Für L.

Glaubst du an den Weihnachtsmann? Ich meine, glaubst du wirklich, dass es ihn gibt, und dass er am Heiligen Abend allen Kindern Geschenke bringt? – Nun, das kannst du halten wie du willst. Es ist ja jetzt auch nicht Weihnachten, und ich will dir nichts vom Weihnachtsmann erzählen. Erzählen will ich dir vom Geburtstagsmann. Den gibt es wirklich nicht wirklich, denn erfunden hat ihn Marlene. Und das kam so:

Marlene hatte, wie wohl alle Kinder, sehr gerne Geburtstag – nicht nur weil sie dann Geschenke bekam, sondern weil sie einen Tag lang die Hauptperson war. Das fing schon am frühen Morgen an, wenn sie ihren Geburtstagstisch anschauen durfte, auf den die Mutter einen Holzkranz gelegt hatte, in dem so viele Kerzen steckten, wie Marlene Jahre alt wurde. Und in der Mitte das Lebenslicht. Daneben standen ein Blumenstrauß und eine Schale mit Obst und Schokolade. Und natürlich lagen auch die Geschenke auf dem Tisch, die Marlene eines nach dem anderen auspackte, während ihre Eltern und ihr großer Bruder dabei standen und ganz gespannte Gesichter machten. Und so ging es den ganzen Tag weiter. Marlene durfte sich aussuchen, was sie anziehen wollte, und ihre Mutter kochte das Essen, das sie am liebsten mochte. Und nachmittags gab es Kuchen, es kamen die Großeltern, Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen und brachten noch mehr Geschenke mit, und es kam auch der Geburtstagsmann. Der brachte das kleinste Geschenk, aber dafür hatte er ja vorher schon heimlich all die anderen Geschenke gebracht. Darauf war Marlene bald gekommen, nachdem der Geburtstagsmann auch auftauchte, wenn ihre Mutter, ihr Vater oder ihr Bruder Geburtstag hatten, und ebenso bei Onkel Wolfgang und Tante Rebecca, Onkel Fred und Tante Brigitte, Heinz, Lisa, Caroline… bei jedem Geburtstag erschien der Geburtstagsmann. Sonst aber sah man ihn nie. Außerdem sorgte er dafür, dass gespielt und gelacht und gesungen wurde, und ohne den Geburtstagsmann wären die Geburtstage viel weniger lustig gewesen. Nur manchmal saß er an der Kaffeetafel und schien für einen Moment mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Dann veränderte sich sein Gesicht ganz seltsam. Es sah dann irgendwie traurig aus, wie ein Luftballon, der ein kleines Loch hat, und der dann ganz stumpf und schlaff und schrumpelig wird. Marlene dachte, dass er sich dann vielleicht Sorgen machte, wie er das nur alles schaffen sollte – die vielen Geburtstage, die die Menschen haben. Er hatte ja nicht einmal Zeit, sich einen neuen Anzug zu kaufen. Jahr um Jahr hatte er denselben braunen Anzug an, aber immer ordentlich gebügelt, und auch das Hemd war sauber, wenn es auch am Kragen ein wenig ausgefranst war. Doch an dem alten Anzug und dem ausgefransten Hemd störte sich niemand, denn meistens lachte der Geburtstagsmann ja, und dann glänzten seine Wangen über seinem breiten Mund. Oder wenn man ihm etwas erzählte, zog er vor Staunen die Augenbrauen so hoch, dass seine Stirn sich in lauter lustige Falten legte. Auch mit den Ohren wackeln konnte er und kannte die herrlichsten Spiele und Rätsel. Und wenn er ging, fragte er beim Abschied das Geburtstagskind: „Weißt du schon, was du dir zu deinem nächsten Geburtstag wünscht?“ Wenn dann das Geburtstagskind einen Wunsch geäußert hatte, sagte er: „Dann schau, dass du bis dahin gesund und lustig bleibst, damit dein Wunsch auch in Erfüllung gehen kann.“

Dann war Marlene eingeschult worden, und bald hatte sie eine Schulfreundin und wurde von ihr zum Geburtstag eingeladen. Es war das erste Mal, dass sie zum Geburtstag von jemandem ging, der nicht zur Familie gehörte. Sie war ein bisschen aufgeregt, denn bestimmt würden viele Leute dort sein, die sie nicht kannte. Aber schließlich würde der Geburtstagsmann auch kommen, und dann wäre sie dort nicht ganz fremd. – Aber der Geburtstagsmann kam nicht.

Die Eltern der Schulfreundin und auch ihre anderen Verwandten waren sehr nett zu Marlene. Sie hatte also gar keinen Grund gehabt, sich Sorgen zu machen, und auch sonst wurde dort fast genauso Geburtstag gefeiert wie bei ihr zuhause. Es gab Kuchen, und es wurden Spiele gespielt. Beim Topfschlagen gewann Marlene sogar einen kleinen Beutel mit Glasmurmeln, und ein Onkel der Freundin konnte ein paar Zaubertricks und führte sie vor. Und dennoch schaute Marlene immer wieder zur Tür und horchte, ob nicht etwa geklingelt wurde. Und schließlich hielt sie es nicht mehr aus und fragte ihre Freundin: „Kommt denn der Geburtstagsmann überhaupt nicht?“ – Da wurde es plötzlich mucksmäuschenstill am Tisch, und alle schauten Marlene an. Der Geburtstagsmann? Von dem hatten sie noch nie gehört. Und Marlene musste erzählen. Das war ihr ein bisschen peinlich, weil sie ja nicht damit angeben wollte, dass zu ihr der Geburtstagsmann kam, während doch ihre Freundin und deren Verwandte ihn noch nie gesehen hatten.

Die Sache bedrückte Marlene so sehr, dass sie beim Abendbrot zuhause davon erzählte, und da war es, als würde sich die gleiche Szene wiederholen. Ihre Eltern und ihr Bruder hörten auf zu essen und schauten sie erstaunt an. Der Geburtstagsmann? – Marlene wurde beinahe wütend. Wollte man ihr etwas vormachen. Sie taten ja, als hätten sie ihn nie gesehen. „Ja, der Geburtstagsmann!“ sagte sie. „Ihr habt wohl gedacht, ich wüsste es nicht. Aber ich weiß schon lange, dass er der Geburtstagsmann ist und die Geschenke bringt.“
Marlenes Vater und ihr Bruder machten Gesichter, als wüssten sie überhaupt nicht, vom wem Marlene sprach. Doch ihre Mutter hatte plötzlich verstanden. „Sie meint Erich“, sagte sie. „Sie meint Erich?“ fragte der Vater. „Onkel Erich?“ fragte auch der Bruder erstaunt. – „Ja, sie hat es also doch herausbekommen, dass Erich der Geburtstagsmann ist. Ich habe eben eine kluge Tochter“, sagte die Mutter, und dabei schaute sie die beiden Ungläubigen an, als wollte sie sagen: Tut ja nicht weiter so, als hättet ihr keine Ahnung.

Marlenes Vater sah aus, als hätte er Lust zu lachen, aber er sagte ganz ernsthaft: „Wenn Du es also schon selbst herausgefunden hast, dann können wir wohl kein Geheimnis mehr daraus machen, dass Erich nicht Onkel Erich sondern der Geburtstagsmann ist.“ Und dann bekam er einen so schrecklichen Husten, dass er vom Tisch aufstehen musste.
„Und versteht ihr, warum er nicht auch zu meiner Freundin kommt?“ Marlene schaute fragend zwischen ihrer Mutter und ihrem Bruder hin und her.
„Vielleicht schafft er es nicht, zu allen Geburtsgen zu gehen“, sagte ihr Bruder. „Der Weihnachtsmann kommt ja auch nicht zu allen Kindern.“ Und dann schien er einen Krümel in den Hals bekommen zu haben, musste genauso fürchterlich husten wie der Vater und lief ihm nach, hinaus auf den Balkon, wo sie beide noch eine Weile komisch husteten.

Als Marlene an jenem Abend im Bett lag, und die Eltern wohl dachten, sie würde schon schlafen, hörte sie sie leise miteinander reden. „Gib es zu, du hast es nicht gewusst, dass Erich der Geburtstagsmann ist“, sagte die Mutter. „Ja, ich muss gestehen, ich wusste es wirklich nicht“, entgegnete der Vater. „Eigentlich hätte ich von selbst darauf kommen müssen. Aber dank unserer klugen Tochter weiß ich es ja nun.“ Und dann lachte er leise.

Ein Geburtstag folgte auf den anderen. Marlene wurde älter. Als sie auf das Gymnasium ging, wusste die längst, dass Erich ein entfernter Verwandter war, der in sehr bescheidenen Verhältnissen etwas außerhalb der Stadt lebte, es sich aber nicht nehmen ließ, zu den Geburtstagen der ganzen Familie zu kommen und ein kleines Geschenk mitzubringen. Für Marlene blieb er der Geburtstagsmann, und selbst ihre Eltern und ihr Bruder nannten ihn jetzt manchmal so, wenn sie von ihm sprachen – und taten es ganz freundlich und ohne darüber zu lachen. Als dann Tante Brigitte einmal außer der Reihe zum Kaffebesuch kam und sagte, sie könne ja verstehen, dass jemand, der so arm ist wie der Erich, zu allen Geburtstagen geht, um auch mal gut zu essen, da standen sie gemeinsam für ihn ein und gaben ihr ordentlich Bescheid, dass der Erich ein ganz feiner Kerl mit Familiensinn sei, den sie auf keinem Geburtstag missen wollten. Und so war es auch. Marlene hatte ihn mindestens genauso gern wie ihre anderen Verwandten oder vielleicht noch lieber, denn als die Anderen noch nicht einmal merkten, dass sie langsam erwachsen wurde und ihr noch Kinderbücher und Stofftiere schenkten, als sie schon Oscar Wilde las und sich über ein Parfüm, das wie frisches Heu duftet, gefreut hätte, brachte ihr der Geburtstagsmann einen kleinen Taschenspiegel in einer Hülle aus Wildlederimitat, und sie konnte verständig mit ihm über alles reden, was sie gerade beschäftigte.

Zu Marlenes vierzehntem Geburtstag kam er nicht. An der Kaffeetafel war für ihn gedeckt, aber die Tasse blieb sauber, der Teller leer, der Stuhl unbesetzt. Erst als auf der Tortenplatte nur noch das letzte Stück lag, das nie jemand nahm, um nicht unhöflich zu erscheinen, meinte die Mutter, Erich würde wohl nicht mehr kommen, und räumte sein Gedeck ab. Anrufen konnte man ihn nicht, um nachzufragen, warum er verhindert war. Er hatte kein Telefon.

Etwa vier Wochen später, begrüßte die Mutter Marlene, als sie aus der Schule kam, mit sehr ernstem Gesicht. „Onkel Erich ist tot“, sagte sie.
„Der Geburtstagsmann?“ fragte Marlene, als hätte sie noch die Hoffnung, dass ihre Mutter von einem anderen Erich sprach.
„Ja, aber wenn ich gesagt hätte, der Geburtstagsmann ist tot, dann…“ Ihr versagte die Stimme.
„Dann wäre es, als ob man nie mehr Geburtstag haben würde“, sagte Marlene schwach und fing an zu weinen. Sie verbrachten eine gute Stunde damit, einander zu trösten.

Sie hatten die Nachricht zu spät erhalten, um an der Trauerfeier teilzunehmen, und da es die anderen Verwandten erst durch sie erfuhren, musste es wohl eine sehr kleine und stille Beerdigung gewesen sein. Dann aber fuhren Marlene und ihre Mutter hinaus in das Dorf, in dem der Geburtstagsmann gewohnt hatte, suchten und fanden das Grab und pflanzten ein paar Blumen darauf. – Als Marlene ihrer Mutter zusah, wie sie die Wurzelballen aus den kleine Plastiktöpfen hob und in die lockere Erde drückte, kam es ihr ganz seltsam vor. „Du machst es fast mit den gleichen Bewegungen, wie wenn Du den Tisch deckst. Du summst sogar vor dich hin, so wie du es tust, wenn du eine Kaffeetafel vorbereitest.“ – „Tatsächlich?“ entgegnete die Mutter. „Vielleicht ist das so, weil ich mich beim Decken der Kaffeetafel immer auf den Geburtstagsmann gefreut habe, und weil ich hier natürlich auch an ihn denken muss.“
„Ich weiß nicht, ob ich mich je wieder so richtig auf einen Geburtstag freuen kann“, sagte Marlene. Da richtete ihre Mutter sich auf und machte ein strenges Gesicht. „Jetzt hör mir mal gut zu. Wenn Erich sich eines gewünscht hätte, dann ist es, das wir weiterhin schöne Geburtstage feiern. Denn von Geburtstagen und davon, dass sie wichtig sind, verstand niemand mehr als er. Und wenn du etwas von ihm gelernt hast, dann wirst du weiterhin fröhlich deine Geburtstage feiern mit allen Menschen, die dir am Herzen liegen. Und immer hebst du dir einen Wunsch auf für den nächsten Geburtstag, damit du etwas hast, worauf du dich ein Jahr lang freuen kannst.“

© Christa Hartwig

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