Der Buchhandel klagt. Aber über die wirtschaftliche Rezession klagen ja alle und machen Gott und die Welt verantwortlich. Ich kann da nur sagen: Gott war es in diesem Fall nicht.

Der Buchhandel leidet nicht nur (auch) unter der Rezession und bezichtigt vor allem das Internet, dazu beizutragen, sondern Bücher sind auch Gegenstand von Rezensionen, und solche finden sich (auch) im Internet und können den Verkauf eines Buches durchaus fördern, wenn es sich um gute Kritiken handelt.

Ich schreibe nicht nur, sondern ich lese auch, und da liegt es nahe, dass ich auch über das schreibe, was ich lese. Das Problem dabei ist weniger, dass ich nicht Literaturwissenschaft studiert habe (das muss man nicht, um ein Buch gut oder schlecht zu finden), sondern dass ich Buchempfehlungen allgemein heikel finde. Ich sage das aus der Sicht desjenigen, dem schon oft Bücher wärmstens ans Herz gelegt wurden, und der sich dann winden musste, dem wohlmeinenden Ratgeber zu erklären, warum ich diese Bücher nicht, oder zumindest noch nicht oder nur halb gelesen und die Lektüre dann abgebrochen habe, wenn ich nicht Begeisterung heucheln will, wo keine ist. Um ein Buch zu empfehlen, muss man denjenigen, dem man es empfiehlt a) ziemlich gut kennen, b) nicht die eigenen, sondern die Interessen des Anderen im Auge haben, was im Zustand der noch anhaltenden eigenen Beigeisterung über ein gerade gelesenes Buch erfahrungsgemäß weniger der Fall ist, und c) den richtigen Moment abpassen, denn natürlich kann einem ein und dasselbe Buch zu einem Zeitpunkt mehr und zu einem anderen weniger zusagen, abhängig von der Stimmung, den Problemen, mit denen man sich gerade herumschlägt und der Menge und Qualität von Zeit, die zum Lesen zur Verfügung steht. Eine lange Bahnfahrt, ein Faulenzerurlaub am Strand und die halbe Stunde vor dem Einschlafen sind einfach nicht dasselbe. Und so haben sehr daneben geratene Buchempfehlungen mich schon zum Nachdenken über eine zwischenmenschliche Beziehung gebracht.

Bei dem Thema fällt mir immer eine etwas kuriose Begebenheit ein. Vor Jahren traf ich jemanden wieder, den ich vor noch mehr Jahren an einem weit entfernten Ort kennen gelernt hatte, und die (seiner Meinung nach geradezu schicksalhafte) Verkettung von Umständen, die zu diesem Wiedersehen geführt hatte, war uns Anlass genug, uns auf einen Drink zu verabreden. Bei aller vermeintlichen Schicksalhaftigkeit haftete der Geschichte nicht der leiseste Duft von Romantik an. Wir redeten also über eben jene Umstände des Wiedersehens, dann über seine Pläne für die Zukunft und schließlich über dieses und jenes und kamen auch auf Bücher. Bei Büchern, so meinte dieser schicksalsgläubige Mensch, müsse man sehr darauf achten, wie sie zu einem kämen. Keinesfalls sollte man Buchgeschenke annehmen oder auf Buchempfehlungen hören von Menschen, deren Charakter undurchsichtig ist oder an deren Wohlwollen man den leisesten Zweifel habe, denn, so sagte er, Bücher übten eine Macht aus, die man nicht unterschätzen dürfe. Das klang für mein Empfinden damals so sehr nach „bösem Buchzauber“, dass ich recht erleichtert war, als wir uns voneinander verabschiedeten. Trotzdem ging mir das Gesagte nicht aus dem Kopf. Natürlich können Bücher unser Denken beeinflussen, und natürlich wäre es theoretisch möglich, jemanden durch geschenkte oder empfohlene Bücher zu manipulieren, immer vorausgesetzt, dass eine solche Absicht verfolgt wird. – Nun, Manipulation liegt mir fern. Ich bin eher der spontan reagierende Mensch, der erst hinterher merkt, ob und was er mit seiner Spontaneität bewirkt hat. Es bleibt aber die Tatsache, dass persönliche Buchempfehlungen eine sensible Angelegenheit sind. Das trifft zwar nur sehr eingeschränkt auf für die Öffentlichkeit geschriebene Rezensionen zu, dennoch will ich es anders machen – nicht zuletzt auch, weil ich glaube, dass es mir so mehr Spaß macht.

Ich werde aus Büchern kurze Texte zitieren – das können Szenen, Landschafts- oder Charakterbeschreibungen, die Darstellung eines Problems oder auch nur einige mir sehr gelungen erscheinende Formulierungen sein. Ich werde nichts bewerten und nichts empfehlen. Wer durch die Zitate zum Kauf des Buches angeregt wird, tut dies auf eigene Verantwortung. Eigenverantwortung ist mir nämlich wichtig. Bei Schicksalsfäden denke ich immer an Marionetten, und die gefallen mir nur im Puppentheater.

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