Verhütung. Die Vorsicht bestand aus der weniger umständlichen Hälfte von Knaus-Ogino, aus der Kalendermethode, die in Maries Taschenkalender in kleinen Kreisen und Kreuzen ihren Niederschlag fand. Ihre Morgentemperatur zu messen, vergaß sie zu oft. Außerdem hätte sie sich dazu das Thermometer in den Po stecken müssen, was sie widerlich fand. Ein anerzogener Widerwille vielleicht. Ihre Mutter hatte Fieber nie anders als in der Achselhöhle gemessen. Der Kalender musste genügen. Schließlich sah Thomas sich auch vor. Die körperliche Liebe war ein Ritual der Vorsicht. Es begann damit, dass ihre Eltern anfingen zu gähnen und sich erst ins Bad und dann ins Schlafzimmer zurückzogen. Ihr wollt euch ja vielleicht noch ein halbes Stündchen ungestört unterhalten. Es fand seine Fortsetzung in dem leisen Öffnen und Schließen der Zimmertür, in den behutsamen Bewegungen, mit denen sie einander auskleideten. Das leise Rascheln von Stoff, Geflüsterte Worte. Sekundenlanges lautloses Innehalten, wenn versehentlich ein Schuh auf den Boden gepoltert war. Noch behutsamer legten sie sich auf das Bett, als müssten sie verhindern, dass die Matratze unter ihrem Gewicht nachgab. Langsam alle Bewegungen, als sei der Sprungfederrahmen ein Instrument, auf dem sie gemeinsam ein lautlose, wellenartige Melodie spielten. Wenn ihre Erregung zu stark wurde, presste Marie sich den Handrücken auf den Mund und atmete erst wieder auf, wenn Thomas aus ihr heraus glitt und sie die warmen Spritzer auf ihrem Bauch spürte, begleitet von seinem unterdrückten Keuchen.

Wenn er zu Atem gekommen war, verteilte er das Sperma mit der Fingerspitze in kleinen, sich langsam vergrößernden Kreisen um ihren Bauchnabel, andächtig, bis er das Gesicht hob, und ihre Blicke sich im gelblichen Schein der Nachttischlampe begegneten, ernst.
Auf Zehenspitzen schlich sie später ins Bad, legte einen Waschlappen über den Abfluss des Waschbeckens, drehte den Hahn nur so weit auf, dass er einen bleistiftdünnen Strahl entließ, und wusch sich mit einem zweiten Lappen die weißliche Kruste von der Haut, auch dies so vorsichtig, als würde es ein Geräusch erzeugen, das ihre Eltern aus dem Schlaf der Nichtswissenwollenden wecken könnte. Wenn sie die Badezimmertür wieder öffnete, stand Thomas schon angekleidet in der Tür ihres Zimmers, und fast geräuschlos öffnete sie die Wohnungstür und schloss sie hinter ihm, schloss hinter sich die Tür ihres Zimmers, legte sich, immer noch vorsichtig, ins Bett und fiel in den Schlaf mit Träumen von sich öffnenden und schließenden Türen.

Sie hatte das Klingeln des Telefons durch die Wand gehört und nicht damit gerechnet, dass es ihr galt. „Marie!“ hörte sie ihren Vater rufen. Er reichte ihr den Hörer wie etwas, das ihr nicht zustand. „Ein Heinz.“
„Für mich?“ Sie zuckte die Schultern, nahm den Hörer und sagte: „Ja, bitte?“
„Hier ist der Heinz.“
„Tut mir leid, ich kenne keinen Heinz. Kann es sein, dass Sie sich verwählt haben?“
„Du bist doch Marie, oder?“
„Ja“, sagte sie, vorsichtig geworden.
„Na, ich bin der Heinz. Der Wirt vom Goldesel.“
Jetzt erst erkannte sie die Stimme. Es gibt Menschen, die hören auf, zu existieren, sobald man den einzigen Ort verlässt, an denen man ihnen begegnet. Mit Thomas trank sie manchmal einen Scheidebecher im Goldesel, wenn sie im Kino gewesen waren, und bevor er sie zur Haustür begleitete. Sie wusste auch, dass der Wirt von den Stammgästen Heinz genannt wurde. Sie hatte sich aber nie als Stammgast angesehen, und warum dieser Heinz jetzt anrief, und woher er überhaupt ihren Namen und die Telefonnummer wusste, war ihr unbegreiflich.
„Dein Freund ist hier und so abgefüllt, dass ihn vermutlich kein Taxi mehr mitnimmt. Es wäre gut, wenn du ihn abholen könntest. Alleine schafft der keine zehn Meter“, drang Heinz’ Stimme aus dem Hörer in ihre Gedanken hinein.
„Ich komme.“

Der Goldesel war nicht weit weg, und der kurze Weg gerade lang genug, sich eine Menge Fragen zu stellen, aber nicht lang genug, Antworten darauf zu finden. Thomas trank nur Wodka. Davon konnte er erstaunlich viel vertragen, ohne betrunken zu werden. Vielleicht ein dummer Scherz. Wahrscheinlich war Thomas gar nicht dort. Solche Scherze sahen ihm nicht ähnlich. Vielleicht kannte ein Stammgast sie oder, besser, ihren Vater, wusste den Namen, und sie hatten ihn aus dem Telefonbuch herausgesucht. Sie stellte sich das angetrunkene Gejohle vor, wenn sie die Kneipe betrat. Sie würde einfach auf dem Absatz Kehrt machen und wieder gehen. Vielleicht sollte sie gleich Kehrt machen. Aber was, wenn Thomas doch dort war, und wenn er tatsächlich vollkommen betrunken war?

Thomas lehnte an der Theke und wurde von einem vierschrötigen Kerl, der neben ihm auf einem Barhocker saß, am Arm gehalten. Die Stimmung war ausgelassen. Thomas hatte Mühe, seinen glasigen Blick auf Marie zu fokussieren. Langsam dämmerte das Erkennen, dann, für eine Sekunde, trat etwas wie Scham in seine Augen, wechselte zu Erleichterung und verschwamm wieder zu Gleichgültigkeit.
„Ist was zu zahlen?“ fragte Marie, kalt vor Wut, die sich noch gegen niemanden gerichtet hatte.
„Ich habe mir erlaubt, mich mit der Zeche zu bedienen. Zum Glück hatte er Dein Foto in der Brieftasche mit deiner Telefonnummer hinten drauf. Kannst ihn ja fragen, wenn er wieder nüchtern ist. Ich habe nur genommen, was er schuldig war. Waren allerdings einige Lokalrunden, aber die hatte er nun mal bestellt.“
Marie wusste, dass Thomas das Foto immer bei sich trug, das sie ihm geschenkt hatte, ganz zu Anfang und unter dem Vorwand, damit er sie anrufen könnte, wenn er sie wiedersehen wollte, und dass sie nichts anderes hätte, zum drauf Schreiben, als ein überzähliges Passfoto.

Für den Weg vom Goldesel zur Haustür brauchten sie viermal solange als sonst. Immer wieder wollte Thomas sich einfach auf die Straße setzen, und Marie musste ihn daran hindern, ihn irgendwie aufrecht und in einer Vorwärtsbewegung halten. An der Haustür kam ihnen ihr Vater entgegen. „Na, Mahlzeit“, sagte er und half ihr, Thomas die zwei Treppen hinauf zu bugsieren. „Ach Gott, der arme Junge“, sagte ihre Mutter, holte eine Decke, und während sie gemeinsam Thomas das Jackett auszogen, die Krawatte abnahmen und den Hemdkragen öffneten, bevor sie ihn dazu brachten, sich auf die Couch im Wohnzimmer zu legen, entwickelten sie eine Theorie, wie es soweit gekommen sein konnte. Marie und ihre Eltern waren in einem Konzert gewesen. Wahrscheinlich hatte Thomas Marie mit seinem Besuch überraschen wollen, und, als niemand auf sein Klingeln öffnete, beschlossen, im Goldesel auf sie zu warten. Es war Ultimo. Hochbetrieb dort. Es wurden Lagen geschmissen. Thomas hatte nicht nein sagen können. Wusste der Himmel, was er alles durcheinander getrunken hatte.
Maries Mutter holte einen Eimer und stellte ihn neben die Couch. Dann ließen sie Thomas allein.

Marie konnte nicht schlafen. Es war ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass Thomas nebenan schlief. Außerdem war da die Wut auf dieses Gesocks im Goldesel, auf diesen Heinz. Nie wieder würden sie dort einkehren. Plötzlich überkam sie die Furcht, ihm könnte in seinem bewusstlosen Schlaf übel geworden sein. Hatte sie nicht schon davon gehört, dass Betrunkene am eigenen Erbrochenen erstickt waren? Auf Zehenspitzen schlich sie ins Wohlzimmer. An der Tür blieb sie stehen und zog vorsichtig die Luft ein. Wenn sie Erbrochenes sah, auf einer Bahnhofstreppe zum Beispiel, hob sich jedes Mal ihr Magen. Aber im Wohnzimmer roch es nur, wie es riecht, wenn jemand Fusel ausschwitzt. Nicht säuerlich. Sie schlich zur Couch und vergewisserte sich, dass Thomas atmete. Dann wandte sie sich ab, um das Zimmer ebenso leise zu verlassen.
„Marie.“ Seine Stimme ließ sie in der Bewegung erstarren. Sie klang wie gewohnt, nicht betrunken. „Komm her.“

Es waren die vertrauten behutsamen Bewegungen. Marie war es, als sei sie es, die getrunken hatte, aber das lag vielleicht daran, dass sie nicht geschlafen hatte, oder konnte man vom Alkoholdunst betrunken werden? Sie hatte das Gefühl, nichts zu wiegen, sich bewegen zu können, ohne einen Laut. Der Laut aber formte sich in ihrer Kehle, und als sie glaubte, ihn nicht mehr unterdrücken zu können, grub sie die Zähne in seinen Arm, wartete darauf, dass er aus ihr heraus glitt und wünschte sich gleichzeitig, dass er es diesmal nicht täte, obwohl sie nicht in ihren Kalender geschaut hatte, denn warum hätte sie das tun sollen. Es war ja einfach so passiert.

Sie gingen fast am Ende des Demonstrationszuges. Thomas trug den Kleinen auf den Schultern. Vorne skandierten sie: „USA, SA, SS!“
„Ihr geht doch nicht mit?“ hatte ihre Mutter besorgt gefragt. „Ihr guckt doch nur zu und geht nicht zu dicht ran. Es kommt doch immer zu Ausschreitungen.“
„Wir sind vorsichtig“, hatte Marie ihr versichert.
Vorne fielen sie in Laufschritt, und als auch die hinten anfingen, in das Gebrüll einzustimmen und schneller zu marschieren, ließen sie sich ganz zurückfallen. Die Polizeikette öffnete sich für einen Moment, und sie schlüpften zwischen den Schutzschilden hindurch, wie durch eine Tür, die sich hinter ihnen gleich wieder schloss.

© Christa Hartwig

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