Der Titel klingt verführerisch, zumindest für uns Frauen. Eigensinnig, das ist genau das Gegenteil von angepasst und fremdbestimmt. Eigensinn klingt nach Selbstverwirklichung. Dabei stehe ich diesem Modewort kritisch gegenüber. Zu oft kommt es mir vor, als würde diese Selbstverwirklichung auch unter einem gesellschaftlichen Druck erfolgen. Mit der beruflichen Karriere soll es vorangehen, auch wenn sich das mit dem Familienleben kaum noch vereinbaren lässt, ein kreatives Hobby ist geradezu Pflicht, die Fortbildung ebenso, und in der wenigen verbleibenden Zeit wird frau sich doch nicht etwa immer nach dem Partner richten wollen, wenn es um den Urlaub oder Verabredungen mit Freunden geht. Wie lange werden Frauen sich in dieser Weise selbstverwirklichen müssen, bevor sie sich wieder eigensinnig dafür entscheiden dürfen, ein „erfolgreiches kleines Familienunternehmen“ zu führen, ohne dass man auf sie herabblickt. Aber bevor ich all dies zu Ende gedacht hatte, hatte ich das Buch mit dem verführerischen Titel schon gekauft und habe es übrigens nicht bereut.

Wer sich einen Lesegenuss durch anspruchsvollen literarischen Stil erhofft, wird hier eher enttäuscht. Zehn Frauenschicksale auf 256 Seiten, da bleibt nicht viel Raum für stimmungsvolle Ausschilderungen und philosophische Exkurse. Aber Dieter Wunderlich traktiert den Leser auch nicht mit einem ermüdenden Stakkato von Namen, Daten und Fakten. Die kurzen Biographien lassen erkennen, dass er aus einer Fülle recherchierten Materials für seine Texte eine Auswahl getroffen hat, die sich auf das Wesentliche beschränkt, ohne auf Kolorit zu verzichten. Bemerkenswert ist auch die Auswahl der Biografien an sich. Über 500 Jahre Geschichte (und damit auch Frauengeschichte) hat der 1946 in München geborene Diplompsychologe unter die Lupe genommen und dabei keinen bestimmten Typus, keine Ausrichtung des Eigensinns favorisiert. Von Johanna von Orléans, die ihren Stimmen folgte und durch ihren naiven aber unerschütterlichen Glauben an die Möglichkeit des unmöglich Erscheinenden ein Häuflein verzagter Soldaten gegen eine Übermacht zum Sieg führte, um schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, bis zu Ulrike Meinhof, der etwas biederen jungen Frau, die aktiv in ihrer Kirchengemeinde mitarbeitete, sich gegen soziale Ungerechtigkeit engagierte und schließlich unter dem von Andreas Baader und Gudrun Ensslin ausgeübten psychologischen Druck dem Irrtum verfiel, der Zweck heilige alle Mittel, und von deren Tod in Stuttgart-Stammheim bis heute berechtigte Zweifel bestehen, dass es sich um Selbstmord handelte, reicht die Palette.

Merian_Metamorphosis_XXVII
Maria Sibylla Merian (1647-1717)
Kolorierter Kupferstich aus Metamorphosis insectorum Surinamensium, Bildtafel XXVII. Musa paradisiaca, 1705

Der Leser erfährt, wie Maria Ward sich nicht in die Rolle einer bettelnden Laienschwester im Orden der Klarissinnen schickte und wie ihre Bestrebungen, eine eigene Ordensgemeinschaft für die Unterweisung von Mädchen aller Stände zu gründen, von der katholischen Kirche immer wieder vereitelt wurden, sie aber, allen Widrigkeiten trotzend, mit ihren „Englischen Fräulein“ ihr Ziel weiter verfolgte und erreichte. Interessant war mir auch, zu erfahren, dass die botanischen Zeichnungen, die mir so gefallen, weil im Zentrum die Pflanze und darum herum ihre einzelnen Teile und die von dieser Pflanze lebenden Insekten abgebildet sind, eine „Erfindung“ von Maria Sibylla Merian waren, die ihre Kenntnisse auf ausgedehnten Reisen sammelte zu einer Zeit, als man einer Frau nicht zutraute, solche Strapazen auszuhalten.
Da ist die legendäre Madame Pompadour, die, kaum von ihrem ersten Kind entbunden, beschloss, die Maitresse Ludwig XV. zu werden, und diesen Plan mit rücksichtslosem Ehrgeiz verfolgte, und die kaum minder legendäre Coco Chanel, die es von der armen Flickschneiderin zur Modezarin brachte und dafür auch die Nähe einflussreicher Nazis nicht scheute. Dazwischen die Lebensgeschichte der Marie Curie, die auch nach dem Tod ihres Mannes, den sie nie verwinden konnte, die gemeinsame Forschung fortsetzte und zu den wenigen Wissenschaftlern gehört, die mit zwei Nobelpreisen ausgezeichnet wurden. Von der mexikanischen Malerin Frida Kahlo ist zu lesen, die in ihrer Jugend das Opfer eines tragischen Unfalls wurde und für den Rest ihres Lebens, von Schmerzen geplagt, mit ihren Bildern versuchte, den revolutionären Kampf ihres Volkes zu unterstützen.

Simone de Beauvoir ist ein Kapitel gewidmet, ihrer Beziehung zu Jean Paul Sartre und der Idee des Existenzialismus. Wie das Leben der großen Schriftstellerin, berühren auch die anderen Frauenschicksale immer wieder die von Männern, und weil ich nun einmal so denke, wie eingangs beschrieben, hat eines mir besonders zu denken gegeben, das von Karl August Varnhagen, der über sich selbst sagte: „Mein Gemüt ist ganz arm auf die Welt gekommen und muß sich, wenn andere in der Erdengesellschaft jeder gleich anfangs einen Einsatz gegeben hat, oder doch jederzeit, es liegt nur an ihm, geben kann, scheu zurückziehen vor dem Spiel. Leer ist es in mir, wirklich meistens leer, ich erzeuge nicht Gedanken, nicht Gestalten, weder den Zusammenhang kann ich darstellen als System, noch das einzelnste heraussondern in ein individuelles Leben als Witz, es sprudelt keine Quelle in mir! […] Aber in dieser völligen Leerheit bin ich immer offen, ein Sonnenstrahl, eine Bewegung, eine Gestalt des Schönen oder auch nur der Kraft werden mir nicht entgehen, ich erwarte nur, dass etwas vorgehe, ein Bettler am Wege.“
Obwohl dies seiner diplomatischen Karriere schadete, heiratete Varnhagen die geistreiche Jüdin Rahel, von der Johann Wolfgang von Goethe nach der ersten Begegnung gesagt hatte: „…sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte.“ Rahel Varnhagen schrieb in ihrem Leben kein einziges Buch, dafür aber mehr als zehntausend Brief an etwa dreihundert verschiedene Personen. Nach ihrem Tod widmete Karl August Varnhagen die letzten 24 Jahre seines Lebens der Aufgabe, diese Briefe zu sammeln.

Bemerkenswert erscheint mir nicht nur, dass es in diesem Fall ein Mann war, der auf die Hauptrolle verzichtete. Aus heutiger Sicht erkenne ich eine Notwendigkeit, darauf hinzuweisen, dass es ein erbärmliches Spektakel ergibt, wenn jeder sich in den Vordergrund spielt. Es braucht auch die, die wie das Blei sind, in welches das bunte Glas gefasst ist. Auch wenn sie nur als Schatten wahrzunehmen sind, wären ohne sie Kunst und Geist nur ein bunter Scherbenhaufen.

Dieter Wunderlich
EigenSinnige Frauen
Erschienen bei: Piper in der Reihe «Serie Piper», 2003
256 Seiten
ISBN-10: 3-492-24058-5
ISBN-13: 978-3-492-24058-1

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