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Just an dem Tag, an dem ich die zeigerlose Uhr über dem Eingang des Bahnhofs Friedrichstraße fotografiert hatte, entdeckte ich in der Bahnhofsbuchhandlung Carson McCullers Roman. Es war jedoch nicht der Titel, der meine Aufmerksamkeit zuerst erregte, sondern die Abbildung von Edward Hoppers „Seven A.M.“ auf dem Einband, und erst danach fiel mir die seltsame Koinzidenz auf. Die Wahl des Titelbildes ist hintersinnig. Zwar könnte man sagen, Aus den Gemälden Hoppers könnte man zu jedem amerikanischen Roman seit der Moderne ein passendes Titelbild auswählen, aber ein flüchtiger Blick auf die Biographien Hoppers und McCullers offenbart den Umstand, dass McCullers nicht nur im selben Jahr wie Hopper (1967) starb, sondern dies auch noch in seinem Geburtsort Nyack. Da McCullers in ihrem letzten Roman die Unabwendbarkeit des Todes thematisiert hat, konnte das Titelbild passender nicht gewählt sein. Meine Anerkennung an den Diogenes-Verlag dafür und dazu meine Dankbarkeit, weil eine große Zahl der dort veröffentlichten Klassiker, gerade mal wieder zu reduzierten Preisen im Handel sind.

Vor einigen Jahren hatte ich Carson McCullers’ wohl bekanntesten Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ gelesen. Ich musste einen Blick auf den Klappentext werfen, um meiner Erinnerung aufzuhelfen. Ein Gefühl von Beklemmung war geblieben und hatte mich daran gehindert, mir das Buch nochmals vorzunehmen. Seltsam, denn der Autorin war nicht nur von den angesehenen Literaturkritikern angesehener Zeitschriften, sondern auch von ihren amerikanischen Kollegen wie William Faulkner und Tennessee Williams und dem Deutschen Siegfried Lenz höchstes Lob zuteil geworden. Die Beklemmung hatte auch persönliche Gründe. Das Amerika, genauer, die Südstaaten dieses Amerikas bis in die 60er des letzten Jahrhunderts hatte auch ich noch hautnah erlebt, als ich mit meinem damaligen Mann im Auto unterwegs war, und er mich im fahrenden (!) Wagen plötzlich aufforderte, meine Tür zu verriegeln, denn wir würden jetzt durch „Niggertown“ fahren. Ich war zutiefst schockiert. Wir hatten über die Rassenfrage und unsere Einstellungen dazu nie gesprochen. Für mich war es keine Frage und für ihn offenbar auch nicht. Wie naiv kann man sein!? Mit diesem einen Satz kündigte sich ein abgrundtiefes Zerwürfnis an, dessen Trauma, wenn es auch noch andere Gründe hatte, stets wieder beschworen wird, wenn ich mich mit Literatur zum Thema beschäftige.

Nun habe ich aber so etwas wie ein literarisches Pflichtbewusstsein, und das heißt, dass ich sehr selten ein Buch nicht zu Ende lese. Im Fall von „Uhr ohne Zeiger“ eine doppelte Herausforderung, denn ich hatte gerade zu lesen angefangen, als eine Augeninfektion mich nicht nur zwang, auf Kontaktlinsen zu verzichten, sondern mein Sehen auch sonst erheblich beeinträchtigte. Ich habe die ersten zwei Drittel des (noch dazu recht klein gedruckten) Buches mit der Lupe lesen müssen und mich einige Male gefragt, warum ich mir das antue. Nicht, weil ich den Roman für schlecht hielt, sonder eher für „nicht mein Ding“. – Ich wurde belohnt.

Mit einer Szene, in der der junge Jester Clane den Saufaus Sammy Lank im Schul-Flugzeug mitnimmt, ursprünglich mit dem Vorsatz, ihn während des Flugs zu erschießen, weil Sammy den Mischling Sherman, zu dem Jester eine ihm selbst nicht erklärliche Zuneigung gefasst hatte, auf den Beschluss einer Ku-Klux-Klan-Versammlung hin umgebracht hat, versöhnt Carson McCullers mit allen beim Lesen erduldeten unguten Gefühlen, die in den von Jesters Großvater formulierten Sätzen: „Es ist ein trauriger Beitrag zum Wesen der menschlichen Natur, aber jedermann muss jemanden haben, auf den er herabsehen kann. Und die Sammy Lanks von dieser Welt haben nur die Nigger, auf die sie herabsehen können“, ihren Klimax erfuhren.

Wenn man aus einer Höhe von siebenhundert Metern hinunterblickt, beginnt sich auf der Erde alles zu ordnen. Eine Stadt, sogar Milan, wird symmetrisch, wird makellos wie eine kleine graue Bienenwabe, wird vollkommen. Das umgebende Gelände scheint von einem Gesetz bestimmt, das gerechter und mathematisch richtiger ist, als die Gesetze auf Grund von Besitzrecht und Fanatismus sind: ein dunkles Parallelogramm von Kiefernwäldern, quadratischen Äckern, Rechtecken von Wiesenland. An diesem wolkenlosen Tag ist der Himmel auf allen Seiten und über dem Flugzeug eine blinde, eintönige Bläue, undurchdringlich für Auge und Phantasie, doch die Erde tief unten ist endlich und rund. Von dieser Höhe siehst du nicht den Menschen und die Einzelheiten seiner Demütigung. Aus einer großen Entfernung ist die Erde vollkommen und ganz.

Doch ist es eine Ordnung, die dem Herzen fremd ist, und um die Erde zu lieben, mußt du ihr näherkommen. Wenn du tiefer gleitest, tief über Stadt und umliegendes Land, dann bricht das Ganze in einer Vielfalt von Eindrücken auseinander. Die Stadt bleibt in allen Jahreszeiten ziemlich gleich, aber das Land verändert sich. Im Vorfrühling sind die Felder hier wie Flicken aus abgetragenem grauem Rippensamt, und alle gleich. Jetzt aber kannst du anfangen, die Felder zu unterscheiden: das Graugrün der Baumwolle, das dichte Spinnweb der Tabakfelder, das brennende Grün vom Mais. Wenn du nach innen kreist, wird die Stadt verdreht und vielfältig. Du siehst die verschwiegenen Winkel all der traurigen kleinen Hinterhöfe. Graue Zäune, Fabriken, die flache Hauptstraße. Von der Luft aus gesehen sind die Menschen eingeschrumpft, sie wirken wie mechanische, aufgezogene Puppen. Automatisch scheinen sie zwischen ihren Zufallsnöten herumzusurren. Du siehst ihre Augen nicht. Und das ist schließlich nicht zu ertragen. Die ganze Erde, aus großer Entfernung gesehen, bedeutet weniger als ein einziger langer Blick in ein Paar Menschenaugen. Selbst in die Augen des Feindes.

Wegen der oben erwähnten günstigen Gelegenheit, hatte ich mir auch noch Carson McCullers Kurzgeschichten-Band „Madame Zilensky und der König von Finnland“ gekauft. Ich werde das Buch lesen – allerdings nach einer kleinen Verschaufpause bei einem Krimi.

Carson McCullers
Uhr ohne Zeiger
Diogenes Verlag, 2007
Taschenbuch, 220 Seiten
ISBN: 9783257201468

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