Am 8. Februar hatte der Deutschlandfunk in der Sendereihe „Andruck“ das gerade erst erschienene Buch „Unser kleines Dorf“ vorgestellt, in welchem die Autoren Josef Nussbaumer, Andreas Exenberger und Stefan Neuner „ein Gedankenexperiment wagen“. Sie entwerfen, so steht es im Text zur Sendung „ein Dorf namens ‚Globo‘, das hundert Einwohner hat. Hier sind die globalen Probleme verdichtet: Wirtschaft, Ernährung, Konsum. Arbeit, Energie, Verkehr.“

Die Sendung hatte sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit, weil auch ich gelegentlich darüber sinniert hatte, ob es nicht gut wäre, die komplexe Problematik des globalen Miteinanders auf eine Art Zwergplaneten herunterzurechnen, auf dem jeder jeden kennt, jeder ein Gesicht hat und somit Interessen und Konflikte unsere Anteilnahme finden. Wir können ja nie mit Millionen fühlen, sondern nur mit Einzelnen.

Als ich Hugendubel ansteuerte, um „Unser kleines Dorf“ sofort (!) zu kaufen, erwartete ich, es, wenn schon nicht im Schaufenster, so doch gut sichtbar auf einem der Tische mit den Neuerscheinungen zu finden. Tatsächlich entdeckte ich es nirgends, und der Verkäufer, den ich schließlich ansprach, zuckte auch nach ein paar Tasten-Klicks auf seinem Computer bedauernd die Schultern. Dank sei also einmal mehr der Buchhandlung Jo Fürst, die ein bisschen genauer nachgeschaut hat, das Buch für mich bestellte, und … nach einer Woche wurde es dann auch geliefert. Das kleine Dorf kam nämlich aus Österreich, und das dauert immer etwas länger.

Wirklich schade ist, dass dieses kleine Dorf Globo nicht auch in Österreich liegt. Läge es zum Beispiel bei Berlin, würde es vermutlich Globow heißen, in Frankreich vielleicht Val du Globe, in Sizilien San Globo

Läge Globo in Sizilien wäre vielleicht auch diese Passage anschaulicher darzustellen:

Im 20. Jahrhundert kam es zu zwei großen Kriegen und einer schweren Wirtschaftskrise. Dabei starb im Gefolge des ersten großen Krieges einer der damals 29 Menschen im Dorf an einer Grippe-Epidemie, und im zweiten Krieg einer von 40 durch die Kämpfe, zudem kam es zu furchtbaren Zerstörungen in Teilen des Dorfes.

In einem sizilianischen Dorf wären Fehden zwischen Familien denkbar. Im Entwurf der Autoren aber ist Sizilien ein so kleiner Teil des Dorfes, dass man es schlicht nicht wiederfindet. Schon im Prolog entschuldigen sich die Autoren dafür, dass es in ihrem Dorf keine halben Einwohner gibt, obwohl die Prozentzahlen, die dem Modell zugrunde liegen, natürlich Stellen hinter dem Komma haben. Ich möchte mir auch keine halben oder viertel Menschen vorstellen müssen. Grundsätzlich aber möchte ich mir Menschen vorstellen können – lebensnah, lebendig, und das will bei der Lektüre des Buches leider nicht besser gelingen als beim Lesen anderer statistischer Abhandlungen. Dabei haben Nussbaumer, Exenberger und Neuner die Tücken der Statistik klar erkannt:

Wenn ein Jäger einem Hasen nachstellt und einmal genau 5 Meter links und bei seinem zweiten Schuss genau 5 Meter rechts an ihm vorbei schießt, dann wäre der Hase statistisch betrachtet im Durchschnitt dieser beiden Schüsse mausetot.

Bedauerlicherweise liest man das Buch und liest eben doch Statistik, die durch den ständigen Verweis auf das gedachte Dorf nicht anschaulicher wird – eher umständlicher. Dass Prozent von hundert bedeutet, das haben wir schon in der Grundschule gelernt. Und dass die Welt kein Dorf ist, hatte eine Berliner Göre wie ich spätestens begriffen, als ich das erste Mal allein die Straße überqueren durfte. Genau deshalb sollte ich alle Versuche, mir die Welt als Dorf vorzustellen, lieber aufgeben. Wenigstens diese Erkenntnis hat die Ausgabe von 29,90 Euro für ein Paperback (!) gebracht.

Cover

Josef Nussbaumer, Stefan Neuner
Unser kleines Dorf: Eine Welt mit 100 Menschen
IMT-Verlag (4. November 2009)
ISBN 3950278605 / 978-3950278606

Wer einfach seinen Spaß daran hat, die Menschheit auf 100 Personen herunterzurechnen, findet Zahlen auch im Internet, z.B.. bei

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Und diese Zahlen wurden gerne als E-Mail verschickt – mit dem Nachsatz:

Wenn Du diese Nachricht erhältst, bist Du direkt zweifach gesegnet:

Zum einen weil jemand an Dich gedacht hat, und zum anderen weil Du nicht zu den zwei Milliarden Menschen gehörst, die nicht lesen können.

Arbeite, als bräuchtest Du kein Geld.
Liebe, als habe Dir nie jemand etwas zuleide getan.
Tanze, als ob niemand Dich beobachte.
Singe, als ob niemand Dir zuhöre.
Lebe, als sei das Paradies auf Erden.

Schicke diese Nachricht an Deine Freunde. Wenn Du sie nicht weiter
schickst, wird gar nichts passieren. Wenn Du sie weiter schickst, wird
jemand beim lesen lächeln.

„Liebe, als habe Dir nie jemand etwas zuleide getan.“
Wie viele von 100 Dorfbewohnern das wohl können?