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Edward P. Jones
Die bekannte Welt
aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans-Christian Oeser
ISBN: 978-3-455-03696-1

So einfach kann eine Liebesgeschichte sein und doch so anrührend, selbst wenn sie mit spröden Worten erzählt wird:

Zwei Wochen später, es war wieder Sonntag, Moffett war gekommen, hatte gepredigt und war wieder gegangen, traf Elias auf Celeste, die Luke in den Armen hielt. Sie stand in der Nähe der Felder, und der Junge schluchzte. Als sie aufsah und Elias erblickte, war sie nicht eben erfreut, erinnerte sie sich doch daran, wie er sie beobachtet hatte, als sie umherhinkte.
„Luke, mein Junge, was fehlt dir?“ fragte Elias. Einen Moment lang dachte er, Celeste habe ihn geschlagen und gleich darauf bereut, was sie getan hatte. Aber die Art, wie sie die Arme um den Jungen schlang, zeigte ihm, daß sie ihm nicht weh getan haben konnte. Während der Zeit, die er mit dem Jungen verbracht hatte, war Luke ihm ans Herz gewachsen wie nur irgendein Mensch. „Luke, mein Junge, sag Elias, was dir fehlt. Wer hat dir weh getan? Sag’s Elias, wer.“
Celeste antwortete: „Ich glaube, er vermißt seine Mama. Ein Junge kann seine Mama vermissen. Ein Mädchen kann seine Mama vermissen. Ich habe ihn unter dem Baum da gefunden, wo er sich die Augen ausgeweint hat.“ Sie wollte nicht, daß Elias, der heimliche Gaffer, näher trat, aber er tat es trotzdem und legte dem Jungen die Hand auf den Kopf. Fast berührte er ihre Handgelenke. „Luke“, sagte sie, „ich werde deine Mama sein. Ich werde dir eine Mama sein, so gut ich’s kann.“
Bald darauf beruhigte sich der Junge. Celeste sah erst auf Elias’ Hand, dann zu ihm auf. Ein Sturm braute sich zusammen, deswegen hatte Elias nach dem Jungen gesucht. Dieser spielte gern im Regen und fürchtete sich nicht davor, von einem Blitzschlag getötet zu werden. Jetzt setzte der Regen ein, ein neckender Regen, weiche Tropfen in großen Abständen. Ein durstiger Spatz hätte das Köpfchen zurücklegen und die Tropfen genießen können, ohne befürchten zu müssen, daß er ertrank. Celeste betrachtete einen großen Regentropfen auf Elias’ Hand, die Lukes Kopf bedeckte, und sah, wie sich zwei weitere Tropfen hinzugesellten. Ein Donnergrollen war zu hören, aber es kam von weit weg, von der anderen Seite der Berge. Celeste sagte: Wir sollten ihn aus dem Schlamassel wegschaffen.“ Sie wagte es, dem Mann ins Gesicht zu schauen. „Ja, das sollten wir.“

Celeste und Elias hatten sich auch danach fast nichts zu sagen, und Elias schmiedete wieder Fluchtpläne. Noch am selben Tag, als Moses Henry versicherte, Elias habe seine Lektion gelernt, würde er spätnachts die Lage sondieren, zur Straße hinausgehen und der Dinge harren, die da kommen mochten.
Er wußte nicht genau, ab wann er eine Zuneigung zu Celeste gefaßt hatte, eines Morgens jedoch war er erwacht, und in der Welt hatte eine tiefe Stille geherrscht, wie er es noch nie erlebt hatte. Die Vögel sangen nicht, das Feuer im Kamin knisterte nicht, die Mäuse huschten nicht umher, und selbst die Schnarcher, mit denen er die Hütte teilte, schliefen lautlos. Immer hatte er sich ausgemalt, daß er in einem solchen Augenblick, da alle Welt den Kopf wegdrehte, in die Freiheit entschlüpfen könnte. Als er sich jedoch auf seinem Strohlager aufrichtete und in das Nichts hinaushorchte, wollte er sich zu ihr legen. Langsam schien die Welt wieder zur Besinnung zu kommen, und als erstes glaubte er, ihre Schritte zu hören, wie sie die Gasse hinunterhinkte; der Saum ihres Kleides raschelte, und für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie das schlimme Bein hob, schleifte ihr Fuß am Boden entlang.
Wenn er versuchte, in ihre Nähe zu gelangen, ein bißchen neben ihr herzugehen, in der Hoffnung, die körperliche Nähe würde ausdrücken, wofür er keine Worte fand, eilte sie davon, da sie glaubte, er wolle sich nur an ihrem hinkenden Gang weiden. Er schmerzte ihn, wenn er Tag für Tag mit ansehen mußte, wie sie sich ihm entzog. Dann, eines späten Abends, fast zwei Monate nachdem Oden das Rasiermesser an sein Ohr angesetzt hatte, als das Tagwerk beendet war und die Sklaven sich in den Schlaf wiegten, ging Elias zu der Hütte, die Celeste mit zwei anderen Frauen teilte, und klopfte so lange, bis eine der Frauen ihm aufmachte. Celeste hatte Luke bei sich aufgenommen, aber er war nicht da.
„Würdest du bitte Celeste sagen, daß ich sie kurz sprechen möchte“, sagte Elias zu der Frau.
Die Frau lachte, aber als sie merkte, daß er nicht fortgehen würde, drehte sie sich um und rief Celeste zu: „Der Elias will was von dir.“
Es schien viel Zeit zu vergehen, bevor sie zur Tür kam. Er nickte ihr zu, und sie nickte zurück.
„Ich wollte dich nur kurz sprechen, mehr nicht“, sagte er.
„Nun?“ sagte sie.
Er sah ihr mitten ins Gesicht, das Licht aus dem Innern der Hütte zeigte ihre Silhouette. „Wieso behandelst du mich immer so schlecht, wo ich dich doch nur gut behandeln will?“
„Was sagst du da?“
„Warum behandelst du mich immer so schlecht, wo ich dich doch nur gut behandeln will? hab ich gesagt.“
„Ich find nicht, daß ich dich schlecht behandelt hab.“
„Doch, hast du, und ich bitt dich, damit aufzuhören.“
Um sich abzustützen, lehnte sie sich mit der Hand gegen den Türpfosten, ehe sie die eine Stufe auf ihn zutrat, und er nahm ihre andere Hand. Nach einer Weile sagte sie: „Ich hab’s nicht bös gemeint.“
Er glaubte ihr, war aber schon wieder um Worte verlegen. Erst als er eine der Frauen in der Hütte über eine Bemerkung der anderen Frau lachen hörte, fielen sie ihm ein: „Dann red ich mit dir. Morgen, wenn’s dir recht ist. Morgen red ich mit dir.“
„Ja.“ Sie wandte sich um, wieder eine Hand am Türpfosten, und stieg, während er ihren Ellbogen hielt, die Stufe hinauf. Dann ging sie hinein und schloss die Tür.

Eine Woche später postierte er sich wieder vor ihrer Tür, sie stand im Eingang, und er schlug einen kleinen Stoffetzen auseinander und präsentierte ihr einen Kamm, den er aus einem Stück Holz geschnitzt hatte. Der Kamm war grob, mit Abstand eines der primitivsten und häßlichsten Geräte der Weltgeschichte. Nicht eine Zinke sah aus wie die andere; einige Zinken waren viel zu dick, die meisten aber sehr dünn, Ergebnis seiner Schnitzarbeit, unternommen in der Hoffnung, eine Art Vollendung zu erreichen. „Oh“, machte Celeste. „Ach, du meine Güte.“ Sie nahm ihn entgegen und lächelte. „Du lieber Himmel.“
„Es ist nicht viel.“
„Es ist die ganze Welt. Den willst du mir schenken?“
„Ja.“
„Ach, du lieber Himmel.“ Sie versuchte, sich den Kamm durch die Haare zu ziehen, aber er versagte seine Dienste. „Du meine Güte“, sagte Celeste, während sie sich mit ihm abmühte. Mehrere Zinken brachen ab. „Du meine Güte.“
Er langte nach oben und faßte ihre Hand mit dem Kamm, und gemeinsam konnten sie ihn aus ihren Haaren lösen. „Jetzt hab ich ihn zerbrochen“, sagte sie, als sie ihn herausgezogen hatten. „O Gott, jetzt hab ich ihn zerbrochen.“
„Mach dir nichts draus“, sagte Elias.
„Aber du hast ihn mir doch geschenkt, Elias.“ Bis auf das Essen in ihrem Magen, die Kleider an ihrem Leib und einige wenige Habseligkeiten in einem Winkel ihrer Hütte war der Kamm das einzige, was sie besaß. Ein dreijähriges Kind hätte, ohne zu ermüden, ihre Siebensachen den ganzen Tag lang umhertragen können.
„Ich kann dir noch einen machen.“ Er griff wieder in ihr Haar und zog die abgebrochenen Zinken heraus.
„Aber …“
„Ich mach dir einen Kamm für jedes Haar in deinem Schopf.“
Sie begann zu weinen. „Du hast leicht reden, weil die Sonne scheinen tut. Morgen, vielleicht nächste Woche scheint keine Sonne, und du wirst keinen Kamm schnitzen.“
Er wiederholte: „Ich mach dir einen Kamm für jedes Haar in deinem Schopf.“ Dann ließ er die abgebrochenen Zinken zu Boden fallen, und sie umschloß mit einer Hand den Rest des Kamms.
Sie legte das Gesicht in die andere Hand und weinte. Auf der Plantage, von der sie gekommen war, hatte es einen Sklaven gegeben, der ihr in einem Maisfeld begegnet war und ihr gesagt hatte, eine Frau wie sie gehöre erschossen, wie ein Pferd mit einem gebrochenen Bein. Auch damals hatte sie geweint.
Elias nahm sie in die Arme, behutsam, denn es war das erste Mal. Er zitterte, und sein Zittern nahm zu, je dichter sie sich an seinen Körper schmiegte. Er küßte sie auf den Kopf, nahe dem Haaransatz, und seine Lippen berührten nicht nur ihr Haar und ihre Haut, sondern auch eine Zinke des Kamms, die er übersehen hatte.

Am nächsten Tag nahmen sie ihr Abendessen gemeinsam am Feldrand ein, und als er aufgegessen hatte, sagte er ihr, er müsse mit dem Herrn sprechen. Er stand auf und ging vom Acker, und Moses fragte ihn nicht, was er vorhatte oder wohin er wollte. Am Haus klopfte er an die Hintertür. Zeddie, die Köchin, machte auf. „Zeddie, ich muss mit Master Henry sprechen. Kann ich bitte mit Master Henry sprechen?“
„Ich sag im Bescheid“, erwiderte Zeddie. „Tritt du nur ein.“ Sie machte die Tür weiter auf, und zum ersten Mal betrat er das Herrenhaus. Es roch, wie ein Baum riecht, wenn man ihm den ersten Beilhieb versetzt und sein Blut aus der Axtwunde sickert. Wenige Minuten später kehrte Zeddie mit ihrem Herrn zurück, und noch bevor er richtig in der Küche stand, fragte Henry: „Was ist, Elias?“
Elias sah zu Zeddie, dann sagte er: „Ich hab Celeste gern, Master, und mag sie immer lieber, je mehr der Tag vergeht. Soweit ich sehe, wird das Liebhaben morgen nicht aufhören.“
„Ach ja, Elias?“
„Ja, Master. Ich will sie heiraten. Ich will mit ihr zusammensein. Es gibt nichts, was ich mir mehr wünschen tät, außer am Leben zu bleiben.“ In der Nacht zuvor, hatte er wieder davon geträumt, in die Freiheit zu flüchten. Er hatte sich so geborgen gefühlt wie ein Engel zu Füßen Gottes, geborgen auf der Straße zur Freiheit, dann aber fiel ihm ein, daß er in der Sklaverei etwas vergessen hatte, und so rannte er wieder zurück in die Sklaverei, vorbei an Millionen, die der Freiheit entgegenrannten. Die leeren Sklavenquartiere suchte er danach ab, was er vergessen hatte, und in der letzten unter den Hunderten von Hütten, die er durchsuchte, stieß er auf Celeste, ohne etwas in der Hand zu haben. Als sie ihn sah, wandte sie ihr Gesicht ab.
„Und du willst, daß ich zu alledem ja sage?“
„Master, ich wird ihr ein guter Ehemann sein und ein guter Arbeiter, solange Gott mir Kraft schenkt. Ich könnt’s nicht ertragen, Master, von ihr getrennt zu werden, wenn sie meine Frau ist. Es wäre schlimm für uns, gesondert verkauft zu werden. Es wäre schlimm für uns.“ Elias wußte, was er da sagte, und er wußte, wenn sein Herr ihnen seinen Segen gäbe, würde er nie wieder davon träumen, auf die Straße hinauszurennen. „Ich könnt’s nicht ertragen, eine brave Frau zu verlieren, und Celeste könnt’s nicht ertragen, einen braven Mann zu verlieren. Wir könnten’s nicht ertragen, getrennt zu sein.“
„Ich will, dass du glücklich bist, Elias. Und ich will Celeste glücklich machen. Jetzt geh zurück, und ihr sollt beide glücklich sein.“
„Danke, Master.“
Zeddie hatte das Feuer im Herd geschürt. Nunmehr unterbrach sie ihre Arbeit und machte Elias die Tür auf. Er trat hinaus. Henry lief durchs Haus und kam gerade noch rechtzeitig aus der Vordertür heraus, um Elias zu den Feldern hinuntergehen zu sehen. Elias war der einzige Mensch weit und breit, und der Weg zur Straße war näher als der Weg zu den Feldern. Henry stieg die Treppe hinunter und folgte Elias, der schnurstracks zu den Feldern ging und seine Arbeit wiederaufnahm, so wie er es vor dem Abendessen getan hatte. Alle anderen Sklaven auf dem Feld hatten ihr Essen längst beendet. Henry sah, wie Celeste die Reihen entlanghinkte, aber eifrig bei der Arbeit war. Sie befand sich in einem Teil der Felder und ihr zukünftiger Ehemann in einem anderen. Elias blickte nicht zu ihr hinüber und sie nicht zu ihm. Moses winkte Henry zu, und Henry winkte zurück.
Henry blieb eine Zeitlang stehen, um Elias zu beobachten, und die ganze Zeit über würdigte Elias Celeste keines Blickes. Seine Gefühle bedeuteten ihm mehr als ein Blick, begriff Henry. Und er begriff ebenso, daß das, was hier geschah, wirksamer war als Ketten. Sie waren beide aneinandergebunden, ein kräftiger Mann und eine Frau mit einem verkrüppelten Bein, und weit und breit keine Kette. Er konnte es nicht erwarten, William Robbins davon zu erzählen. Henry ging auf dem gleichen Weg wieder zum Haus zurück, und in seinem großen Buch trug er den Tag ein, den er für die Heirat von Elias und Celeste ausersehen hatte. Er schrieb in jener fließenden Handschrift, die Fern Elston ihm beigebracht hatte, als er zwanzig war.

Anmerken möchte ich, dass die Geschichte von Elias und Celeste nur einer der Handlungsstränge ist in dem Roman, der hauptsächlich die Lebensgeschichte jenes Master Henry erzählt, dem Sohn schwarzer Sklaven, die sich selbst freigekauft hatten, und der selbst später Sklaven hielt – etwas, das uns heute unbegreiflich erscheint. Wir sind frei, aber Freiheit relativiert sich in einer immer komplizierter werdenden Gesellschaft, und auch unsere Gefühle sind viel komplizierter, ohne deswegen größer oder tiefer zu sein. Edward P. Jones’ Roman wurde 2004 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet.

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