Gandillac, der zusammen mit Jean-Paul Sartre die Vorbereitungsklasse für das Lycée Louis-le-Grand in Paris besucht hatte und später dessen Nachfolger als Lehrer am Lycée Pasteur in Neuilly wurde, wo er Michel Tournier in der Abiturklasse in Philosophie unterrichtete und den Literaturkurs leitete und seine Schüler immer wieder auf die Ausläufer der Philosophie in der Literatur hinwies.

Claude Lévi-Strauss, der Begründer des ethnologischen Strukturalismus, in dessen Vorlesungen Michel Tournier sich 1950 auf die philosophische Staatsprüfung vorbereitete. Lévi-Strauss verstand es, sogenannte primitive Gesellschaften wie mathematische Formeln darzustellen, nach denen jeder in dieser Gesellschaft den ihm sicheren Platz fand. Über Tourniers Roman „Freitag oder Im Schoß des Pazifik“ schrieb denn auch ein amerikanischer Kritiker, der über die Wurzeln gestolpert war: „Ein ‚Robinson Cruso’, neu geschrieben von Freud, Walt Disney und Claude Lévi-Strauss.“

Denis de Rougemont, der Philosoph und Germanist, von dessen Werk sich Michel Tournier gleichsam genährt zu haben zugibt. Tournier, der nie in Ostpreußen gewesen war, hatte dennoch seinen Roman „Le roi des Aulnes“ (Der Erlkönig) dort angesiedelt. Was seine Vorstellungskraft beflügelte war Rougemonts dort geschriebenes „Journal“.

Ernst Jünger, deutscher Philosoph, Schriftsteller und Offizier, den Klaus Mann als anarchistischen, entwurzelten Krautjunker bezeichnete, bewundert Michel Tournier als jemanden, der im Schreiben Heil und Halt gefunden hatte. Dem Hass, der Dummheit und dem Tod setzte er die Klarheit der Sprache entgegen, und wie Goethe hatte er sich den Naturwissenschaften zugewandt, und nichts beschrieb er präziser als einen Stein, eine Pflanze oder ein Insekt.

Maurice Genevoix war während der Ausbildung zum Lehrer in den Ersten Weltkrieg eingezogen und schwer verwundet worden. In vielen seiner Werke hat er seine Kriegserlebnisse verarbeitet. Den anderen Teil seines Werkes aber widmete er der Beschreibung von Landschaft und Natur. 1946 wurde er zum Mitglied der Académie française gewählt, und Michel Tournier schreibt über ihn: “Maurice Genevoix war nichts weniger als ein spät und autodidaktisch zur Literatur gekommener Wilddieb aus der Sologne. Dieser Großbürgerssohn besuchte die Rue d’Ulm, als man dort in puncto griechisch-lateinische Rhetorik keinen Spaß verstand.“ – „Als er mit sechzig die sandigen Ufer der Loire verließ, schlüpfte Maurice Genevoix mühelos in das grüne Gewand und übernahm die Sitten und Gebräuche des pariserischsten aller Klubs, so wie er es auch geschafft hätte, sich einem Rudel Hirsche oder einem Sardinenschwarm zuzugesellen.“ Und er bezweifelt nicht, dass Genevoix „auch seine Akademiekollegen mit dem gnadenlosen Blick des Insekten- und Vogelforschers betrachtet“ hat und äußert die Hoffnung, dass „postume Publikationen uns noch einige pikante Überraschungen bringen“ könnten.

Leseproben zu diesem und anderen Texten finden sich auf der Internetseite zum aktuellen Heft (Klick aufs Bild).

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Ich hoffe, dass der begriff „Lehrer“ niemanden vom Lesen abgehalten hat. Wer sich seiner Lehrer nur als die Gestalten erinnert, die ihm einen Teil seiner Kindheit und Jugend durch lästige Aufgaben, langweiliges Stillsitzen und ermüdendes zuhören Müssen vergällt haben, ist zu bedauern. Klug ist, sich immer wieder Lehrer zu suchen, nach Leitbildern Ausschau zu halten und sich deren Einfluss auf unser Tun und Denken zu verdeutlichen. Unkritisch sollte man jedoch dem Lehrer gegenüber nie sein. Auch den Gedanken der größten Geister muss man bisweilen widersprechen und kann hier und da etwas hinzufügen, wie etwa diesem Goethe-Wort:

Nichts ist schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiß als das, was die Schüler wissen sollen.

Oh doch, Herr Geheimrat, denn schrecklicher noch ist ein Lehrer, der sich nicht wünscht, dass ein Schüler ihn dereinst übertreffen könnte.

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