Paul zündete sich eine Zigarette an und blickte lächelnd auf seinen Freund, der vor einer dampfenden Tasse Kaffee saß, noch bekleidet mit der blauen, leinenen Schreinerschürze, an der die Späne hingen. Mit den langen schmalen Fingern griff er in die Seitentasche seines grauen Rockes und zog einige Blätter sehr zerknitterten Papiers hervor, die er langsam entfaltete; sein langes schmales Gesicht rötete sich ein wenig, und er sah den geduldig wartenden Freund noch einmal lange an, indem er den Blick dieser ruhigen grauen Augen in dem gesunden jungen Gesicht prüfte. „Ich habe heute nacht eine kleine Geschichte geschrieben, ich will sie dir vorlesen.“ Seine dunkle Stimme hob sich gegen Ende wie zu einer Frage, und da kein Widerspruch erfolgte, begann er zu lesen.

„Caius Decimus Moguntiacus, seines Zeichens Besitzer einer florierenden Fabrik für Gipsbüsten lebender und gestorbener Caesaren und Götzen aller Nationen, rheinischer Abstammung und römischer Bürger, betrat eines Morgens um die Iden des Juli des Jahres 134 nach Christus, auf dem Gesicht die Zeichen wachsenden Mißmutes, sein Büro in der guten Stadt Köln, wo er in der Vorstadt eine nette neumodische Villa besaß. Die Büromädchen, die Laufjungen und die Zeichner zitterten bereits vor dem schrecklichen Zorn des Chefs, der wie alle Chefs im Privatleben ganz nett sein sollte, aber das Gesicht des mit einem Bauch und einer Glatze versehenen fünfzigjährigen Caius erhellte sich gleich, als er in den Liegestühlen des Empfangssalons seinen alten Geschäftsfreund Pompeius gewahrte, der in Rom eine Niederlassung der Firma leitete und alljährlich einmal an den schönen Rhein kam.

„ Edler Pompeius, wie geht’s, wie steht’s?“ Mit diesen holdseligen Worten begrüßte Caius seinen ebenfalls dickwanstigen Freund und führte ihn in sein Privatkontor. Pompeius räkelte sich nach der Art eines gewiegten Faulenzers auf die rote Ottomane und nahm erst einen Schluck schweren Cypernweines, ehe er überhaupt sein Karpfenmaul öffnete. Dann sagte er mit einer dünnen Stimme, die den Dickwanst als einen Kastraten erscheinen ließ: „So du mein leibliches Wohl meinest, geht’s mir gut… so du aber meine Geschäftsaussichten, unsere vielmehr… oh böse böse Zukunft…“, und er verzog seine Fratze zu einer Grimasse schlechter Laune. Caius lachte laut auf, daß sein Bauch wackelte, und rieb sich vor Vergnügen seine schlaffen Wangen. „Immer Pessimist… gut haben wir verkauft in diesem Jahr… keine Restbestände in den Lagern… sogar die paar Büsten des scheußlichen Nero hast du doch an einige ältere Jungfern, die nicht mehr recht sehen konnten, verkauft und die alten verstaubten Reliefs des Trajan, hahaha, und dennoch – Pessimist… Pessimist…“ Pompeius fuhr, etwas pikiert, über sein riesiges schlappes Maul und sagte in milder Strenge: „Ich sprach von der Zukunft, o Caius, nicht von der Vergangenheit, vom abgeschlossenen Geschäftsjahr… du weißt, daß diese verfluchte Sekte der Christus-Leute sich immer mehr ausbreitet, zumal bei den Proleten, die nun einmal für jede sozial gefärbte Lehre zu haben sind (in politisch eingeweihten römischen Kreisen spricht man von einer neuen Spartakusbewegung)… nun, und du weißt auch, daß die unteren Schichten unsere Hauptabnehmer sind für den mistigen Tand deiner Fabrik… und ich sage dir, es macht sich schon bemerkbar, daß der Sinn der Leute sich geändert hat. Schon im verflossenen Geschäftsjahr“ (seine Stimme überschlug sich, man hörte draußen die Büromädchen lachen) „konnte ich nur mit Mühe in Rom die Hälfte der bisher verkauften Büsten und Reliefs absetzen, die andere habe ich den Händlern, die nach Smyrna und Alexandria zogen, verkauft, weit unter Preis.“ Er kreuzte die Arme über der Brust und lauerte mit der Genugtuung eines vollkommen gesättigten Schweines auf seinen Geschäftsfreund, der in ernstes Nachdenken versunken war, wobei der Schweiß in Strömen über das bleiche Gebirge seines fetten Gesichts rann. Einige Minuten vergingen in Ruhe, dann klatschte sich der fette Caius auf die Stirn, daß sein Fleisch bis an die Schenkel erzitterte. „Heureka!“ brüllte er, „heureka, wie simpel, wie einfach… heureka!“ , und er lachte eine Minute still den erstaunten Pompeius an, wobei seine Augen verschwanden, so daß der dicke römische Wanst sich in einen Mehlsack verwandelte, der in Bewegung geraten ist. Als er ausgelacht hatte, wischte er ruhig den Schweiß ab und sagte nüchtern: „Furchtbar simple Sache das… wir machen einfach Gipszeug, das diesen Christen in den Kram passt. Bilder von diesem Christus, der alle Menschen befreit hat, hahaha…“ Pompeius vergaß vor Staunen die ganze Würde eines römischen Bürgers, er schlug sich auf die Knie und brüllte: „Du bist ein Genie… du bist ein Genie!“ Aber Caius’ Laune hatte sich wieder verschlechtert, er murmelte mißmutig: „Eine Schwierigkeit ist da allerdings… alle unsere Büsten sind nach dem Original gezeichnet oder nach Originalbüsten modelliert; die Originale werden sorgfältig in unserem Archiv bewahrt; gibt’s ein Bild von diesem Christus?“ – „Nein! … er war ein Jude, der gekreuzigt wurde… so an die dreißig Jahre alt.“ Caius überlegte wiederum einige Minuten, dann sprach er lächelnd: „Wir machen Miniaturkreuze mit Miniatur-Gipsfiguren eines gekreuzigten Juden. Die Kreuze werden aus Holz gemacht, und einen Juden von dreißig Jahren haben wir auch, meinen Sklaven Cantus, einen semitischen Syrer… wir werden ihn ans Kreuz heften und von unseren Zeichnern ein streng realistisches Bild von einem dreißigjährigen gekreuzigten Juden anfertigen lassen.“ Ohne lange die Antwort des Pompeius abzuwarten, zog er an einer Schelle, und als ein junges Mädchen ehrfürchtig in der Tür erschien, sagte er kurz: „Lasse nach meiner Privatwohnung schicken, der Sklave Cantus soll sofort hierherkommen.“

Eine halbe Stunde später zimmerten drei riesige Sklaven des Caius, die sonst in der Fabrik den Gips anmengten, auf dem Hofe der Fabrik ein großes Kreuz aus roh behauenen Balken. Caius, Pompeius, einige Zeichner und der Sklave Cantus standen dabei. Cantus, der erst vor wenigen Monaten aus Afrika hierhergekommen war, war Christ. Er war ein einfacher und gebildeter Arbeiter, der den Garten des Caius in Ordnung hielt, ein stiller Mann, der nichts verstand und nichts besaß als Glaube, Hoffnung und Liebe. Er hatte mehrmals schon in seiner sanften Weise Einspruch erhoben gegen diesen schrecklichen Spott, den man hier treiben wollte, aber Caius hatte ihn mit seinen fetten Händen ins Gesicht geschlagen, daß Blut aus seinem Munde floß, und Pompeius hatte ihn mit seinem Gürtel über den Rücken geschlagen, so daß sein dünnes Gewand von Blut klebte. Als sie das Kreuz gezimmert hatten und ihn ergreifen wollten, da trat er nochmals vor seinen Herrn hin und sagte leise: „Ich bin ein Christ… tut es nicht.“ Alle lachten laut auf: „Oho, ein Christ!“ Und Caius gab den Sklaven einen Wink, daß sie ihn lassen sollten, und er kniff das eine Auge gegen die Umstehenden zu, so daß Cantus es nicht sehen konnte, und sagte milde: „Gut… vielleicht laß ich dich leben, aber erzähle uns doch mal, wie sie euren Christus gekreuzigt haben.“ Cantus stand still und beugte den Kopf, und sein Schweigen griff sogar diesen feisten Hunden ans Herz, und der Caius, um seine Gewissensbisse auszulöschen, brüllte mit einer schrecklichen Stimme: „Rede, jüdischer Hund!“ Das Brüllen löste den Schrecken der Umstehenden, und sie brachen in ein lautes Lachen aus, als sie den jämmerlichen, blutverschmierten Juden besahen. Cantus sprach leise, ohne den Kopf zu heben: „Sie nagelten ihn ans Kreuz… und sie zerschlugen den beiden Mitgekreuzigten die Knochen, als sie aber zu Jesus kamen uns sahen, dass er schon tot war, öffneten sie nur mit einem Speer seine Seite, und es floß Blut und Wasser heraus.“ Caius gab den Sklaven einen Wink, wie ihn nur Herren zu geben verstehen, und sie packten ihn lachend und schlugen ihn ans Kreuz. Der Jude Cantus gab keinen Laut von sich. Es herrschte Schweigen in der Runde, man hörte nur das schwache Geräusch der Stifte, die über das Papier der Zeichner fuhren. Und plötzlich packte der Pompeius einen Hammer und schlug dem gekreuzigten Juden die Seite ein, dass Blut und Knochenteile hervorspritzten, und er schrie: „Wir sind Realisten!“ Der Jude Cantus aber schrie schrecklich und gab seinen Geist auf.“

Paul zerriß das Papier in tausend Stücke und stützte seinen Kopf in die Hände. Melchior schien wie ein Schlafender, er hatte sich zurückgelehnt, die Augen geschlossen. Es war Totenstille in dem dunklen Zimmer, und plötzlich schlugen beide die Hände vors Gesicht und brachen in Weinen aus.

aus Heinrich Böll: Jugend [1937]
Kiepenheuer & Witsch
ISBN : 978-3-462-03697-8

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