Nachdem am 24. Januar in der Akademie der Künste die Ausstellung „George Grosz – Korrekt und anarchisch“ eröffnet worden war, stand ich in der Buchhandlung und kämpfte arg mit mir, welches der Bücher über Grosz ich mir kaufen sollte. Die verschiedenen Bände mit Zeichnungen einschließlich des Ausstellungskatalogs schienen mir dann aber nicht so dringlich. Noch bis zum 5. April habe ich ja Gelegenheit, mir die Originale am Pariser Platz anzuschauen. Also entschied ich mich für seine Autobiografie „Ein kleines JA und ein großes NEIN“ und habe es nicht bereut, denn ich lese sie nicht nur mit Interesse, sondern auch mit Vergnügen.

Der Künstlerberuf war dem Sohn einer Witwe, die ein Offizierskasino in Stolp bewirtschaftete, nicht eben in die Wiege gelegt worden, das Talent aber schon, und wie er die eigene Neigung von Kindheit an pflegte und unbeirrt, wenn auch nicht immer schnurgerade seinen Weg ging, beschreibt Grosz in seinen Memoiren sehr sympathisch und ehrlich und sagt selbst über das Buch im Vorwort: „Dies ist der Versuch einer Autobiographie – und der Leser soll wissen, daß ich das, was ich nicht sage, auch nicht sagen will…“

Das Buch ist recht dick und entsprechend schwer, und so trage ich es nicht zum Lesen mit mir herum und bin deshalb erst auf Seite 122. Die folgende Passage will ich schon mal vorstellen – und dies mit besonders lieben Grüßen an Phillipp, der sich immer selbst rügt, wenn er beim Zeichnen und Malen meint, einem Vorbild zu deutlich zu folgen. Der große Grosz hat es nämlich nicht anders gemacht, und ohne die Beeinflussung der Künstler untereinander, gäbe es überhaupt keine Kunstgeschichte und hätte die Kunst nie die Bedeutung erlangt, die sie tatsächlich hat.

Der erste kleine Erfolg belebte meinen angeborenen Fleiß. Es war der Korbmacherfleiß meines Großvaters. Während draußen die Vögel in den Bäumen zwitscherten und die Sonne in mein Fenster schien, zeichnete ich Hunderte von Blättern. Sie stellten eigentlich immer dasselbe dar: zwei Figuren, die dich gegenüberstanden, grotesk verzerrt. Dazu erfand ich Witze. Sie waren meist recht unwitzig und schematisch, aber die Zeichnungen waren leichter verkäuflich, wenn ich die Witze mitlieferte. Allmählich wurde es eine wahre Schinderei, passende Witze zu finden, denn ich war kein Witzbold, und meine Weiterreise zur Vereinsamung, zur Sammlung, zum wirklichen Humor und zur gerechten Verachtung der Masse hatte noch nicht begonnen. Nur meine Fahrkarten hatte ich in der Tasche.

Ich war ein Esel unter Eseln, aber sehr heiter, wenn ich jetzt daran zurückdenke. Unter dem Einfluß meiner Vorbilder ging es mir wie allen, die ein zeichnerisches Talent ererbt haben: ich verlor ganz die naive Ursprünglichkeit meiner Schuljungen- und Kindheitszeichnungen. Dafür gewann ich eine rein manuelle Geschicklichkeit. Technisch probierte und experimentierte ich mit allen abgedruckten Methoden, bis vor lauter Spritzbürste und Mustersieb überhaupt keine Groszphysiognomie mehr zu erkennen war. Merkwürdig, merkwürdig: wenn ich auch Daumier, Lautrec, Forain und die japanischen Holzschneider und Zeichner von Ferne kennengelernt hatte, so trat ich doch nicht direkt in ihre Fußstapfen, sondern auf Umwegen in die ihrer kleineren Nachtreter. So kam zum Beispiel Preetorius sichtlich von Hokusai her und der Wiener Julius Klinger, dessen Muster ich fast kopierte und von dem ich mir auch eine bestimmte Art, stilisierte Schuhe zu zeichnen, angewöhnte, von Aubrey Beardsley – aber der richtige Beardsley ließ mich seltsamerweise kalt. Ich nahm die Epigonen ernster als die Schöpfer. Sogar so rührend kleine Unbekannte wie der obenerwähnte Herbert Schulz-Berlin machten mir Eindruck: der hatte so eine Gulbranssonsche Manier, und ich wiederum nahm von ihm eine gewisse Art regenfädigen, parallelen Strichs an. Auch Hermann Vogel-Plauen, ein Mitarbeiter der „Fliegenden Blätter“, beeinflußte mich. Herr Chefdekorationsmaler Grot hatte mich schon in Stolp, als ich noch auf der Schule war und seinen sonntäglichen Zeichenkurs in Linienstilistik besuchte, auf Vogel-Plauen hingewiesen. Grot hatte ihn einmal in Plauen besucht und erzählte fasziniert von dem kleinen Buckligen, dessen Blätter späte Früchte der großen romantischen Zeichnertradition Moritz von Schwinds und Ludwig Richters waren. Er konnte alle Tiere zeichnen: Eichhörnchen, Hasen, Eulen, Stare und den schlauen Fuchs im Bau. Wie ein Schwindscher Eremit war er im deutschen Wald zu Hause. Ich liebte ihn sehr und glaube, daß heute meine Blätter viele Spuren seines guten Einflusses aufweisen.

Es war einfach toll, was man so alles machte – denn war ich nicht gleichzeitig von August Hayduk begeistert, der damals ganz „schick“ war und Annoncen für das große „Kaufhaus des Westens“ zeichnete? Schwerlich hätte jemand in meinen Zeichnungen aus jener Zeit den späteren Grosz ahnen können. Und doch war ich im allgemeinen recht zufrieden mit mir und meiner Umgebung. Man druckte Sachen von mir und würde gewiß öfters welche drucken.

Cover_George_Grosz_Ein_kleines_Ja

George Grosz – Ein kleines Ja und ein großes Nein
Sein Leben von ihm selbst erzählt

Im Anhang:
Ulrich Becher, Der große Grosz und eine große Zeit
Mit zahlreichen Farbtafeln und Abbildungen

Schöffling, Frankfurt am Main 2009
416 Seiten. Fadenheftung. Gebunden.
ISBN: 978-3-89561-332-6

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