P. Steen: Vanitas Still-Life with Gorget and Cuirass. um 1640

P. Steen: Vanitas Still-Life with Gorget and Cuirass. um 1640

Das lateinische Wort Vanitas (leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit) bezeichnet die jüdisch-christliche Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Vanitas-Motive sollen den Menschen daran erinnern, dass er sterblich ist und alles Streben nach Reichtum, Macht, ja, selbst nach Wissen eitel und vergeblich.

Klagen über die Vergänglichkeit finden sich zwar schon in der antiken Dichtung, doch kannte die Antike noch keine Verurteilung des Stolzes auf menschliche Leistung und menschliche Kunst. So sagte Hippokratest: „Das Leben ist flüchtig, die Kunst dauerhaft.“ Erst die jüdisch-christliche Kultur betrachtete jede menschliche Darstellung als eine gotteslästerliche Anmaßung. Gegen diese Auffassung mussten sich die Künstler des Mittelalters durchsetzen und taten dies mit dem Mittel der Rechtfertigung. Die Darstellungen von Sterblichkeit und Niederlagen sollten den Betrachter läutern und den Künstler entschuldigen. Mit dem Aufblühen der Künste in der Renaissance stieg der Rechtfertigungsbedarf erheblich, und entsprechend groß waren die Bemühungen, ihm nachzukommen.

Im Barockzeitalter war Vanitas ein bedeutendes Motiv in Literatur, Theater und Musik, und in der Bildenden Kunst finden sich häufig Darstellungen des Vergangenen und Vergänglichen: Totenschädel, Stundenglas, die erlöschende Kerze und die verwelkte Blume aber auch hohle Formen wie Masken, ein leeres Glas, Schneckengehäuse und Ruinen. Zu den Vanitas-Symbolen gehörten auch Gegenstände, die wir heute mit sinnvoller Betätigung oder Geselligkeit in Verbindung bringen würden: Bücher, Sammelobjekte und Spiele. Nach damaliger Auffassung führten das Lesen und Beschäftigungen zum bloßen Zeitvertreib zur Melancholie, und ihre symbolische Bedeutung in Vanitas-Stillleben als Requisiten menschlichen Mutwillens wurde von jedem Betrachter verstanden. Dasselbe galt für Machtinsignien und Luxusgüter wie kostbare Stoffe und Schmuck.

Beliebte Sinnsprüche, die die Vergänglichkeit alles Irdischen ins Gedächtnis rufen sollten, waren „Memento mori“ (Bedenke, dass du sterben musst) und „Carpe diem“ (Nutze den Tag).

Mit Ausgang des 17. Jahrhunderts aber kam es zur Auflehnung gegen das unvermeidliche Scheitern des Menschen in seinen Bemühungen. Zwar war und ist) der Tod nicht überwunden, doch schon in Gemälden vor 1700 erscheint der Totenschädel als Studienobjekt für den Arzt oder Naturforscher und nicht mehr als Ermahnung. Und seit dem späten 18. Jahrhundert, im Zuge des medizinischen und naturwissenschaftlichen Fortschritts und des Entstehens einer wohlhabenden bürgerlichen Gesellschaft, kehrte sich die Bedeutung vieler Vanitas-Motive um, symbolisierten sie nicht mehr Vergänglichkeit und Nichtigkeit, sondern Bedeutendes mit einem Anspruch auf Dauer. Aus der Historia von D. Johann Fausten von 1587 wurde 1808 Goethes Faust I.

Um 1900 kam es zu einer Wiederbelebung der Vanitas-Motive als Bewegung, die sich gegen den bürgerlichen Denkmalskult und den Naturalismus in der Literatur und der Kunst richtete. In diese Entwicklung ist Edvard Munchs zwischen 1892 und 1910 entstandene Bilderreihe „Der Schrei“ einzuordnen. Und auch in der Kunst des 20. Jahrhunderts bleibt Vanitas gegenwärtig, so zum Beispiel in Stillleben von Georges Braque oder Pablo Picasso. Andy Warhol kritisierte mit der Darstellung nichtiger Dinge den Wertanspruch von Kunst (was diese Werke zu den teuersten der modernen Kunst gemacht hat). Und Lucien Freud, dessen Aktgemälde keinen Zweifel an den Alterungsprozessen lassen, denen der menschliche Körper unterliegt, sagte 1990 zu Damien Hirst angesichts dessen Arbeit „A Thousand Years“ mit sterbenden Fliegen: „Oh, du hast mit dem finalen Akt begonnen.“

Die Kunst stellt nicht mehr nur Vergänglichkeit dar, sondern die Vergänglichkeit des Kunstobjekts wird zum Ausdrucksmittel. Immer mehr Werke entstehen nur für eine befristete, oftmals wenige Tage oder Wochen dauernde Zeit. Damit entspricht sie dem, was jedem von uns täglich immer deutlicher vor Augen geführt wird durch den schnellen Wandel der Mode, die von einem Jahr zum nächsten schon veraltete Technik, eine Gesellschaft die gekennzeichnet ist von Zeitarbeit, Lebensabschnittspartnerschaften, Börsencrashs und Unternehmenspleiten. Im Widerspruch dazu stehen die Bemühungen, den Tod immer weiter hinauszuschieben, und der Ehrgeiz, alles, aber auch alles zu dokumentieren und zu archivieren.

An der Unabwendbarkeit des Todes und der Vergänglichkeit alles Irdischen aber hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern – auch nicht dadurch, dass wir das Thema weitgehend tabuisieren. Ändern können wir nur unsere Einstellung dazu. Und da lohnt es sich vielleicht, einen Blick darauf zu werfen, wie andere Kulturen damit umgehen. Der Zeitpunkt – kurz vor Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag erscheint mir dazu genau richtig.

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