Es mochte an der Jahreszeit liegen, dass Rosenbach sich müde und verdrossen fühlte. Als es jedoch auf Weihnachten ging, und der Zustand unverändert anhielt, beschloss er, Dr. Mühlendorf aufzusuchen. Mit ihm verband ihn seit der Schulzeit jene Art von Freundschaft, die zu keinem Zeitpunkt besonders eng gewesen war, und gerade das gestattete ihm, sich nach Jahren ins Gedächtnis zu bringen, ohne Ausreden erfinden zu müssen, warum er so lange nichts von sich hat hören lassen.

Rosenbach hatte seinen Besuch telefonisch angekündigt, und Mühlendorf hatte ihm einen Termin gegeben, direkt nach dem des letzten Patienten in dieser Vormittagssprechstunde. Schon am Telefon hatte er die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass man vielleicht gemeinsam zu Mittag essen könnte, und mit der Frage geschlossen: „Oder macht der Magen dir Probleme?“
„Nein, mit meinem Magen ist alles in bester Ordnung“, hatte Rosenbach geantwortet. Auf den Grund seines Besuchs war er am Telefon nicht eingegangen, hatte aber auch keinen Zweifel daran gelassen, dass er ärztlichen Rat brauchte.

Als er nun Mühlendorf gegenüber saß, wusste er nicht, wie er beginnen sollte. Seine Unpässlichkeit erschien ihm plötzlich lächerlich, nichts, weshalb man sich in Behandlung begibt. Er ließ den Blick über die Einrichtung des Sprechzimmers gleiten, den antiken Bücherschrank, durch dessen geschliffene Glasscheiben man die Lederrücken alter Bücher sah, einen geschnitzten Blumentisch, auf dem eine ebenmäßig gewachsene Araukarie einen idealen Standort gefunden zu haben schien, und zwei schön gerahmte Landschaftsgemälde, über einem sachlich modernen Büromöbel mit Schubladen für Hängemappen und einem dazu passenden, das vermutlich Medikamente enthielt.
„Schön hast du deine Praxis eingerichtet“, sagte Rosenbach anerkennend.
„Ja, ich fühle mich auch wohl hier“, erwiderte Mühlendorf, „aber wenn ich dich richtig verstanden habe, lässt dein Wohlbefinden zu wünschen übrig. Wo fehlt es denn?“
„Wahrscheinlich ist es nichts“, antwortete Rosenbach und ärgerte sich, dass er sich mit Mühlendorf nicht gleich nur zum Essen verabredet hatte. Dabei wäre schließlich auch Gelegenheit gewesen, seine anhaltende Müdigkeit ganz nebenher zu erwähnen, und sich ein gutes Vitaminpräparat empfehlen oder zu einigen Aufbauspritzen raten zu lassen.
„Festzustellen, ob es nichts ist, überlässt du bitte mir“, sagte Mühlendorf, „oder willst du mich um mein Honorar bringen?“ Er lachte.
„Oh, keine Sorge. Ich werde deine vermutlich horrende Rechnung mit Freuden bezahlen, wenn es dir gelingt, mich etwas munterer zu machen“, entgegnete Rosenbach ebenfalls lachend, und dann blieb ihm nichts übrig, als zu schildern, seit wann es ihm so ging, und wie sein ganzes Lebensgefühl angefangen hatte darunter zu leiden. Während er sprach, ruhte Mühlendorfs Blick geradezu wohlwollend auf ihm, so dass Rosenbach argwöhnte, sich eben jetzt wirklich lächerlich zu machen und die erwähnte Rechnung mit jedem Satz in die Höhe zu treiben.

„Gut“, sagte Mühlendorf, als er geendet hatte, „Sorgen scheinen es jedenfalls nicht zu sein, die dich niederdrücken.“
„Was sollte mich beunruhigen?“ erwiderte Rosenbach. „Gemessen an der allgemeinen Wirtschaftslage, läuft mein Geschäft zufriedenstellend, und selbst wenn es anders wäre, bin ich nicht der Typ, der sich Sorgen macht. Aber vielleicht ist das der eigentliche Grund. Ich bin gelangweilt. Ja, jetzt wo ich darüber nachdenke, kommt es mir so vor. Hätte ich geschäftliche Sorgen, hätte ich gar keine Zeit, mich mit meinen Befindlichkeiten zu beschäftigen. Und privat – du kennst mich, bin ich noch nie eine Verantwortung eingegangen, die mir den Schlaf rauben könnte. Ich schlafe wie ein zufriedenes Kleinkind. Deswegen verstehe ich die Müdigkeit ja nicht. Hätte ich Familie, so wie du, gäbe es vermutlich immer etwas, worüber ich mir den Kopf zerbrechen müsste.“
„Na, gar so spannend ist ein Familienleben auch nicht immer“, widersprach Mühlenberg. „Manchmal wünschte ich mir fast, eines meiner Kinder würde in der Schule Ärger machen, oder einen handfesten Krach mit meiner Frau. Ein wenig frischen Wind eben. Hätte ich nicht ein paar Patienten mit ernsthaften Problemen, würde ich wohl vor Langeweile eingehen. Andererseits…“ Er brach ab und klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers auf die Schreibtischplatte aus Nussbaumholz. „Um körperliche Ursachen auszuschließen, lässt du dir von meiner Arzthelferin gleich einen Termin fürs Labor geben. Das Übliche. Dann sehen wir weiter. Jetzt aber würde ich dir gerne meinen geheimen Garten zeigen.“ Damit erhob er sich.

Rosenbach hatte damit gerechnet, dass sich hinter einer der Türen in der Praxis ein Wintergarten mit den exotischsten Pflanzen oder mit Heilkräutern befand, oder dass der Freund den schönen Bücherschrank öffnen würde, um ihn mit einer antiquarischen Rarität zu beeindrucken, einem botanischen Buch oder einer Gedichtsammlung. Der geheime Garten, diese drei Worte glaubte Rosenbach mehrmals in unterschiedlichem Zusammenhang und mit verschiedener Bedeutung gehört zu haben. Noch bevor eine seiner Vermutungen sich bestätigen konnte, klingelte das Telefon. Es musste Mühlendorfs Frau sein, denn nachdem er kurz zugehört hatte, sagte er: „Nein, heute nicht, mein Schatz. Ein Freund ist zu Besuch gekommen, und wir gehen jetzt in einem Restaurant etwas essen.“
Natürlich, folgerte Rosenbach, „Der geheime Garten“ musste der Name eines Restaurants sein.

Mühlendorf riet ihm, sein Auto stehen zu lassen und bei ihm mitzufahren. An der übernächsten Straßenecke hielt er bei einem Bäcker mit Kaffeeausschank an, ließ zwei Vollkornbrötchen dick mit Schinken belegen, orderte dazu zwei große Becher Kaffee, und Rosenbach, der den Proviant auf dem Schoß halten musste, während Mühlendorf den Motor wieder anließ, begriff, dass sie tatsächlich auf dem Weg zu einem Garten waren.

Der Wintertag war mild, aber der Himmel sah aus, als würde es bald Schnee geben. Als sie die Stadt hinter sich ließen, erstreckte sich die Landschaft fast farblos vor ihnen. Selbst das Rot eines Ziegeldaches hier und dort war ohne Leuchtkraft.
Sie sprachen kaum auf dem Weg, und Rosenbach war ganz froh darum. Er hätte Mühe gehabt, die mindeste Begeisterung über diesen Ausflug zu zeigen. Dies war keine Jahreszeit für eine Landpartie, es sei denn, sie hätte einen besonders guten Gasthof zum Ziel gehabt. Die Schinkenbrötchen und die mit Styropor ummantelten Kaffeebecher aber machten eine solche Hoffnung zunichte.

Der Garten lag in der Tat sehr versteckt am Ende eines winzigen Dorfes und noch etwas abseits davon und war von einer hohen, verwilderten Hecke umgeben, über die der Giebel des winzigen Geräteschuppens nicht hinausragte, so dass jeder, der auf der Straße vorbeifuhr, nichts anderes als zufällig hier wachsendes Strauchwerk vermutet hätte. Jenseits der Hecke jedoch befanden sich Rosenbeete, deren Sträucher fachkundig für den Winter vorbereitet worden waren, daneben andere Sträucher und Bäume, die keines Schutzes bedurften, um die kalte Jahreszeit unbeschadet zu überstehen. Mühlendorf führte Rosenbach von Baum zu Baum und von Strauch zu Strauch, bezeichnete ihm die Sorten und beschrieb die Blüten und Früchte so lebendig, dass Rosenbach sie bald vor Augen zu sehen glaubte, ja, selbst den Duft der Rosen glaubte er wahrzunehmen, während er sich die klammen Finger am Kaffeebecher wärmte, den er zu diesem Zweck aus der isolierenden Hülle genommen hatte.
„Und nennst du ihn den geheimen Garten, weil er so versteckt liegt, oder gibt es sonst noch ein Geheimnis?“ fragte er.
„Ich nennen ihn meinen geheimen Garten, weil niemand davon weiߓ, sagte Mühlendorf.
„Ich weiß jetzt davon“, gab Rosenbach zu bedenken.
Sein Freund nickte. „Ja, und darauf kannst du dir etwas einbilden. Ich gebe aber zu, dass ich ihn dir wahrscheinlich nicht gezeigt hätte, wenn du zu den regelmäßigen Gästen in meinem Haus zählen würdest. Solltest du uns doch mal besuchen, und das würde mich freuen, vertraue ich darauf, dass du den Garten mit keinem Wort erwähnst.“
„Willst du damit sagen, deine Frau und deine Kinder wissen nichts davon?“ Rosenbach war nicht nur überrascht, er verstand auch den Sinn dieses Geheimnisses nicht, und als Mühlendorf es bestätigte, fragte er: „Aber warum?“
Mühlendorf schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Ich möchte etwas…“ statt den Satz zu beenden, beschriebe er mit den flachen Händen Wände um ein Quadrat. „Nur für mich, verstehst du?“
Rosenbach verstand die Geste besser als irgendeine Erklärung und nickte.
„Dieser Garten“, sagte Mühlendorf und streichelte den Stamm eines alten Apfelbaumes, „ist für mich die Geliebte, um deretwegen ich meine Frau und meine Kinder niemals verlassen würde, die ich aber auch nicht lassen kann. Ich glaube sogar, ein besserer Ehemann und Vater zu sein, weil ich dieses Geheimnis habe. Es mag dir seltsam erscheinen, und ich gebe zu, dass es mir manchmal Lust bereitet, meiner Frau eine Rose oder ein paar Äpfel aus dem Garten mitzubringen. Da man Rosen mit solchem Duft in keinem Blumengeschäft bekommt, und so verhutzelte Äpfel auf keinem Markt, fragt sie jedes Mal: „Wo hast du die denn her?“ Dann sage ich, das sei ein Geheimnis. Dabei belüge ich sie nicht einmal, und ich spüre, dass sie ahnt, dass es wirklich ein Geheimnis ist und nicht nur so dahergesagt. Ich spüre ihren Anflug von Eifersucht und kann mich daran freuen. An dem Tag, an dem sie die Rose ins Wasser stellen würde, ohne mich nach ihrer Herkunft zu fragen, wüste ich, dass etwas zwischen uns nicht in Ordnung ist.“
„Und wenn sie auch einen geheimen Garten hätte?“ fragte Rosenbach.
Mühlendorf lachte. „Oh, den hat sie mit Sicherheit. Im übertragenen Sinne vermutlich, aber jede Frau hat einen geheimen Garten, da bin ich ganz sicher. Und das ist der eigentliche Grund, warum ich dich hierher gebracht habe. Du brauchst einen geheimen Garten, mein Freund.“
Rosenbach schwieg, während er darüber nachdachte. Dann schüttelte er den Kopf. „Und vor wem sollte ich den Garten geheim halten? Ich bin doch niemandem Rechenschaft schuldig.“
Mühlendorf brummte, nahm einen Schluck von seinem Kaffee und betrachtete gedankenvoll das Gesicht des Freundes, der einen Rat erwartete, den auch der Arzt ihm nicht geben konnte.

Der Garten und das Gespräch hatten bei Rosenbach Wünsche ausgelöst, mit denen er noch am nächsten Tag so beschäftigt war, dass er seiner Müdigkeit seit Wochen zum ersten Mal keine Beachtung schenkte. Genauer gesagt: Er war gar nicht müde. Wie lange war es her, dass er sich so sehr gewünscht hatte, etwas zu besitzen, wie einen solchen Garten? Freilich wäre es ein Leichtes gewesen, einen Immobilienmakler aufzusuchen und ein geeignetes Grundstück zu erwerben. Aber wenn er ihn dann hätte, den Garten, so wäre es doch kein geheimer Garten, auch dann nicht, wenn er niemandem davon erzählen würde. Ein Geheimnis ist nur dann ein Geheimnis, wenn es jemanden gibt, der darauf brennt es zu erfahren, jemanden, der glaubt, ein Recht darauf zu haben, alles von einem zu wissen. Und Rosenbach fiel niemand ein, außer dem Finanzamt, und die Erkenntnis, dass sein geheimes Bankschließfach in der Schweiz trotzdem nichts von dem Reiz eines geheimen Gartens hatte, machte ihn wütend genug, um seine Müdigkeit für etliche weitere Tage zu vergessen, solange, bis er sie sich gänzlich abgewöhnt hatte.

© Christa Hartwig

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