Dass es besser wäre, keine Romane zu lesen, sondern Biografien, habe ich früher nur gedacht, wenn mir ein schlechter Roman in die Hände gekommen war. Ich neige dazu, so ein Buch dann nicht wegzulegen, sondern weiter und möglichst zu Ende zu lesen – immer in der Hoffnung, etwas Gutes müsse sich daran doch finden lassen. Dagegen kenne ich Leute und lese auch immer wieder, dass manche Menschen grundsätzlich Biographien den Vorzug geben. Oft begründen sie es damit, dass eine Biographie lehrreicher und allemal realistischer ist als ein Roman. Immerhin handelt es sich um das tatsächlich gelebte Leben einer real existierenden oder existiert habenden Person. Dieses Leben spielt sich an Orten ab, die man aufsuchen könnte oder die einmal so waren, wie sie beschrieben werden. Es ist in einem zeitlichen, räumlichen und sozialen, in einem kulturellen und politischen Kontext zu begreifen, und wenn es sich dann noch um das Leben einer Persönlichkeit handelt, die große Bedeutung in der Geschichte, der Kunst oder der Wissenschaft erlangte, und wenn all dies auch noch gut geschrieben ist, dann vereinen sich Lesegenuss und Bildungsgewinn aufs Vortrefflichste. Es gibt nichts dagegen zu sagen, und dennoch beharre ich gerne darauf, dass ein Roman vergleichbare Freude bereiten kann, wenn der Stoff gut recherchiert ist, die Charaktere glaubhaft und lebendig, die Sprache angemessen. Ja, im Zweifelsfall hat der Roman den Vorteil, dass der Handlungsaufbau besonders spannend ist, also dramatischen Gesetzen folgt, was das wirkliche Leben nicht unbedingt tut. Und doch, und doch…

Erst kürzlich kam ich auf einen Unterschied zwischen Roman und Biographie, der weniger im niedergeschriebenen Text zu finden ist, als in dessen Rezeption durch den Leser. Wenn ich eine Biographie lese, so ist mir sehr bewusst, dass der Mensch, über dessen Leben ich etwas erfahre, tatsächlich lebt oder gelebt hat, dass er dieses Leben, man könnte sagen, abgearbeitet hat. Es ist oder war Seines. Der Grad meiner Identifikation damit ist, je nachdem, wie ähnlich diese Person mir im Denken und in den Reaktionen ist, wie viele Interessen, Hoffnungen, Befürchtungen sich gleichen, etwas größer oder geringer, aber er hält sich in Grenzen. Nun sollte man meinen, beim Roman verhält es sich ebenso. Mit der von einem Autor erfundenen Figur kann ich mich identifizieren oder nicht. Gelingt diese Identifikation kaum oder nicht, so schmälert dies das Interesse beim Lesen, was wiederum durch eine spannende Handlung ausgeglichen werden kann. Das klassische Beispiel ist der Krimi. Hier gehen die Charakterstudien oft wenig in die Tiefe. Kaum ein Leser identifiziert sich übermäßig mit den Tätern und Opfern. Das Lesevergnügen wird hauptsächlich durch Spannung verursacht. Kritisch wird es für mich immer dann, wenn Romane eher psychologisch angelegt sind, ich mich in eine Person recht gut hineinversetzen kann, dann aber mit deren Handlungen in Konflikt komme. Nein, das würde ich nicht tun, denke ich plötzliche. Es folgen Zweifel, ob ich es unter gewissen Voraussetzungen nicht vielleicht doch täte. Ein Gefühl innerer Verunsicherung ist die Folge. Etwas, das nie geschähe, wenn es sich bei dem Lesestoff um eine Biographie handelte. Das Leben einer wirklichen Person ist definitiv nicht meines. Dieses Bewusstsein erzeugt eine Abgrenzung und erspart mir jeden inneren Konflikt. Der Roman aber ist wie ein Lebensentwurf, wie ein Plan, den jemand gemacht hat, wie etwas, das noch auf seine Verwirklichung wartet. Er ist wie eine der Phantasie des Lesers gestellte Falle. Vielleicht empfinde ich es aber auch nur so, weil ich selbst schreibe und um das Entstehen von Romanfiguren weiß. Weil ich genau weiß, wiesehr mir daran gelegen ist, dass ein Leser sich hineindenken kann, mit leidet, mit hofft, mit erlöst wird. Umso seltsamer, dass dieses Wissen mich nicht immun macht. Aber auch der Autor ist eben ein Leser, wenn er in die Gedankenwelt eines Anderen eintaucht.

Gerade jetzt, ein sehr gut geschriebenes und nun fast ausgelesenes Buch auf dem Nachttisch, mit dem ich das oben beschriebene Problem habe, tendiere ich wieder dazu, zu sagen: Ich bevorzuge Biographien. Das kann sich mit dem nächsten Roman ins Gegenteil verkehren. Nicht nur die Romane (und Biographien) sind voller Wechselfälle, sondern auch das Leserschicksal.

Advertisements