Einige Jahre zurück, so wenige, dass Rosenbach sich schämte, überhaupt nachrechnen zu müssen, hatte er eine Geliebte, an die er sich mit wehmütiger Dankbarkeit erinnerte. Rosenbach hatte ihre Bekanntschaft im Foyer der Oper, während der Pause nach dem 1. Akt gemacht. Sie war ihm aufgefallen, als der Barmann beim Einschenken des Sekts durch eine Ungeschicklichkeit ein Glas umgestoßen und die perlende Flüssigkeit sich über das Chanell-Kostüm der Dame ergossen hatte. „Junger Mann, das wird teuer“, hatte sie gesagt, und weiter: „Das kostet Sie mindestens – “ Und dann hatte sie für einen Moment das erschrockene Gesicht des Barmanns genossen, bevor sie mit einem koketten Blick fortfuhrt: „ – die Hälfte des Trinkgelds.“
Ihr Name war Waltraud, und sie unterrichtete Musik an einem Gymnasium. Dass sie einige Jahre älter war als Rosenbach, hatte ihn nie gestört, denn sie strahlte eine so bezaubernde Weiblichkeit aus, wie er sie an jüngeren Frauen oft vermisst hatte. Nur sie selbst schien sich über den Altersunterschied bisweilen Gedanken zu machen, und Rosenbach fand es rührend, wie sie auf ihre Figur achtete, die Zahl der Cremetöpfchen in ihrem Badezimmer beständig zunahm und sie sich schließlich sogar in einem Fitness-Studio anmeldete, denn bei alledem schien sie nicht selbstverliebt. Vom Typ her gehörte sie eher zu jenen Frauen, die mit Würde alt zu werden verstehen, und es war offensichtlich, dass ihre Bemühungen einzig in der Beziehung zu einem jüngeren Mann den Grund hatten. Rosenbach nahm ihre Mühe als Kompliment an, denn als einen jugendlichen Adonis betrachtete er sich längst selbst nicht mehr.

Die beiderseitigen beruflichen Verpflichtungen brachten es mit sich, dass sich in ihrer Beziehung bald eine gewisse Regelmäßigkeit ergab. Mittwochs trafen sie sich zum Essen in einem Restaurant, in dem sie sich besonders wohlfühlten und die gute Küche und aufmerksame Bedienung schätzten, und danach brachte Rosenbach Waltraud nachhause. Samstags gingen sie ins Theater oder ins Konzert, ein Kulturprogramm, bei dem Rosenbach gern und nie zu seinem Bedauern Waltrauds Vorschlägen folgte, und die Nacht vom Samstag auf den Sonntag verbrachte er bei ihr. Da sie jedoch nach dem Theater- oder Konzertbesuch stets noch ein Weinlokal aufsuchten, sanken sie mit wohliger Müdigkeit in die Kissen und schliefen über wenigen geplauderten Sätzen ein. Sonntags nahmen sie sich Zeit für ein gutes Frühstück, und danach fuhr Rosenbach zu sich nachhause, kleidete sich um und holte dann seine Tante Regina, eine Beamtenwitwe aus einer komfortablen Seniorenresidenz ab, um mit ihr einen kleinen Ausflug in die nähere Umgebung der Stadt zu machen. Diese Unternehmung endete stets mit der Einkehr in ein Café und mit der Diskussion, dass Tante Regina die Rechnung begleichen wollte, wenn ihr Neffe sich schon kein Benzingeld von ihr geben ließ. Rosenbach bestand darauf, die Tante einzuladen. Dass Tante Regina den Verdacht hegte, Rosenbach täte all dies in der Hoffnung, in ihrem Testament bedacht zu werden, amüsierte ihn mehr als dass es ihn ärgerte. Er verehrte die Tante, und die Pension erschien ihm als eine klägliche Entschädigung für vierzig Jahre an der Seite eines pedantischen, rechthaberischen und leicht cholerischen Gatten. Es war fast ein Wunder, wie viel Humor Tante Regina sich bewahrt hatte. Wenn sie wieder einmal sagte, Rosenbach brauche sich um die Erbschaft keine Sorgen zu machen, denn schließlich sei er ihr einziger lebender Verwandter, schlug er ihr lachend einige wohltätige Organisationen vor, denen sie ihre Ersparnisse hinterlassen könnte, und jedes Mal wies die Tante dies entrüstet zurück.
Nachdem Rosenbach Tante Regina in die Seniorenresidenz zurück gebracht hatte, fuhr er wieder zu Waltraud. Dann gingen sie ins Kino oder verbrachten den Sonntagabend gemeinsam vor dem Fernseher und bei einem sehr liebevoll von Waltraud angerichteten Imbiss, und danach ergab sich wie von selbst, was Rosenbach als die schönste Art empfand, das Wochenende ausklingen zu lassen, und worin vielleicht das kleine Geheimnis lag, weshalb Rosenbach nicht zu jenen Chefs gehörte, die am Montag übellaunig ihre Angestellten schikanieren.

Eines Sonntags jedoch, Rosenbach hatte gerade die Nachttischlampe gelöscht und erwartete, dass Waltraud, wie sonst, den Kopf an seine Schulter betten und im Dunkeln nach seiner Hand tasten würde, wandte sie ihm abrupt den Rücken zu, und jener Rücken schien ein stummer Vorwurf zu sein, so dass er nicht in den gewohnten Schlummer glitt, sondern auf Waltrauds Atemzüge lauschte, die ihm verhaltener als gewöhnlich vorkamen. Schließlich richtete er sich halb auf, und als er sich über seine Geliebte beugte, drehte sie sich noch weiter um, fast in die Bauchlage, und vergrub ihr Gesicht im Kissen. Rosenbach fasste ihre Schulter und drehte sie, gegen ihren Widerstand und deshalb mit sanfter Gewalt, auf den Rücken, sein Mund suchte ihre Wange, fand salzige Feuchtigkeit und bestätigte so seinen Verdacht. Waltraud weinte.
„Was ist denn los?“ fragte Rosenbach, sich nicht der geringsten Schuld bewusst.
„Nichts. Wirklich nichts“, antwortete sie kaum hörbar, und Rosenbach wartete, während sie sich eine Minute lang bemühte, sich selbst und ihre Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen. „Mir kam plötzlich so ein dummer Gedanke. Es ist wirklich nichts.“
„Wegen nichts weint man nicht“, sagte Rosenbach, dem weibliche Tränen ein Gräuel waren, und bestand darauf, dass sie ihm den Gedanken, wie dumm er auch sein mochte, mitteilte.
„Es sind diese Sonntage“, sagte sie. „Wir frühstücken. Du machst einen Ausflug mit deiner Tante. Wir gehen ins Kino oder sehen fern, und dann – “ Weiter sprach sie nicht.
Rosenbach, nun recht verunsichert, worauf sie hinaus wollte, fiel nichts anderes ein als: „Aber wenn dir daran etwas nicht gefällt, musst du es doch nur sagen. Wenn es dich zum Beispiel stört, dass ich dich den ganzen Sonntagnachmittag allein lasse, lässt sich für Tante Regina sicher eine andere Lösung finden. Und wenn Du etwas mehr Abwechslung an den Sonntagabenden möchtest – “ Weiter kam er nicht, denn Waltraud unterbrach ihn.
„Es stört mich ja nichts. Es passt mir sogar gut, den Sonntagnachmittag für mich zu haben, um hier etwas zu erledigen oder mich mit einer Freundin zu verabreden. Und abends fernzusehen finde ich gemütlich. Aber manchmal denke ich, das alles ist so eine Art Pflichtprogramm, das du auch absolvierst, wenn du keine Lust dazu hast, einfach weil du deine Tante und mich nicht enttäuschen möchtest.“

Mit einem leisen Schnauben ließ Rosenbach sich auf das Kissen zurückfallen. Nicht nur Tante Reginas Anspielungen wegen der angeblichen Erbschleicherei, nun auch noch Waltraud, die ihm unterstellte, er tue, was er tat, aus einer Verpflichtung heraus. Wäre dies der Fall, so hätte er sich solcher Verpflichtungen längst entledigt, so glaubte er jedenfalls. „Das ist doch Unsinn“, sagte er und überlegte, ob er es Waltraud so, wie es ihm gerade durch den Kopf gegangen war, erklären sollte, und ob sie ihm glauben würde. Doch Waltraud enthob ihn dieser Erklärung.
„Sag lieber nichts. Ich weiß, dass du ein zuverlässiger Mensch bist aber nichts tust, was du nicht tun willst. Aber könntest Du vielleicht ein wenig unberechenbarer sein, damit ich es auch wirklich glaube?“
Das klang so hübsch unlogisch, dass Rosenbach beinahe gelacht hätte. Er unterdrückte das Lachen und sagte: „Gut, ich werde mich bemühen, in Zukunft zuverlässig unberechenbar zu sein.“

Am darauffolgenden Mittwoch hatte er Waltraud nach dem Restaurantbesuch nicht nur vor ihrer Haustür abgesetzt, sondern war über Nacht bei ihr geblieben, und am Sonntag hatte er sie gedrängt, ihn zu Tante Regina zu begleiten, denn es wäre an der Zeit, dass sie die Tante einmal kennenlernte, um zu verstehen, dass diese Ausflüge keineswegs eine Pflichtübung waren. Doch es vergingen keine drei Wochen, und sie hatten ihren alten Rhythmus wieder aufgenommen, und dies zu ihrer beider Erleichterung.

Wenige Monate später war Tante Regina sehr plötzlich verstorben, und abermals ein paar Monate danach, war Waltraud erkrankt, nicht lebensgefährlich doch ernst genug, um ihr den vorzeitigen Ruhestand zu bescheren. Zwar hatte sie einmal erwähnt, dass ihre in Italien verheiratete Schwester damit rechne, dass sie, wenn sie sich einmal zur Ruhe setzte, in ihre Nähe zöge, doch Waltrauds Entscheidung, es tatsächlich zu tun, hatte ihn getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. So plötzlich hatte sie ihre Wohnung aufgelöst und alles geregelt, dass nicht einmal Zeit blieb, darüber zu reden, ob dies denn nun tatsächlich das Ende ihrer Beziehung sein sollte. Mit drei Koffern hatte Rosenbach sie zum Flughafen gefahren. „Behalt mich so in Erinnerung“, waren Waltrauds letzte Worte gewesen, und als Rosenbach ihr nachschaute, während sie zwischen den anderen Passagieren auf die Gangway zu schritt, musst er sich eingestehen, dass er hoffte, die Bewegung, die er nur von hinten sehen konnte, die aber ein Zurechtrücken der Sonnenbrille sein mochte, hätte dem Fortwischen einer Träne gedient.

© Christa Hartwig

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