Ausstellungsflyer: Yigal Ozeri - Desire for Anima

Das ist ja wirklich nett, dass die Galerie Andreas Binder in München mir immer Einladungen zu den Ausstellungseröffnungen schickt, nur liegt der Einladung nie ein Fahrkarte bei, und ich erhole mich finanziell gerade von der „Hochzeitsreise“.
Ganz verzichten wollte ich auf Yigal Ozeri aber nicht, also habe ich ein bisschen gegoogelt und fand ein Interview, das Robert Ayers mit dem Künstler kurz vor der Eröffnung derselben Ausstellung in New York geführt hat. Dabei fiel mir wieder – wie schon bei einigen Interviews, die Journalisten seinerzeit mit Edward Hopper geführt hatten – auf, wie naiv-impertinent da manchmal vorgegangen wird. Lese oder höre ich Künstlerinterviews hierzulande, habe ich dank meiner soliden Halb-und-Halbbildung am Ende eine vage Vorstellung davon, worum es bei dieser Kunst geht. Anders hier.

Man kann Ozeris Bilder mögen oder nicht, man kann diesen Interviewstil schrecklich finden oder nicht, man weiß am Ende auf jeden Fall eine ganze Menge, sowohl über die Technik des Malers, als auch – und das ist selten – was der Künstler uns mit seinem Werk sagen will. Sag mir, wo die Blumen(kinder) sind, … Ozeri hat sie gesucht und gefunden, denn es gibt sie wieder, und zwar in Amerika, und sie leben, meint Ozeri, das wahre Leben, dem auch wir und die Kunst uns wieder zuwenden sollten. Herausgekommen sind dabei wirklich schöne Gemälde, die ich mir auf jeden Fall ansehen werde, wenn sie (hoffentlich!) auch mal in Berlin ausgestellt werden, und ich werde dabei daran denken, dass nicht nur der Meister daran gearbeitet hat, sondern mit ihm zehn Gesellen. Auch diese alte/neu Weise der Kunstproduktion gefällt mir, schafft sie doch sinnvolle Arbeitsplätze für (noch) nicht so erfolgreiche Maler.

Das Interview habe ich für Euch übersetzt. Klickt aber wegen der Bilder auch mal auf den Link zum Originaltext und auch auf den zur Mike Weiss Gallery in New York. Und für eventuelle Leser aus München und Umgebung hier noch die aktuellen Ausstellungsdaten:

Galerie Andreas Binder
Knöbelstrasse 27
D-80538 München

YIGAL OZERI „Desire for Anima“
Eröffnung: Donnerstag, den 5. November 2009 ab 19.00 Uhr
Dauer der Ausstellung: 6. November – 22. Dezember 2009

“Ich habe keine Angst vor dem Wort Romantik.” – Robert Ayers im Gespräch mit Yigal Ozeri

Ich kenne Yigal Ozeri jetzt seit ungefähr vier Jahren, und habe mehrfach für ARTINFO über seine Arbeiten geschrieben. Er ist wirklich eine überlebensgroße Figur, und dabei eine der gewandtesten, liebenswertesten Erscheinungen in der New Yorker Kunstszene. 1958 in Israel geboren, arbeitet Ozeri hier seit fast zwanzig Jahren und gilt seit 2005 als der sehr erfolgreiche Maler schöner aber auch beunruhigender Figuren. Er hat in New York bei dem eng mit ihm befreundeten Mike Weiss ausgestellt, kürzlich aber auch in der Galerie Dukan & Hourdequin in Marseille, der Alon Segev Gallery in Tel Aviv und der Byron Cohen Gallery in Kansas City. Er wird verfolgt von einem Schwarm begieriger Privatsammler, aber es fehlt ihm auch nicht an Kritikern, die sich an der Romantik oder an der Sexualität in seinen Bildern stören.

Seine neueste Ausstellung “Desire for Anima” wird am Donnerstag, 10. September in der Mike Weiss Gallery eröffnet. Sie besteht fast ausschließlich aus großformatigen Ölgemälden auf Papier (einige Vorskizzen gehören dazu und eine verführerische Video-Arbeit), und in der vergangenen Woche habe ich mich beim Hängen der Bilder in der Galerie mit ihm unterhalten. Wir sprachen über technische Fragen – wobei er erklärte, dass er nach Fotografien oder Video-Stills malt – diskutierten die Frage der Sexualität in seinen Arbeiten, und berührten auch die Beziehung zwischen seiner Malerei und der zeitgenössischen Szene. Ozeri erweist sich als ein Künstler, der zutiefst von der Wichtigkeit seiner Kunst und deren Verhältnis zur Kunstgeschichte überzeugt ist, und unsere Unterhaltung wurde zu einem der provokativsten Gespräche, die ich jemals mit einem Künstler geführt habe.

Yigal, lass uns direkt zur Sache kommen: Du bist ein verheirateter Mann im besten Alter, und schon seit mehreren Jahren malst du nun diese attraktiven jungen Frauen inmitten üppiger Natur und oftmals nackt oder halbnackt. Wer sind sie?

Vor ungefähr sechs Jahren, als ich beschloss, mit Modellen zu arbeiten, gab ich eine Annonce auf. Daraufhin meldeten sich Mädchen, die für Magazine posiert hatten, und irgendwie sahen sie aus wie aus Penthouse. Keine interessierte mich. Gleichzeitig hatte ich aber auch nach einem Mann mit langen Haaren gesucht. Und da meldete sich dieser junge Mann, ein sehr interessanter junger Mann, und während wir uns unterhielten, sagte er, “Ich habe eine Freundin, aber das Problem ist, dass sie in Maine im Wald lebt.” Ich glaubte ihm nicht, aber in der folgenden Woche fuhren wir hin und trafen das Mädchen – sie heißt Priscilla. So hat das angefangen.

Und was hatte Priscilla, das die anderen Modelle nicht hatten?

Priscilla ist jemand Wirkliches. Sie ist kein Modell, das ich in die Natur gebracht habe. Sie ist ein Mensch, der in der Natur lebt, alles, was sie isst, kommt aus der Natur. Ich hatte nicht geglaubt, dass es sie noch gibt, aber es gibt Leute, die so leben. Eine neue Generation, die so lebt wie die Hippies es in den Sechzigern und Siebzigern taten.

War Yigal Ozeri damals ein Hippie?

Ich konnte mir damals den Traum nicht erfüllen. Ich bin in Israel geboren und habe davon nur in der Zeitung gelesen. Aber für mich ist das die Art, dieses Leben noch einmal zu sehen, es noch einmal zu leben. Also hatte ich nach dieser Art Menschen gesucht, nach dieser Art Mädchen. Sie haben kein Haus, sie denken nicht über Geld nach, sie denken nicht darüber nach, was sie morgen machen werden. Und ich fand Priscilla.

Und wie hast du die junge Frau auf den neuen Bildern kennengelernt?

Ich traf einen Designer, einen chassidischen Juden, der die chassidische Gemeinschaft verlassen und sich einer Gruppe von Leuten angeschlossen hatte, die wie Hippies leben, jeden Tag in einem anderen Haus, ohne zu wissen, wo sie morgen bleiben werden. Sie sind keine Bettler, sie sind nicht obdachlos, aber sie haben kein Einkommen, und sie machen ihr eigenes Ding. Ich war fasziniert. Und dieser junge Mann stellte mir die beiden Mädchen vor, Jessica und Jana.

Jessica kam aus einem Ort und Jana aus einem anderen, aber sie waren Freundinnen geworden. Ich versuchte, sie kennen zu lernen und zu verstehen, und wir verbrachten viel Zeit miteinander, bevor ich sie fotografierte – Ich ging mit ihnen in Clubs, und wir gingen zusammen hinaus in die Natur. Ich tat alles, was sie zusammen taten. Diese neue Generation ist faszinierend.

Und dann hast du sie draußen auf einer Wiese fotografiert. Warum?

Ich bin fasziniert von den Präraffaeliten – den Künstlern des 19. Jahrhunderts in England, die in die Natur hinauszogen und sie zelebrierten. Also nahm ich Jana und Jessica mit auf ein Anwesen in New Jersey, das einem Paar Gehört – Sammler meiner Bilder. Da gibt es ein schönes, endloses Weizenfeld in der Nähe des Hauses. Ich konnte dort ein richtiges Fest in der Nature begehen.

Was hast du ihnen für Anweisungen gegeben?

Ich habe kaum etwas gesagt. Ich gebe nie Anweisungen. Ich habe auch Priscilla nie welche gegeben. Ich sagte: “Okay, Ich werde die Kamera nehmen, und ihr könnt tun, was immer ihr wollt.” Und so haben wir es gemacht. Es war sehr spielerisch. Sie taten was sie wollten, wonach ihnen war, und es war großartig. Ich benutzte ein starkes Teleobjektiv von sehr weit weg und machte Tausende von Fotos.

Und was dann? Du hast ein Bild aus diesen Tausenden ausgewählt?

Ja, danach arbeite ich damit digital am Computer. Mit Photoshop. Manchmal verändere ich die Helligkeit, oder ich bearbeite die Farben. Dann drucke ich ein großes Foto aus. Davon mache ich eine Zeichnung auf Papier, und dann male ich. Jedem Teil widme ich dieselbe Aufmerksamkeit, alles wird gleichermaßen beachtet. Schau dir die Haut an, und wie sorgfältig sie gemalt ist. Das sind hier vielleicht zwanzig oder dreißig Farbschichten. Die Leute fragen mich: “Warum auf Papier?” Nun, wenn du Leinwand anfasst, stößt dich das ab, aber wenn du Papier berührst, saugt es dich auf. Es gestattet dir, zu arbeiten. Es ist sehr freundlich.

Du arbeitest mit Assistenten, nicht wahr?

Ja, zehn Maler-Assistenens und noch fünf, die bei den Videos und Fotos mitarbeiten. Es ist eine ganze Mannschaft. Die Assistenten arbeiten, wie es in der Renaissance üblich war. Van Eyck, Velasquez, Leonardo oder Rubens, sie alle haben mit Gesellen gearbeitet. Sie waren die Meister. Ich glaube an diese Methode. Geh ins Metropolitan Museum. Das beste Kunstwerk dort is dieser van Eyck, bei dem er mit fünfundzwanzig Gesellen gearbeitet hat. Und es ist das beste Werk, weil jeder Einzelne sein Bestes gegeben hat.

Der fleißigste Künstler, den du finden kannst, arbeitet zehn Stunden pro Tag an sechs Tagen in der Woche. Das sind sechzig Stunden. Wir reden über 600 Stunden pro Woche. Was ein Einzelner in einem Jahr schaffen kann, schaffen wir in einem Monat. Für diese ganze Ausstellung haben wir anderthalb Jahre gebraucht.

Mein System ist, sie arbeiten für mich zehn Stunden am Tag, drei Tage die Woche, und die restliche Zeit arbeiten sie an ihren eigenen Werken. Sie sind keine Sklaven. Ich bin nicht wie Jeff Koons. Und sie arbeiten nie länger für mich als drei Jahre. Dann machen sie ihre eigene Kunst und ich stelle neue Leute ein. Es ist wie eine Ausbildung.

Ich möchte das genau wissen. Berührt dein Pinsel jede Stelle des Bildes?

Ich berühre jede einzelne Stelle jedes Bildes. Ich bin wie ein Dirigent, der jedem seinen eigenen Einsatz gibt. Die Assistenten machen die Zeichnung und fangen an, viele Farbschichten aufzutragen. Das geht sehr schnell. Dann bin ich erst mal dran und arbeite an den Highlights. Dabei hilft mir jemand, aber nur eine Person arbeitet mit mir an den feinsten Details. Ich mache fast alles Wesentliche – das Haar, das Gesicht – aber man braucht viele Helfer, sonst wird man nicht fertig. Filmemacher haben viele Leute, die mit ihnen arbeiten. Einige für die Masken, andere für die Requisiten, und sie sind brilliante Künstler. Am Ende sind viele Leute an einem großartigen Kunstwerk beteiligt.

Können wir noch einmal auf Photoshop zurückkommen? Kombinierst du manchmal Elemente aus zwei verschiedenen Fotografien?

Nein, und das ist sehr seltsam. Nimm irgend einen figurativen Maler von heute – sagen wir mal, Lisa Yuskavage oder Marilyn Minter oder John Currin. Jeder sagt, sie sind die wichtigsten zeitgenössischen Künstler, aber sie sind sehr akademisch. John Currin bedient sich der Kunstgeschichte und macht eine Collage: Er nimmt ein Foto seiner Frau und einen Körper von Cranach und setzt sie zusammen, und dann hat er ein Gemälde. Ich will dagegen nichts sagen. Er ist ein ausgezeichneter Maler. Aber was ich mache ist etwas ganz Anderes, weil ich mich von der Kunstgeschichte losgesagt habe. Ich habe viele Jahre kunstgeschichtlich gearbeitet, aber was ich jetzt mache, ist der Durchbruch zum wahren Leben. Ich beschäftige mich mit der Wirklichkeit. Ich glaube, ich bin einer von wenigen Künstlern, die das tun, und das ist etwas, das die Leute nicht verstehen.

Erkläre mal, was du mit Wirklichkeit meinst.

Das hier ist Wirklichkeit. Das kriegst du nicht, wenn du im Atelier dein Material manipulierst. Ich manipuliere nicht. Ich nehme das Wirkliche wie es ist. In meinen Bildern spürst du den Augenblick, den Duft, den Atem. Wie dieses Bild von Megan: Ich habe viel Zeit mit Megan zugebracht. Sie ist kein Modell. Sie ist nur ein gewöhnlicher Mensch, ein gewöhnliches Mädchen, das eine Modeschule besucht. Ich bin mit ihr in den Central Park gegangen und habe ihr gesagt: “Wir suchen die richtige Stelle, aber dann verschwinde ich, und du tust was du möchtest.” Sie hatte ihre Garderobe selbst gewählt und sich etwas zu essen mitgebracht – sie setzte sich hin, legte sich hin, tat den ganzen Tag lang, wozu sie Lust hatte, und ich fotografierte mit dem Teleobjektiv von so weit weg, dass sie mich nicht sah. Ich ließ sie wirklich tun was sie wollte. Und das habe ich damit erreicht: Ich kann in das Leben von Menschen hinein.

Du behauptest also, dass diese Bilder keine sexuelle Dimension haben?

Im Endergebnis glaube ich nicht, dass es in meinen Arbeiten um Sexualität geht. Es geht um Freude. Ich glaube, dass zwei nackte Frauen in einem Weizenfeld die vollkommenste Verbindung mit der Natur eingehen. Es geht ausschließlich um Freiheit. Es geht ausschließlich um das Freudenfest.

Die Leute sprechen oft von diesen jungen Frauen als von deinen “Musen”. Diese Bezeichnung impliziert oft Sexualität.

Vielleicht, aber ich habe keine derartige Beziehung zu ihnen. Man muss ihnen wie ein Schatten folgen, aber man darf keine Beziehung mit ihnen haben. Das ist schwer. Ich bin verheiratet, ich habe Kinder, und ich liebe meine Frau und meine Familie. Es ist verführerisch. Aber sie dürfen sich nicht in mich verlieben. Ich muss sehr vorsichtig sein. Es ist ein Grundsatz, den ich gefasst habe.

Aber sie sind doch sicher Freundinnen?

Sie sind wirklich gute Freundinnen. Sie stellen mir alle ihre Freunde und ihre Familien vor. Wenn sie etwas brauchen, können sie mich jederzeit anrufen. Wenn man etwas so Persönliches mit Menschen macht, muss man Teil ihres Lebens werden.

Ich versuche, in ihren Kopf zu kommen, ohne zu stören.

Warum hast du Carl Jungs Wort “anima” im Titel dieser Ausstellung verwendet?

Wenn Leute dir jahrelang sagen, dass du so oder so bist, bedeutet das wahrscheinlich, dass du so bist. Leute haben jahrelang behauptet, dass meine Bilder aus der Sichtweise einer Frau gemalt sind. In meinen Augen ist das ein großes Kompliment, und ich sage dir warum. Es ist, als wäre ich zu diesen Mädchen gekommen, nicht als Mann mit seinem sexuellen Blick, sondern als etwas aus ihrem eigenen Kopf. Wie Carl Jung sagte, gibt es etwas Weibliches im Kopf eines Mannes. Das ist, was ich hier erreicht habe. Ich glaube, es ist wirklich passiert nach den sechs oder sieben Jahren, in denen ich mich mit dem Thema beschäftigt habe. Das macht es so einzigartig – Ich bin nicht wie viele Maler, die einen Dialog, eine Freundschaft oder eine Beziehung zu einem Modell haben. Es ist nicht wie bei Andrew Wyeth. So funktioniert es nicht. Es ist Arbeiten aus einem anderen Blickwinkel. Das meinte ich mit Wirklichkeit.

Einige Leute würden sagen, das ist eher romantisch als realistisch.

Ich habe keine Angst vor dem Wort Romantik. Das ist es, was ich der Malerei zurückgebe und was ich der Welt der Kunst zurückgebe. Die Welt der Kunst ist so voller Gewalt, voll von Tod und ekelhaftem Zeug, und ich gebe den Dingen ihre Romantik zurück. Oder eigentlich bringe ich sie nicht zurück – Ich zeige sie in den Menschen, die heute so leben und es so wollen. Menschen zu zeigen, die in der Natur leben, die ohne Bosheit sind, Menschen, die nichts als Liebe brauchen, ist viel radikaler als im Irak zu fotografieren. Angesichts all dessen, was heute in der Welt geschieht, all der Gewalt, all des Sex, bringe ich Leute auf die Gegenseite, in die maximale Freiheit und zum Freudenfest der Natur. Und es gibt viele in dieser jungen Generation, die beschlossen haben, so zu leben.

Schau dir an, was in der Architektur passiert. Schau dir an, was im Film passiert und in der Mode. Alle nähern sich der jungen Generation an. Wir müssen einen anderen Standpunkt annehmen. Wir dürfen nicht stehen bleiben. Wie oft kannst du dir Illustrationen anschauen? Wie oft kannst du Comics lesen? Wie oft kannst du American Pop hören? Es ist vorbei. Wir müssen uns anderswohin begeben, in das wahre Leben.

Übersetzung des Originaltextes bei:
http://www.askyfilledwithshootingstars.com/wordpress/?p=1003

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