Wie die meisten Menschen, lese auch ich zur Entspannung gerne Krimis. Dass ich mit den Fällen des Commissario Brunetti auf dem Laufenden bin, danke ich meinem Großen Küken, die mich damit versorgt, kaum dass die Taschenbuchausgabe im Handel ist, um das Buch anschließend selbst zu lesen. Beim Stöbern in einer Buchhandlung ertappte ich sie aber kürzlich bei einer Nachlässigkeit. Den 15. Fall hatte sie mir doch glatt unterschlagen. Also schlug ich zu. Natürlich nicht mein Kind, sondern einkaufstechnisch. Und vorhin stieß ich auf eine Passage, die wunderbar zum Thema „Glas“ passt, das ich doch kürzlich in den Einträgen „Manchmal…“ und „apropos Glas“ behandelt habe, und die ich deshalb hier wiedergeben möchte:

Die metallene Schiebetür zu dem ersten großen Backsteingebäude stand gerade so weit offen, daß eine einzelne Person rein- oder rausschlüpfen konnte. Den eintretenden Brunetti umfing eine Dunkelheit, an die seine Augen sich erst gewöhnen mußten; dann aber starrte er wie gebannt ans andere Ende der schummrigen Halle, fühlte er sich doch unversehens in ein Gemälde von Caravaggio versetzt. Vor dem offenen Schlund eines runden Brennofens verharrten, vom spärlichen Tageslicht, das durch die Dachluken hereinsickerte, und dem flackernden Feuerschein schemenhaft beleuchtet, sechs Männer in malerischer Pose. Im nächsten Moment regten sie sich, und das Bild zerfiel in jenen ausgeklügelten Bewegungsablauf, der Brunetti von Kind auf im Gedächtnis geblieben war.

Zwei wuchtige Öfen standen an der rechten Wand, doch der forno di lavoro thronte frei inmitten der Halle. Zur Zeit waren offenbar bloß zwei Teams im Einsatz; jedenfalls sah Brunetti zwei maestri, die jeder einen Klumpen geschmolzenes Glas an der Spitze ihrer canne kreisen ließen. Einer schien an einer Schale zu arbeiten, denn während er die Stange drehte und wendete, formte sich aus dem zähflüssigen Klumpen mit Hilfe der Zentrifugalkraftallmählich eine Art Suppenteller, der bald flach wie eine Pizza wurde. Im Geiste fühlte Brunetti sich zurückversetzt in die fornace, in der vor Jahrzehnten sein Vater gearbeitet hatte – […]

An sich war Brunetti kein großer Ballettfreund, aber in den rhythmischen Bewegungen dieser Männer offenbarte sich ihm eine Schönheit, wie andere sie an einer gelungenen Choreographie bewundern. Den Glasmacherstab emsig weiterdrehend, tänzelte der maestro hinüber zum Schmelzofen, und als er sich mit der linken Seite zum Feuer wandte, sah Brunetti den dicken Handschuh und den wattierten Ärmel, die er zum Schutz gegen die mörderische Hitze trug.. Blitzschnell fuhr die canna in die Glut, wobei das Werkstück an ihrer Spitze nicht mehr als einen Zentimeter an dem massiven Türrand vorbeischwebte.

Brunetti trat näher, reckte sich und spähte über den maestro hinweg in die Flammen, aus denen ihm das Inferno seiner Schulzeit entgegenloderte, jener Höllenschlund, mit dem die Barmherzigen Schwestern ihm und der ganzen Klasse gedroht hatten: daß er sie zur Strafe für jedes Vergehen, und sei es noch so gering, verschlingen würde. Weß, gelb und rot glühte das Feuer, und mittendrin sah Brunetti die kreisende Schale sich verfärben, wachsen, Gestalt annehmen.

Sobald der maestro sie, abermals nur um Haaresbreite an der Tür vorbei, aus dem Ofen gezogen hatte, balancierte er damit zu seiner Werkbank, griff blind nach einer überdimensionierten Pinzette, preßte, wiederum ohne hinzusehen, die Spitze einer Greifbacke gegen die Schale und schnitt unter nimmermüdem Drehen, Drehen, Drehen eine Rille in die Oberfläche. Ein Scheibchen des zähflüssigen Glases schälte sich vom Werkstück ab und segelte zu Boden.

Auf ein für Brunetti unsichtbares Zeichen hin eilte der servente herbei und trug die canna zum Brennofen, während der maestro unter seinen Stuhl langte, eine Flasche hervorholte und sich einen langen Schluck genehmigte. Kaum hatte er die Flasche abgesetzt, da war der servente wieder zur Stelle und übergab ihm die canna mit der frisch erhitzten Schale. Das Zusammenspiel der beiden war so geschmeidig wie das flüssige Glas, das sie bearbeiteten.

Was die sich im kunstvollen Handwerk offenbarende Schönheit angeht, teile ich die Empfindungen des Commissario, und für solche Textpassagen sehe ich der Leon den Schatten des erhobenen Zeigefingers nach, der manchmal störend auf die Seiten fällt. Es macht ihre Krimis interessant, dass sie brisante und gesellschaftskritische Themen aufgreift, und den Leser zum kritischen und selbstkritischen Nachdenken anzuregen, war schon immer und ist vornehme Pflicht eines Autors. Nur sollte der Leser nie das Gefühl haben, dass er durch die Lektüre erzogen werden soll, und genau dieser Eindruck entsteht beim Lesen der Brunetti-Krimis leider zuweilen. Da ich aus ihren Büchern aber noch immer etwas gelernt habe, nehme ich das Pädagogische – wenn auch leise murrend – in Kauf.

Und für alle, die das Ganze doch lieber etwas „bildlicher“ möchten, gibt es hier
drei Videos, zwar in sehr kleiner Ansicht, dafür aber ohne nervenaufreibende Ladezeiten oder trommelfellzerfetzende Geräuschkulisse.

Donna Leon „Wie durch ein dunkles Glas“
Commissario Brunettis fünfzehnter Fall.
Diogenes Verlag AG, Oktober 2008
Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN: 3257237863

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