Rosenbach hatte einen Patensohn. Der Junge war auf den Namen Albert getauft worden, eine Schikane, für die Rosenbach sich mitverantwortlich fühlte, hatte er das wehrlose Bündel doch damals über das Taufbecken gehalten. Auf Wunsch von Alberts sehr schöner und durch und durch französischer Mutter, war dieser Name französisch auszusprechen, ein Anliegen, welches der Knabe nun bald selbst würde durchsetzen müssen, denn er kam demnächst in die Schule. Das würde nicht einfach für ihn werden, befürchtete Rosenbach.

Alberts Vater war ein Jugendfreund. Die Freundschaft allerdings wäre, so gestand Rosenbach sich ein, inzwischen wohl nicht mehr als ein recht loses Band ohne eben diese Patenschaft, mit der es Rosenbach, obwohl er kein religiöser Mensch war, sehr ernst nahm. Das wiederum mochte daran liegen, dass in Rosenbachs Leben allen anderen persönlichen Bindungen stets ihre zeitliche Begrenzung von Anbeginn an wie ein Stempel aufgedrückt zu sein schien, wie das Haltbarkeitsdatum auf einem Karton Cornflakes. War es deutlich überschritten, erwies sich der Inhalt als pappig und fad. Der Knabe Albert aber würde Rosenbachs Patensohn sein, solange sie beide lebten. Ihm zu diesem entscheidenden Wendepunkt in seinem jungen Schicksal das passende Geschenk zu machen, war Rosenbach wichtig.

An einem Donnerstag verkündete Rosenbach seinen beiden Sekretärinnen, dass er nach dem Mittagessen nicht ins Büro zurückkehren würde, weil er Besorgungen zu machen habe. Das Mittagessen nahm er in dem Restaurant ein, das er zu dieser Stunde am häufigsten aufsuchte, ein gutes und überraschend preiswertes Lokal, das von den Angestellten aus der näheren Umgebung frequentiert wurde. Diesmal aber war Rosenbach mit seinen Gedanken weder bei dem Essen, noch interessierte er sich für die Gesichter und Gespräche an den Nebentischen. Ihm war noch immer nicht eingefallen, was er Albert zum Geschenk machen sollte. Alberts Vater würde wohl mit einer Einzahlung auf das Sparbuch rechnen. Schließlich sollte der Junge mal studieren. Alberts Mutter hatte sich telefonisch erkundigt, ob sie dem Schulanfänger eine Federtasche kaufen dürfe, oder ob Rosenbach sich das Überreichen dieses unerlässlichen Accessoires vorbehalten wolle. Sie solle sie getrost kaufen, hatte Rosenbach ihr geantwortet, denn für das Notwendige zu sorgen, stellte für die Eltern kein Problem dar. Für einen kindgerechten Schreibtisch mit dazugehörigem Stuhl hatten sie ein kleines Vermögen ausgegeben. Nein, das Geschenk musste etwas sein, was Albert wirklich Freude machte, etwas, das er sein Leben lang nicht vergessen würde. Doch wenn Rosenbach an seinen eigenen ersten Schultag zurück dachte, so war ihm vor allem die Angst vor der streng aussehenden Klassenlehrerin in Erinnerung. Eine Klassenlehrerin, wie ein kleiner junge sie sich erträumen mochte, konnte man aber nicht kaufen. So versuchte Rosenbach, sich daran zu erinnern, was in seiner Schultüte gesteckt hatte, aber dass es sich dabei um Süßigkeiten und wahrscheinlich auch Obst gehandelt hatte, war mehr Theorie als Erinnerung. Nur Eines fiel ihm ein, nämlich dass sein Vater am Nachmittag des Einschulungstages mit ihm in einen kleinen Zirkus gegangen war, der gerade in der Nachbarschaft gastierte, und auch an das, was sein Vater gesagt hatte: „Schau, die haben alle lange geübt, bis sie es konnten, und jetzt können sie es so gut, dass alle Leute Beifall klatschen. So wird es dir auch gehen, wenn du fleißig lernst.“ – Vielleicht erinnerte Rosenbach sich nur deshalb daran, weil er das damals nicht verstanden und viel darüber nachgedacht hatte, ob sein Vater sich etwa wünschte, dass er Artist würde. Das erschien ihm seltsam, denn so ein Zirkus zog durchs ganze Land. Er und sein Vater würden sich nur noch selten sehen, und seine Mutter wäre bestimmt traurig. Und überhaupt wollte er weder Clown werden, noch an einem Trapez schaukeln. Löwendompteur vielleicht. Aber auch da war er sich nicht sicher.

Und dann, er hatte gerade an dem Espresso genippt, mit dem er das Mittagessen stets beendete, fiel ihm plötzlich Albert II. ein. Er winkte dem Kellner, denn nun hatte er es sehr eilig, seine Rechnung zu begleichen und sich ins Einkaufsgetümmel zu stürzen.

Zwei Spielzeuggeschäfte und drei Warenhäuser später trug Rosenbach in einer Tüte eine Schachtel, die einen kompletten Zirkus mit allem Zubehör enthielt, und betrat schwungvoll das Reisebüro seines Vertrauens. Er musste ein paar Minuten warten, während die distinguierte Reisefachfrau seines Vertrauens einen Kunden zu Ende bediente, nicht ohne ihm wiederholt entschuldigende Blicke zuzuwerfen. Dann saß er in einem bequemen Fauteuil und konnte seine Wünsche vortragen.
„Eine gute Flugverbindung gäbe es, und im Ambassador wäre erstaunlicherweise auch noch ein Doppelzimmer frei, aber Karten für das Zirkusfestival…“ Die freundliche Dame schaute Rosenbach an, wie man ein Kind anschaut, dem man einen unerfüllbaren Wunsch abschlagen muss. „Logenplätze“, beeilte sich Rosenbach zu sagen, in der Hoffnung, dass dies die Aussichten verbessern würde. Sie lachte wie über einen guten Witz. „Logenplätze? Die sind garantiert nicht öffentlich im Verkauf.“
Rosenbach erschien seine Idee plötzlich wie eine schillernde Seifenblase, die sich gefährlich einer eisernen Zaunspitze nähert. „Buchen Sie den Flug und das Hotel“, sagte er, entschlossen an seinem Plan festzuhalten. „Um das Festival kümmere ich mich auf anderem Weg.“

Der andere Weg, der Rosenbach in den Sinn gekommen war, bedeutete allerdings für ihn, etwas tun zu müssen, was ihm zutiefst zuwider war, nämlich einen Kontakt zu beleben, den er aus verschiedenen Gründen hatte einschlafen lassen, und dies aus purem Opportunismus. Eine andere Möglichkeit aber fiel ihm beim besten Willen nicht ein.

Als könnte es in ein oder zwei Stunden zu spät sein, nahm er sich nicht einmal die Zeit, nachhause zu fahren, sondern begab sich in die obere Etage der Filiale einer weniger beliebten Fast-Food-Kette, wo er fast der einzige Gast war, blätterte, statt den in seinem feuchten Papier undefinierbaren Snack auch nur anzurühren, in seinem Notizbuch und tippte eine Telefonnummer in sein Handy.
Während er versuchte, aus den Kratzern im Plastiktablett Bilder zu erkennen, ließ er über sich ergehen, womit er gerechnet hatte. Die halb erstaunte, halb erfreute Reaktion auf seinen Anruf, gefolgt von der mitfühlenden Frage nach seinem Wohlergehen. Die nach Genugtuung klingende Mitteilung, dass die Angerufene im Begriff war, sich zu verehelichen. Das betonte Understatement, mit dem die Vorzüge des Zukünftigen Erwähnung fanden. Und, nachdem all dies bei Rosenbach keine durchs Telefon erkennbaren Zeichen der Reue ausgelöst hatte, die etwas spitz klingende Frage nach dem plötzlichen Grund seines Anrufs. – Rosenbach, dem schon das geduldige Zuhören wie Heuchelei vorkam, redete nicht lange herum. Am anderen Ende der Leitung blieb es einen Moment still. „Darf man erfahren, wen du mit dem Besuch des Festivals zu beeindrucken gedenkst?“ Es klang ein wenig verletzt, und Rosenbach schämte sich beinahe, dies sehr bewusst mit keiner Silbe erwähnt zu haben. „Meinen sechsjährigen Patensohn. Das heißt, bis dahin wird er sieben sein“, sagte er. „Im Ernst?“ Es klang ungläubig. „Du fährst mit einem kleinen Jungen nach Monte Carlo?“ Das du hatte sie betont „So ist es. Ich habe alles schon gebucht. Mir fehlen nur noch die Eintrittskarten“, versicherte er. Und weil er glaubte, aus dem Schweigen in der Leitung ein Nachgeben zu spüren, eine plötzliche Weichheit, fügte er hinzu: „Bin ich etwa als Zirkusliebhaber bekannt? Würde ich versuchen, eine Frau durch einen Zirkusbesuch zu beeindrucken? Nein, ich fahre mit dem Jungen und hoffe, dass er einen Riesenspaß haben wird. Vorausgesetzt natürlich, du kannst in der Angelegenheit etwas machen.“
Sie lachte. „Das wäre auch neu, dass du für Frauen etwas tust, was sich nicht mit Geld und wenig sonstigem Aufwand bewerkstelligen lässt“, sagte sie, im vollen Bewusstsein, ihn damit zu treffen. Dann aber wurde ihr Ton kameradschaftlich. „Hör mal, ich hätte nicht übel Lust, dich ein wenig zappeln zu lassen, nachdem du dich Ewigkeiten nicht bei mir gemeldet hast. Aber da ich nicht nachtragend bin, und da ich darüber hinaus hoffe, dass wir wieder öfter von einander hören, weil du und mein zukünftiger Mann euch sicher gut verstehen würdet, und das auch geschäftlich für dich interessant sein könnte, will ich dir verraten, dass du außerordentliches Glück hast. Ich habe nämlich eine Option auf zwei Karten und wollte schon absagen, weil wir es nächsten Januar nicht werden einrichten können. Aber ich habe noch nicht abgesagt.“ Rosenbach musste sich nicht einmal verstellen, um seine Freude zum Ausdruck zu bringen. Als er das Gespräch beendet hatte, empfand er sogar eine angenehme Erleichterung darüber, dass jene Dame sich als die großzügige Person erwiesen hatte, als die sie ihm einst lieb und teuer gewesen war. Er suchte noch ein Papierwarengeschäft auf, fand die angebotenen Geschenkgutscheine allesamt albern oder für ein Kind unpassend, kaufte stattdessen Karton, Filz, Buntpapier und Klebstoff sowie ein schönes Einwickelpapier mit passendem Band, das man zu einer opulenten Schleife kräuseln konnte, und machte sich auf den Heimweg.

Das Einpacken von Geschenken übernahm normalerweise Rosenbachs Haushälterin, die dafür weit mehr Geschicklichkeit hatte. Diesmal aber wollte Rosenbach es sich nicht nehmen lassen. Über eine Stunde verbrachte er mit dem Bekleben und Beschriften der Karte für den Zirkusbesuch. Bevor er den Spielzeugzirkus verpackte, öffnete er den Karton, und betrachtete die Figuren, bis er erleichtert eine fand, die man für Fürst Albert II. ausgeben konnte. Auch ein französisch ausgesprochner Albert und noch dazu einer, der sich noch als reifer Mann wie ein Kind über die Artisten freuen konnte. Schließlich lag das Präsent, wenn auch nicht ganz perfekt, so doch liebevoll verschnürt auf Rosenbachs heimischem Schreibtisch. Jetzt erst merkte er, dass dieser Nachmittag weit anstrengender gewesen war, als wenn er ihn im Büro verbracht hätte. Mit einem vagen Hungergefühl trottete er müde in die Küche, öffnete den Kühlschrank und stellte unmutig fest, dass nichts darin enthalten war, was sich ohne gewisse Vorbereitungen verzehren ließ. Für Vorbereitungen aber fehlte ihm die Energie. Und nochmals das Haus zu verlassen, um auswärts zu essen, hatte er auch keine Lust. Er hätte daran denken sollen, die Haushälterin anzurufen, damit sie ihm eine ihrer kleinen kalten Platten zurechtmachte, die immer ein Augen- und Gaumenschmaus waren. Und während Rosenbach den Küchenschrank nach Keksen durchstöberte, fragte er sich, ob die gute Seele das Abendbrot für sich selbst auch so liebevoll anrichtete, oder ob man so etwas nur für Andere tat.

Mit einer Packung Löffelbisquit setzte er sich vor den Fernseher und schaltete mit der Fernbedienung von einem Programm zum nächsten, bis er bei einer politischen Diskussion blieb, die er aber nur mit halbem Ohr verfolgte. Ihm war, als höre er Zirkusmusik, aber wenn er den Kopf zum Fenster wandte, verstummte sie. Dafür geriet dann sein Schreibtisch mit dem Pakt darauf in sein Blickfeld. Wäre das Spielzeug nicht verpackt gewesen, hätte er jetzt den Zirkus gerne aufgebaut.

© Christa Hartwig

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