Kaum dass das Kind geboren war, wurde es zum Mittelpunkt ihres Lebens. Gemeinsam beugten sie sich über die Wiege, ohne einander näher zu kommen. Es war das Kind, dem sie nahe sein wollten. Sie gehörten jetzt dem Kind. Und als das Kind sprechen lernte, nannten sie einander Mama und Papa. Was nicht heißen soll, dass sie einander mit diesen Namen anredeten. Sie sprachen überhaupt nur noch wenig miteinander. Sie sprachen mit dem Kind. Schau, da kommt die Mama. Gib dem Papa einen Kuss.

Das Kind lenkte sie ab. Es lenkte sie oft ab. Nur selten wurde es dafür getadelt. Merkst du nicht, dass Mama und Papa gerade miteinander reden? Das Kind merkte es nicht. Es war gewohnt, der Mittelpunkt zu sein. Und war nicht auch das Wichtige schon gesagt? Was war wichtig, wenn nicht das Kind? Das Unwichtige hatte Zeit, bis das Kind schlief. Oft schlief es im Bett zwischen ihnen. Es trennte sie. Aber es hielt sie auch zusammen. Es brauchte sie.

Das Kind wurde größer. Es schlief jetzt nicht mehr zwischen ihnen. Manchmal schloss es sich in seinem Zimmer sogar ein. Dann sprachen sie miteinander – über das Kind. Of waren sie unterschiedlicher Meinung. Nur einer von ihnen klopfte an die verschlossene Tür, die das Kind sich weigerte zu öffnen. In Einem aber waren sie sich einig, dass das Kind sie jetzt mehr denn je brauchte.

Manchmal, im Frühling, beobachteten einer von ihnen die Vögel im Garten, wie sie Nester bauten, die Eier bebrüteten, ihre Jungen fütterten. Diese unermüdliche Fürsorge. Wir sind wie die Vögel, dachte er dann. Wir machen es richtig. Wir sorgen für unser Kind, bis es für sich selbst sorgen kann. Bei den Vögeln dauerte es nur nicht so lange. Bevor der Herbst kam, waren sie frei von der Sorge, zogen fort, kehrten im Frühling wieder, umwarben einander, und alles begann von vorn. Bis unser Kind für sich selbst sorgen kann, dauert es lange, dachte er dann. Wird etwas von vorn beginnen, wenn wir frei sind? Dann aber verscheuchte er den Gedanken – zu töricht um mit dem Anderen darüber zu reden. Sie waren keine Vögel. Sie hatten das Kind und würden es immer haben. Und sie hatten ihre Arbeit und das Haus und den Garten. Ein Leben wie aus einem Stück gegossen.

Das Kind wurde erwachsener, und es schien fügsamer geworden zu sein. In Wahrheit aber waren sie es, die sich fügten. Sie waren moderne Eltern. Das Kind sollte sein eigenes Leben leben. Es war jetzt oft nicht zuhause. Dennoch war es gegenwärtig. Sie redeten von ihm, über das Studium, die Freunde, die Zukunft des Kindes. Auch als das Kind das Elternhaus ganz verlassen hatte, behielt es dort sein Zimmer. Nicht dass sie hofften, es würde zurückkehren, weil es sie noch brauchte. Wenn das Kind in seinem Leben scheiterte, würde dies bedeuten, dass sie selbst versagt hatten. Sie hatten ihre Arbeit, das Haus, den Garten und ein Kind, auf das sie stolz sein konnten.

Manchmal, im Herbst, schaute einer von ihnen den Vögeln nach, die Richtung Süden zogen, darunter auch die, für die es das erste Mal war. Wie war es gewesen, bevor sie das Kind hatten, versuchte er sich zu erinnern. Aber das Kind war da, und es schien unvereinbar mit Erinnerungen an süße Momente der Verantwortungslosigkeit. Einmal, ein einziges Mal, versuchte er mit dem Anderen darüber zu sprechen, und der Andere schaute ihn an mit einem Blick, den er nicht genau zu deuten wusste. Hatte er etwas Ungehöriges gedacht, oder war es nur ungehörig, es auszusprechen? Und er schämte sich, und gleichzeitig schien ihm dieses Gefühl der Scham unverdient, und diese Ungerechtigkeit machte ihn so wütend, dass er für einen Moment den Wunsch verspürte, es zu tun, alle Verantwortung abzuschütteln, fortzugehen und noch einmal neu zu beginnen. Dann aber dachte er, dass das Kind es nicht verstehen würde. Und er machte nicht einmal den Versuch, mit dem Anderen über diese Gedanken zu reden. Über Scham spricht man nicht.

Sie hatten ihre Arbeit, das Haus und den Garten, die Urlaubsreise jedes Jahr, den gewohnten Rhythmus der anderen Tage und ein Kind, das sich ihrer nicht schämen sollte. So ging es, bis einer von ihnen starb. Der Andere beugte sich über das Grab. Der Andere gehörte ihm jetzt ganz. Sogar mehr, als das Kind ihm je gehört hatte. Nichts Unvorhergesehenes konnte sie mehr trennen. Sie gehörten zueinander, sogar auf dem Grabstein. Der Name, das Datum der Geburt und der Todestag standen links. Rechts davon war Platz, aber nicht für das Kind. Das Kind würde ewig leben. Er richtete sich auf, und schaute einem Vogel nach, der allein flog. Vielleicht dorthin, wo das Kind jetzt war.

© Christa Hartwig

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