Kurz-Krimi unter Verwendung der von erice beigesteuerten Wörter Flohleiter, Einladung, Keilriemen und Maske

Er biss sich auf die Unterlippe, lehnte sich dann auf dem Besucherstuhl zurück, in dem Versuch, sich zu entspannen, oder zumindest doch den Eindruck zu geben, doch als er merkte, dass seine Hände die Armlehnen umklammerten, wie sie es sonst nur beim Zahnarzt taten, beugte er sich wieder vor und verschränkte die Finger zwischen seinen Knien. Nur weil ein Sprechzimmer so heißt, bedeutet das nicht, dass es leichter fällt, dort zu sprechen. Mit einem Fremden mag man in einem Zugabteil leicht ins Gespräch kommen, oder in einer Bar. In einem Sprechzimmer vor einem Schreibtisch sitzend, auch wenn der Mann hinter dem Schreibtisch einem in einem Zugabteil oder in einer Bar gleich sympathisch gewesen wäre, fällt es nicht leicht. Der Umstand, dass der Stuhl neben ihm leer war, machte es nicht besser. Draußen im Wartezimmer hatte außer ihm ein Paar gewartet, und aus dem Sprechzimmer war ein Paar getreten, bevor er herein gebeten worden war. Partnerberatung nannte sich das, was hier angeboten wurde. Und er war allein gekommen.

Der Mann hinter dem Schreibtisch lächelte jenes berufsmäßige, aufmunternde Lächeln, das langsam verging und einem Ausdruck ebenso berufsmäßigen Interesses wich. „Erzählen Sie ruhig“, sagte er. „Fangen Sie an, wo Sie wollen.“
Er räusperte sich. „Ich müsste weit ausholen, um das richtig zu erklären.“
„Das macht nichts.“
„Also, angefangen hat es mit einer Strumpfhose, und im Grunde hört es damit auch auf.“
„Bleiben wir erst mal beim Anfang.“
„Ich hatte eine Einladung zu einer Gartenparty. Ein paar der Gäste kannte ich, anderen war ich noch nie begegnet. Darunter eine Frau, die mir auf den ersten Blick sehr gefiel. Genau mein Typ. Groß, schlank aber nicht zerbrechlich. Eher sportlich. Dunkle Locken. Komischerweise schien auch ich ihr zu gefallen.“
„Warum komischerweise?“
„Na, ich bin wohl eher ein durchschnittlicher Typ. Jedenfalls passiert es nicht oft, dass Frauen sich gleich für mich interessieren. Sie aber schaute immer wieder zu mir her, noch bevor wir ein Wort miteinander geredet hatten. Und als ein Stuhl neben mir frei wurde, kam sie rüber und sagte, wir wären ja noch gar nicht miteinander bekanntgemacht worden. Wir stellten uns vor. Sie hieß Ellen. Und dann setzte sie sich neben mich, und gleich beim Hinsetzen zerriss sie sich die Strumpfhose an dem Gartenstuhl. Ich dachte: Was für ein verfluchtes Pech. Eine zerrissene Strumpfhose kann einer Frau ganz schön die Laune verderben. Und erst sah es auch so aus. Sie stand auf und betrachtete sich den Schaden. In dem Moment ging eine Andere gerade vorbei, die sie wohl kannte, und sagte: „Schöne Flohleiter.“ Und sie sagte: „Flohleiter? Das ist schon eher eine Froschleiter.“ Und die Andere sagte: „Dann sorg mal für Sonnenschein unter dem Rock, sonst klettert kein Laubfrosch da rauf.“ Darüber musste sie lachen. Und ich, bloß um auch was zu sagen, fragte: „Na, ist das Wetter wieder schön?“ Sie ließ sich einen Moment Zeit mit der Antwort, schaute mich aber an. Und dann sagte sie: „Kommt drauf an, was für Wetter man mag. Es ist eher feucht.“ Und dabei fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Na, Sie wissen wahrscheinlich, wie ein Mann auf so was reagiert.“
Der hinter dem Schreibtisch schwieg.
„Wir sind dann nicht mehr sehr lange auf der Party geblieben. Sie war mit einem Taxi gekommen, und als sie sagte, sie wollte sich eines rufen lassen, bot ich ihr an, sie nachhause zu fahren, obwohl sie nicht in meine Richtung musste, sondern am entgegengesetzten Ende der Stadt wohnt. An dem Abend wäre ich sonst wie weit gefahren. Aber ich hatte damals einen alten VW. Unterwegs riss der Keilriemen. Das war das zweite Mal an dem Abend, dass ich verfluchtes Pech zu haben schien, und zum zweiten Mal erwies es sich als Glücksfall. Sie sagte, ihre Strumpfhose sei sowieso hin, und sie hätte mal gehört, dass man damit zur Not einen Keilriemen ersetzen könnte. Und gemeinsam schafften wir das tatsächlich. Als wir bei ihr angekommen waren, sagte sie, dass unser Notbehelf den langen Weg zu mir vielleicht doch nicht überstehen würde, und ob ich nicht lieber bei ihr übernachten wollte. Ganz in der Nähe gäbe es eine Reparaturwerkstatt. Da könnte man am nächsten Morgen einen richtigen Keilriemen bekommen. Und da musste sie mich natürlich nicht lange überreden.“
„Verstehe“, sagte der Therapeut. „Das war also der Anfang.“
„Ja. Oder vielmehr, nein. Das war nur der Anfang vom Anfang. Das Seltsame, also das, was dann irgendwann ein Problem wurde, kommt erst noch.“
„Erzählen Sie ruhig.“
„Wir sind dann in ihre Wohnung rauf. Es lief so, wie ich es erwartet hatte. Wir hatten beide Lust drauf. Natürlich sind wir nicht sofort ins Bett gesprungen. Sie war in ihr Schlafzimmer gegangen, hatte sich eine andere Strumpfhose angezogen, und wir saßen dann noch eine halbe Stunde oder so im Wohnzimmer und haben was getrunken. Ich musste ja nicht mehr fahren. Und danach, als wir dann im Schlafzimmer waren… Jedenfalls zog ich ihr die Strumpfhose aus. Wir haben noch mal über die Geschichte mit dem Keilriemen gelacht. Und ich weiß gar nicht, wie wir plötzlich auf Masken und Banküberfälle kamen. Wir alberten eben so rum, hatten beide einen Schwips. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, dass Ellen als Kassiererin in einer Bank arbeitet. Jedenfalls sagte sie plötzlich, ich sollte mir die Strumpfhose mal über den Kopf ziehen. Sie wollte wissen, wie das aussieht. Ich habe es gemacht. Und in dem Moment, kaum dass sie mich angeschaut hatte, wurde sie so was von…“ Er brach ab und wartete darauf, dass der Therapeut sagte, er habe schon verstanden. Aber er schaute ihn nur aufmerksam abwartend an.
„Jedenfalls wollte sie es dann immer so. Sie sagte, das mache sie unglaublich an. Und das tat es wohl auch. Sie war… Ich meine, sie kam dann wirklich in Fahrt. Das gefiel mir, und deshalb habe ich mich wohl auch immer wieder darauf eingelassen. Obwohl es nicht angenehm war. Haben Sie sich schon mal einen Strumpf übers Gesicht gezogen?“
„Nein. Ich stelle es mir auch nicht sehr angenehm vor. Aber wir wollen ja über Sie reden.“
„Na, man bekommt nicht besonders gut Luft, weil die Nase so plattgedrückt wird. Und in solchen Momenten ist das besonders unangenehm. Und dann war da noch was. Ich durfte nichts sagen, Sie wollte immer, dass ich möglichst überhaupt keinen Ton von mir gab.“
„Hat sie sich mal dazu geäußert, warum ihr das so gefiel?“
„Nein. Ganz im Anfang, habe ich sie mal gefragt. Aber sie sagte nur, das wisse sie selbst nicht. Aber es machte sie eben an. Und ich hätte vielleicht immer so weiter gemacht, wenn ich mich nie so gesehen hätte. Das war aber erst vier Monate später. Da musste ich danach mal schnell raus. Ich hatte mir noch nicht mal den Strumpf vom Kopf gezogen. Und da sah ich mich im Badezimmerspiegel. Ich sah grässlich aus. Grässlich und gleichzeitig lächerlich. Ich verstand plötzlich nicht mehr, dass sie mich so sehen wollte. Ich habe dann noch ein paar Mal versucht, ihr den Gefallen zu tun. Aber es ging nicht mehr. Ich sah mich immer selbst. Ich konnte nicht.“
„Haben Sie ihr das erklärt?“
„Ja. Jedenfalls habe ich es versucht. Aber sie weigerte sich, mit mir zu schlafen, wenn ich mir keine Strumpfhose über den Kopf ziehen würde.“
„Sexualität ist nicht unwichtig, aber auch nicht alles in einer Beziehung. Würden Sie sagen, dass ihre Beziehung sonst in Ordnung ist?“
„Ja, wir verstehen uns sehr gut. Das ist es ja. Sonst könnte man sich einfach trennen. Aber ich liebe meine Freundin wirklich. Nur so ganz ohne Sex… Ich habe auch Angst, dass sie sich jemanden sucht, der ihr Spiel mit ihr spielt.“
„Macht sie Ihnen Vorwürfe, weil Sie nicht mehr dazu bereit sind?“
„Vorwürfe ist zu viel gesagt. Aber sie ist enttäuscht, das merke ich.“
„Ich fürchte, wir werden nicht weiter kommen, solange ich nicht auch mit Ihrer Freundin sprechen kann. Denken Sie, sie wäre bereit, mit Ihnen herzukommen?“
„Ich weiß nicht.“
„Reden Sie mit ihr. Schlagen Sie ihr das vor. Wenn es ihr lieber ist, kann sie natürlich auch allein kommen. Aber sprechen müsste ich mit ihr schon, wenn wir eine Lösung finden wollen.“

Es war sein erster und letzter Besuch in der Praxis. Wochen vergingen, und der Therapeut hatte den Patienten und das Gespräch schon fast vergessen, als er eines Morgens diesen Zeitungsbericht las:

Banküberfall in der Schlossstraße
Gestern Nachmittag, gegen 16 Uhr, wurde die Filiale der Vereinsbank in der Schlossstraße überfallen. Ein einzelner Täter, der sich mit einem Strumpf maskiert hatte, schoss dabei auf die Kassiererin Ellen P. und verletzte sie tödlich. Der Mann entkam unerkannt und ohne Beute. Zeugenaussagen zufolge, muss der Bankräuber in Panik geraten sein, denn die Kassiererin hätte nicht einmal Gelegenheit gehabt, auf die Geldforderung zu reagieren, bevor der tödliche Schuss fiel. Die Kriminalpolizei ermittelt.

© Christa Hartwig

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