Leute, die nicht fühlen, aber glauben, dass sie fühlen, funktionieren besser.

Urs Widmer

Das Zitat fand ich auf der Seite des Diogenes-Verlags, unter der Kurzbiographie von Urs Widmer, den ich als Autor gerade sehr gelobt habe. Ich las den Satz, fand ihn einprägsam und geradezu logisch, aber dann…

Das Aber entzündete sich nicht am Funktionieren – obwohl ich nicht gern von funktionieren und Funktion spreche, besonders wenn nicht von Maschinen, sondern von Menschen die Rede ist. Das Aber tauchte auf, als ich mich fragte, woher man denn wissen soll, ob man fühlt oder nur glaubt zu fühlen? Wer glaubt, zu fühlen, sagt: Ich fühle. Und wenn man sich schon der Echtheit der eigenen Gefühle nicht sicher sein kann, wie will man dann die Echtheit der Gefühle Anderer beurteilen?

Ein mehr als mein halbes Leben zurückliegender Zahnarztbesuch fiel mir ein. Anlass: Ein vereiterter Backenzahn, völlig hinüber, den mein Zahnarzt nicht ziehen wollte, bevor die Vereiterung nicht ausbehandelt war. Täglich lief ich in die Praxis, der Bereich des Kiefers wurde vereist, aber die Wirkung hielt höchstens eine Stunde an. Die restlichen 23 Stunden des Tages verbrachte ich mit höllischen Zahnschmerzen. Schließlich – das Wochenende stand bevor und damit zwei Tage ohne wenigstens diese eine Stunde der Linderung – war ich so verzweifelt, dass ich in eine zahnärztliche Notfallpraxis in der Nähe meiner Wohnung ging. Gegen die Bestimmungen der Krankenkasse hatte ich einen weiteren Behandlungsschein aus meinem Heft genommen. Zulässig war nur ein Schein pro Quartal. Ich bestand darauf, dass mir der Zahn gezogen wurde – vereitert oder nicht. Der junge Zahnarzt sah darin kein Problem, und als er feststellte, dass die erste Spritze den Zahn nicht betäubt hatte, gab er mir eine zweite. Auch diese wirkte kaum, aber er machte sich ans Werk. Die Finger um die Lehnen des Behandlungsstuhls gekrallt, ließ ich es über mich ergehen und dachte (soweit mir das Denken noch möglich war), dass ich nun wusste, was die Menschen ausgehalten hatten, als Zähne noch vom Barbier gezogen wurden. Der Arzt, irritiert über meine nicht zu verleugnenden Schmerzen, sagte: „Das kann gar nicht wehtun.“ Eine Unverschämtheit! fand ich, und noch die Erinnerung empört mich.

Mit seinen Worten bezieht sich Widmer natürlich nicht auf körperliche Empfindungen. Tatsächlich aber kann man sich auch solche einbilden. In der Schule erzählte ein Lehrer einmal von einem Versuch, den Ärzte unter Hypnose gemacht hatten, indem sie der Versuchsperson sagten, sie würde mit einem glühenden Metallstab berührt, obwohl tatsächlich nur ein Bleistift zum Einsatz kam. Der mit dem Bleistift traktierte Patient schrie nicht nur auf vor Schmerzen, auf der Haut bildete sich sogar eine Brandblase. Noch erstaunlicher war, dass es auch umgekehrt funktionierte: Berührung mit einem Glühenden Stab, der als Bleistift ausgegeben wurde – kein Schmerzempfinden und keine Hautreaktion! Und wenn ich das jetzt einmal auf Emotionen übertrage, stellt sich die Frage, ob man nicht nur glauben kann, etwas zu fühlen, sondern auch, nichts zu fühlen, und dabei ebenso im Irrtum sein.

Oft wird von echten Gefühlen gesprochen. Von unechten Gefühlen eher nicht, und das mag daran liegen, dass sich hier offenbart, wie schwierig es ist, eine Aussage über Gefühle zu treffen. Wir reden ja nicht von Heuchelei, der bewussten Vortäuschung eines Gefühls, sondern von einer unbewussten Selbsttäuschung. An der Echtheit eines Gefühls kommen uns höchstens im Nachhinein Zweifel, wenn zum Beispiel jemand, der gerade noch tief bekümmert zu sein schien, sich allzu bald wieder vergnügt zeigt, obwohl sich an dem Grund des Kummers nichts geändert hat. Gewagt wäre es auch, an Gefühle eine ästhetische Messlatte zu legen, sie deshalb für unecht zu halten, weil der (vermeintlich oder tatsächlich) Fühlende dies auf eine Weise zum Ausdruck bringt, die einem Groschenroman entsprungen zu sein scheint, und dann schon lieber echte Gefühle da vermuten, wo sie überhaupt nicht gezeigt werden.

Als ich nun der Antwort kein Stück näher kam, wandte ich mich doch wieder dem Schluss von Widmers Satz zu: „…funktionieren besser.“

Wenn ich überhaupt davon spreche, dass jemand funktioniert, dann üblicherweise in dem Sinne, dass jemand die ihm zugedachte oder von ihm selbst gewählte Rolle spielt. Dieses Spiel erfolgt nicht selten mit einem hohen Maß an Identifikation. Die Rolle ist vorgegeben, und man füllt sie aus – vielleicht so sehr, dass man keinen Unterschied mehr sieht zwischen dem Selbst und der Rolle. Mancher mag sogar glauben, sich in dieser Rolle erst zu verwirklichen. Setzt man das in Beziehung zu Gefühlen, könnte man sagen, dass man in ein angestrebtes Gefühl auch schlüpfen kann wie in eine Rolle. Wer sich verlieben möchte, findet oft schnell das „geeignete Objekt“. Wem der Sinn nach Rage steht, der findet leicht etwas, worüber er in Wut geraten kann. An der Echtheit solcher Gefühle darf man gewisse Zweifel hegen, aber jemand, der seine Gefühle anstrebt, hat natürlich mehr Kontrolle darüber als jemand, bei dem Gefühle unkontrolliert entstehen. Er/sie kann sich aus seinen Gefühlen auch wieder lösen, wenn diese nicht mehr opportun sind. Kurz: „Leute, die nicht fühlen, aber glauben, dass sie fühlen, funktionieren besser.“

Also doch ein ganz guter Satz. Aber…

Kann ich jetzt denjenigen meiner Gefühle, die mir eigentlich nicht in den Kram passen, ohne die das Leben, wenn schon nicht schöner, so doch leichter wäre, zumindest das Prädikat „ECHT“ verleihen? Und dann wären da noch Gefühle, die mir durchaus willkommen sind, an deren Echtheit ich aber dennoch nicht zweifeln möchte.

Es bleibt eben schwierig… mit den Gefühlen, und mit dem Glauben an ihre Wahrhaftigkeit.

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