Nein, das stimmt nicht. Es müsste heißen: Ich habe gerade gelesen …
Riskant war es freilich, das Buch zu Ende zu lesen, bevor ich es vorstelle, denn auf Seite 8 fragte ich mich, ob ich es überhaupt bis zu Ende lesen oder mich vorher umbringen würde.

Als Kind wusste ich eins: Alles ist ein Märchen. Mein Vater ging zur Arbeit wie der Vater von Hänsel und Gretel; der Wiener Justizpalast brannte wie das Hexenhaus in Hatschi Bratschis Luftballon; und mein Großvater starb und lag in einem gläsernen Sarg wie Schneewittchen. Heute weiß ich: Ehrgeiz, Karriere, Geld, Konkurrenzkampf, das sind alles Märchen, die Wirklichkeit liegt woanders Gott hat Humor.
Wo liegt die Wirklichkeit? Beethoven weiß Rat. Wer das nicht glaubt, soll sich einen Computer kaufen, soll vor Geld strotzen wie der Schah von Himalaya und seinen Schmerz hinausbrüllen, weil seine Träume einer nach dem anderen, zerplatzen. Die Wirklichkeit will gelernt sein. Shakespeare kannte sie, Rembrandt, Bach, sie ist mit den Händen zu greifen. Natürlich ist sie nicht wahr, aber sie ist unsere Wirklichkeit und nicht unser Märchen. Die Wahrheit ist etwas anderes.
Von der Wahrheit muss man schweigen, über die Wirklichkeit lässt sich reden. […]

So beginnt Georg Kreislers Autobiografie „Letzte Lieder“, und schon damit ist klar: Der Mann ist kein Zyniker. Und „Tauben vergiften im Park …“?

Ob ich selbst Kinder habe, ist eigentlich auch eine Frage. Mein erster Sohn wurde mir im Alter von acht Jahren mit Gewalt von der Mutter weggenommen und dann mit richterlicher Erlaubnis von mir ferngehalten. Acht Jahre lang waren wir sehr fröhlich miteinander gewesen, aber das scheint er vergessen zu haben, was ich ihm nicht übel nehmen kann. Er blieb verschollen.
Auch mein zweiter Sohn war ein fröhliches Kind; erst als Erwachsener entschloss er sich zur Flucht vor mir. Die Gründe dafür sind mir unbekannt, und wenn er meint, sie zu kennen, irrt er sich. Dasselbe gilt für meine Tochter. Ich glaube, ich sollte dankbar sein, denn sie waren reizende Kinder. Aber Kinder sind zerbrechliche Geduldspiele, die meisten Eltern spielen sie gern, und manche Kinder helfen ihnen dabei, andere nicht.
Natürlich braucht man Lehrer, wenn man sie haben will. Auch mein Vater war mein Lehrer, aber ich entschied selbst, was ich von ihm lernen wollte. Eine Zeit lang glaubte ich bedingungslos jedes Wort, das von seinen Lippen kam, und er glaubte mir nichts. Aber ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, denn sie mühten sich redlich. Arnold Schönberg schrieb an Karl Kraus: „Ich habe von Ihnen vielleicht mehr gelernt, als man lernen darf, wenn man noch selbstständig bleiben will.“

Das „Tauben vergiften im Park“ geschrieben zu haben, bedauert Kreisler allerdings mehr oder zumindest weit öfter in seinem Buch. Ja, dass er mit diesem Lied bis heute identifiziert wird, und mancher kaum etwas anderes von ihm kennt, verbittert ihn geradezu – wo er es doch nur mal so ganz schnell nebenbei geschrieben hatte, weil gerade in der Wiener Tagespresse viel Aufhebens um die Taubenplage gemacht wurde.

Selten habe ich auf 160 Seiten so viel gelesen, was mir aus der Seele spricht, und so viel, was meinen heftigen Widerspruch herausfordert. Als ich am Ende angelangt und noch am Leben war, las ich das Ganze nochmals. Irgendwo musste ich etwas – entweder den Kreisler oder mich selbst – falsch verstanden haben. Aber auch nach dem zweiten Lesen war mir nur eines klar oder noch klarer: Auch diese Autobiografie ist, wie bedauerlicherweise viele Autobiografien, eine Abrechnung. Eine Abrechnung mit den Eltern mit den Kindern, mit all jenen, die einem jemals Steine in den Weg gelegt haben, oder so egoistisch waren, ohne einen glücklich sein zu wollen. Es ist eine Abrechnung mit Hollywood, mit Wien, mit Berlin, mit dem Publikum, mit all jenen, denen die Lieder besser gefallen als die Romane und Bühnenwerke.

Vielleicht sind alle Autobiografien so, und diese zeigt es nur besonders krass.

Georg Kreisler
Letzte Lieder
Arche Literatur Verlag, Zürich 2009
ISBN 9783716026137