Foto (Detail): Bernd Uthoff

Foto (Detail): Bernd Uthoff

Sie ist die ältere Schwester, von der uns zu viele Jahre trennen, als dass wir uns je im Keller mit ihr vor dem Schwarzen Mann gefürchtet oder bei einem Gewitter unter der Bettdecke verkrochen hätten. Keine Streiche haben wir mit ihr gespielt und nie ein Geheimnis mit ihr geteilt, denn stets wurde sie uns als Vorbild hingestellt. Hätte man unseren Blick zum Deckengewölbe einer Basilika gelenkt, uns einen pausbäckigen Engel gezeigt und gesagt, so sollst du sein, hätten wir versucht, fliegen zu lernen. Ihr Gesicht aber schien uns stets zu ernst und zu blass, als könne man mit ihr nicht lachen und würde sich das Lachen selbst abgewöhnen, eiferte man ihr nach. Und so vertrauten wir ihr nichts an, fragten sie nicht um Rat und deuteten ihr Schweigen als Missbilligung.

Doch mit der Zeit wurden wir ihr ähnlicher. Uns schien, als müsste sie einverstanden sein mit dem meisten, was wir tun. Doch legten wir wenig Wert auf dieses Einverständnis. Wir hatten unsere eigenen Gründe und Pflichten, unsere eigenen Umstände, auf die wir Rücksicht nehmen mussten, und während wir dies taten, sehnten wir den Tag herbei, an dem wir sagen könnten: Es ist genug. Irgendwann würden wir wieder nur uns selbst gehören und all die Dinge tun, die wir Lust hatten zu tun, ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein, am wenigsten ihr, der Schwester, die im Gegensatz zu uns nicht zu altern schien. Zeitlos war ihr Gesicht, wie das einer Statue, von keiner Leidenschaft gezeichnet. Es gab Momente, in denen wir froren und sie darum beneideten, dass sie die eigene Kälte nicht zu fühlen schien. Aber der Tag würde kommen, an dem wir, aller Pflichten ledig, wieder glühen würden. Wir würden leben, und sie, die nie gelebt hatte, nur noch bedauern.

Und der Tag kam. Als hätten wir uns den pausbäckigen Engel von Anfang an zum Vorbild nehmen sollen, versuchten wir zu fliegen, ignorierten die Abgründe und auch die Umstände, unter denen wir wenig, wenn überhaupt, geübt hatten. Einige von uns taten nur einen Hüpfer, landeten auf den Füßen und schickten sich drein. Einige waren mutiger, und seither schleift das, was sie für Flügel gehalten hatten, auf dem Boden und hängt an ihnen wie die Last des Alters. Wir aber, die wir in die grenzenlose Höhe strebten, kamen nur mit dem Leben davon, wenn sie uns auffing, unsere zeitlos schöne Schwester Vernunft. Und plötzlich und zum ersten Mal ihr wirklich nahe, stellten wir fest, dass sie nicht kalt ist, und dass sie fürchtet, was wir fürchten, liebt, was wir lieben, und in nicht geringerem Maße, vorausgesetzt, dass wir gute Gründe haben.

© Christa Hartwig

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