Ich habe lange gezögert. Bücher über Bücher sind in Mode gekommen, und dass Schriftsteller über das Schreiben schreiben ebenso. Das ist etwa wie ein Blog zum Thema Bloggen. Auch solche Blogs und Einträge finden ihre interessierten Leser, aber sind sie der Sache Sinn?

Nun wird zurzeit in der Akademie der Künste (in beiden Häusern) und dazu noch im Martin-Gropius-Bau, die größte Istanbul-Ausstellung gezeigt, die Deutschland je gesehen hat. Im internen Sprachgebrauch hatte es sich eingebürgert, von unserer Türkei-Ausstellung zu sprechen, aber das ist nicht korrekt. Es handelt sich um Kunst aus Istanbul und solche, wie sie auch in der Türkei nur in Istanbul zu sehen ist, und Istanbul und die Türkei gleichzusetzen, wäre ein Fehler. Außerdem ist der Anlass für die Ausstellung das 20-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und der türkischen Metropole, und so ist der Focus auf Istanbul auch gerechtfertigt. Mein Problem mit dieser Ausstellung ist, dass hier die Kunst zwangsläufig politisch instrumentalisiert wird. Nicht nur ist eine Städtepartnerschaft zwar u.a. eine kulturelle aber eben auch eine politische Angelegenheit, sondern auch die andauernde Diskussion über den EU-Beitritt der Türkei spielt, wenn auch unterschwellig, eine Rolle. Mein noch größeres Problem ist, dass unsere Stipendiaten, die aufgerufen sind Führungen für Schulklassen durch diese Ausstellung zu machen und Workshops für Jugendliche zu konzipieren, ähnliche Bedenken haben wie ich. Die Stipendiaten sind Künstler, und auch wenn sie eine politische Meinung haben, mögen sie die Vermengung von Kunst und Politik nicht, und es ist vorhersehbar, dass es sich bei den meisten Fragen, die Jugendliche stellen werden, um Fragen nach der Politik und nicht nach der Kunst handeln wird. – Kopfschmerzen!

Die im Haus niedergelassene Buchhandlung Jo Fürst pflegt sich vor Ausstellungen auf dieselben vorzubereiten, und als ich neulich einen Blick auf die Auslage warf, um zu sehen, was da jetzt angeboten wird, entdeckte ich auch drei oder vier Titel von Orhan Pamuk. Das hier vorgestellte „neue Leben“ ist, seit Pamuk dafür mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ja fast schon Pflichtlektüre für jemanden, der vorgibt, sich für Bücher zu interessieren, und so sagte ich mir: „Na, dann…“

Orhan Pamuk
Das neue Leben
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2001
346 Seiten
ISBN-10: 3596145619
ISBN-13: 978-3596145614

Etwas über das Buch zu schreiben, erübrigt sich. Es gibt einen sehr umfassenden WIKIPEDIA-Artikel dazu mit vielen Verweisen auf Rezensionen, denen ich nichts hinzuzufügen hätte, außer meinem ganz persönlichen Eindruck, dass der Roman in einer sehr schönen, geradezu lyrischen Sprache geschrieben ist, was mir gefällt, und dass er trotzdem (das kann ich schon auf Seite 115 sagen, nicht zu meinen Lieblingsbüchern zählen wird. Die Protagonisten sind auf der Reise, auf der Suche nach dem neuen Leben, und deshalb werde ich etwas (nicht viel) über Bücher und Reisen schreiben.

Ich gehöre einer Generation an, die in ihrer Kindheit keine oder wenig Gelegenheit zu Fernreisen hatte. Entsprechend stammten meine Vorstellungen von fernen Ländern aus einer überschaubaren Zahl von Kinderbüchern. Und diese Vorstellungen waren wunderbar. Ich liebte diese fernen Länder, sehnte mich nach ihnen, und jede Nachricht über einen Krieg oder eine Katastrophe dort hätte mich mit tiefer Trauer erfüllt. 1001 Bomben auf Bagdad hätten mich mitten ins Herz getroffen, denn Bagdad war prachtvoll, und an den Himmel darüber gehörten fliegende Teppiche und keinesfalls B-52-Bomber. Dann kam das Fernsehen, und ich konnte reisen, und nicht wenige meiner märchenhaften Vorstellungen fielen der Realität zum Opfer. Spanien war nur auf einem Dorfplatz Spanien, und Venedig war nur für eine traumhafte Spätnachmittagsstunde Venedig. Dasselbe galt für Wien und eine Stunde in einem Kaffeehaus. In London fehlte der Nebel und in Paris die Klänge einer Ziehharmonika mit einer Melodie, die ich im Geiste immer gehört hatte, wenn ich mir die Stadt vorstellte. Amerika war (jedenfalls bei meiner ersten Reise dorthin) ganz schrecklich.

Jüngeren Generationen mag es anders ergehen. Sie machen sich mit einer realistischeren Vorstellung auf Reisen, und wenn sie Glück haben, übertreffen die Eindrücke vor Ort die aus den Medien gewonnenen Erwartungen. Dennoch kann ich nie aus vollem Herzen zustimmen, wenn behauptet wird, Reisen würde uns weltoffener und toleranter machen oder gar unser Mitgefühl für die von einem Krieg oder einer Katastrophe Betroffenen in einem fernen Land steigern. Wir genießen Sonne, Strand und Meer, aber lieben wir die Andenkenverkäufer? Das Hotel übersteigt unsere Ansprüche, aber lieben wir das Land? Das Hotel wurde durch Bombenterror verwüstet. Die Andenken im Regal könnten wir heute nicht mehr kaufen, denn dort herrscht jetzt Krieg. Das ist schlimm, aber wir können es nicht ändern. Die Wirklichkeit nehmen wir hin. Um sie zu lieben, müsste man Teil von ihr werden und würde im Fall einer Bombe mitten ins Herz getroffen. Unsere Träume werden zu einem Teil von uns. In unseren Träumen lieben wir.

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