Schon lange schrieben sie einander nur noch, dies aber regelmäßig. Luises Briefe waren lang, manchmal fast lyrisch, die von Robert wesentlich kürzer, auf das Wesentliche beschränkt, aber Luise meinte zu erkennen, dass er über dieses Wesentliche, das, was ihm wichtig war ihr mitzuteilen, mindestens genauso lange nachgedachte, wie sie über einem Brief saß. Die Möglichkeit eines Wiedersehens erwähnte keiner von beiden, doch Luise konnte sich nicht enthalten, in jedem dritten oder vierten Brief zu schreiben, dass Robert ihr fehlte. In seinen Briefen nach ähnlichen Worten zu suchen, hatte sie sich abgewöhnt. Das Unmögliche zu beschwören, lag nicht in seinem Wesen.

Das Unmögliche akzeptierte auch Luise, ohne alle Bitterkeit. Sie waren einander begegnet, als jeder von ihnen schon eingeflochten war in den Kranz seines Lebens, gebunden mit Seide und Eisendraht. Nie hatten sie sich selbst oder einander vorgemacht, dass sie eine gemeinsame Zukunft hätten. Auf die Begegnung aber waren sie so unvorbereitet gewesen, dass es sie erfasste wie ein Sturmwind, in dem sie sich aneinander klammerten, lange genug, um einander nicht mehr loslassen zu wollen, auch als der Sturm sich legte und nur noch der nimmermüde Wind der Zeit sie umwehte, dem auch allein standzuhalten sie doch gelernt hatten. Und nun hielten sie einander mit den Briefen, woben Zeilen hin und her.

Nein, eine gemeinsame Zukunft hatten sie nicht, aber eine Zukunft sehr wohl. Das hatten sie nicht bedacht, oder jedenfalls sie hatte es nicht bedacht, wie Luise einräumte, dass die Liebe nicht einfach aufhörte, zur Erinnerung wurde, nur weil sie nicht gemeinsam gelebt werden konnte. Was Robert anging, erlaubte sie sich kein Urteil, schloss nur aus der Regelmäßigkeit seiner Briefe, dass es ihm ähnlich erging, es einzugestehen, ihm aber wie ein Eingeständnis von Schwäche vorgekommen wäre. Robert war stolz. Doch sein Stolz gehörte zu den Dingen, die sie an ihm liebte. Wenn sie sich an diesem Stolz wund rieb, gab sie sich selbst die Schuld. Nicht er verletzte sie, sie verletzte sich. Sie musste klüger werden und stärker.

Anfangs hatte sie ihre Verzweiflung manchmal hinausgeschrien in leidenschaftlichen Zeilen oder sich mit leisen Monologen gleichsam an seine Brust gelehnt, in der Hoffnung, in dem Echo, das ihre Worte finden könnten, seinen Herzschlag zu hören. Meistens hatte sie ihn schon im nächsten Brief um Vergebung gebeten. Antworte mir nicht, hatte sie geschrieben und daran geglaubt, dass seine Besonnenheit sie heilen würde. Aber heilen wovon? Sie wollte nicht geheilt sein, von dieser Liebe, die ja keine Krankheit war, sondern ein kostbares Geschenk, auch wenn sie litt. Hätte es sie getröstet, zu wissen, dass er ebenso litt? Sie wollte, dass er glücklich war, unbeschwert. Sie nahm sich vor, ihm nie wieder von ihrer Sehnsucht zu schreiben. Sie würde ihm nur noch schreiben, was sie unternommen hatte, von den Büchern, die sie gelesen hatte, von der nächsten Reise die sie plante. Sie wollte ihm eine Freundin sein, die Anteil nahm, wenn ihm etwas Sorgen bereitete, und sich mit ihm freute über alles Gute, das ihm widerfuhr. Und so war es doch auch. Sie wollte ihn glücklich wissen. Und wenn sie sich einer Sache sicher war, dann der, dass auch er sie glücklich wissen wollte. Von nun an würde sie schreiben, als wäre sie es.

Aber war das nicht Lüge? War das kein Bruch des Vertrauens, das ihnen so wichtig war? Sie musste es schaffen, tatsächlich glücklich zu sein. Nicht nur für Robert, auch für sich selbst. Nichts wollte sie lieber, als glücklich sein. Und hatte sie nicht jeden Grund dazu? Was sie und Robert verband, war etwas Seltenes, fast Überirdisches. Ja, das war das richtige Wort, befand sie. Eine Liebe wie nicht von dieser Welt. Eine Liebe, die nichts für sich wollte. Frei von Eifersucht und Eitelkeit. Absolut rein. Eine göttliche Liebe, wenn man an so etwas wie göttliche Liebe oder einen Gott überhaupt glaubte. Und vielleicht gab es ja in jedem Menschen etwas, das man als göttlichen Funken bezeichnen könnte, um es irgendwie zu benennen. Einen Funken, dem man nur Atem spenden musste, um ihn zu einer Flamme zu entfachen. Und sie atmete tief in sich hinein, inbrünstig, als würde sie beten. Robert und ich, dachte sie, wir sind wie Götter, und erschrak, weil sie genau an diesem Punkt sich selbst nicht mehr glaubte, und wusste, dass auch er ihr nicht glauben würde. Selbst wenn es ihr gelänge, wirklich glücklich zu sein, weil sie ihn auf eben jene Art liebte, würde er denken, dass sie ihn nicht mehr liebte, dass sie unmöglich so selbstlos sein konnte, und ihr Glücklichsein ein Indiz dafür war, dass sie aufgehört hatte, ihn zu lieben. Und diesen Gedanken ertrug sie nicht. Niemals sollte Robert an ihrer Liebe zweifeln.

Und so begann Luise den nächsten Brief, schrieb, dass sie das Buch, das er kürzlich gelesen und in seinem Brief erwähnt hatte, gekauft und bereits ausgelesen habe, bis tief in die Nacht hinein, weil es ihr so gut gefiel. Dann erkundigte sie sich nach dem Wohlergehen seiner Familie, vergaß auch nicht, danach zu fragen, ob der Wespenstich Komplikationen nach sich gezogen hatte. Wie auch hätte sie es vergessen können? Von kaum etwas anderem hatte Roberts letzter Brief berichtet, als dass sein Sohn von einer Wespe gestochen worden und der Arm so stark angeschwollen war, dass er mit ihm ins Krankenhaus hatte fahren müssen. Sie berichtete von einer lustigen Begebenheit auf der Geburtstagsfeier einer Freundin und davon, dass sie eine Fahrt aufs Land unternommen und bei einem Bauern Kirschen gekauft hatte, einen großen Korb voll, und dass sie deshalb zurzeit kaum etwas anderes esse als diese Kirschen. Sie waren köstlich und sollten nicht verderben. Um ihre Ernährung brauche man sich dennoch keine Sorgen zu machen, schrieb sie. Gestern Abend seien sie essen gegangen, mit einem befreundeten Ehepaar, der Mann Arzt, die Frau Journalistin. Ein angeregtes Tischgespräch. Nur als der Kellner das Essen servierte, habe sie plötzlich an ihn denken müssen, lebhaft vor sich gesehen, wie er sich über die Platte mit Fleisch und Gemüse gebeugt hätte, die Gabel schon in der Hand, um ihr dann durch den zarten Schleier aus Dampf mit gespieltem Bedauern zuzulächeln und den Vortritt zu lassen. Die anwesenden Herren dagegen hatten nicht vor den Damen zur Gabel gegriffen. In diesem Moment habe sie ihn sehr vermisst, schrieb sie, unterschrieb den Brief, verschloss das Couvert und brachte es zum Postkasten, bevor sie die letzten Sätze bereuen oder, schlimmer noch, ein Postskriptum hinzufügen konnte, dass sie sich später, kurz vor dem Einschlafen, erträumt hatte, er würde ihre Hand halten, so lebendig, als täte er es wirklich, und dass sie unter den geschlossenen Lidern die Tränen gefühlt hatte.

© Christa Hartwig

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