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Die Beichte

Pater Ignatius trat aus der Sakristei in die kühle Dämmerung des Kirchenschiffs. Zu seiner stillen Freude entdeckte er unter denen, die darauf warteten, dass er ihnen die Beichte abnähme, auch Elena.
Seit ihrer Erstkommunion war sie sein Beichtkind. Vor einem Monat hatte sie geheiratet, und nun war sie von der Hochzeitsreise zurückgekehrt. Was mochte so eine junge Frau zu beichten haben, fragte er sich und musste bei dem Gedanken ein Lächeln unterdrücken.
Elenas Gatte hatte zwar seinem jungen Weib etliche Jahre voraus, doch ein alter Sünder war er gewiss nicht. Er war verwitwet, hatte seine Frau und das Kind bei der ersten Niederkunft verloren, eine schwere Zeit durchlebt, doch weder sich selbst, noch seinen Haushalt oder sein Geschäft verwahrlosen lassen. Umso mehr hatte es Pater Ignatius gefreut, als das Herz des Trauernden sich Elena öffnete, und er die beiden schließlich einander in die Ehe geben konnte. Elena war jung, schön und gesund, und mit Gottes Hilfe würde dem Mann weiteres Leid erspart bleiben.

Drei alten Weiblein hatte Ignatius die Vergebung des Herrn für neidische Gedanken und üble Nachrede (wenn es doch aber wahr ist) zugesagt und ihnen zur Buße einige Ave Maria auferlegt, als Elena den Beichtstuhl betrat. Durch das kleine Gitterfenster meinte er, ihren süßen Atem zu riechen. Aber vielleicht war es nur die Abwesenheit des Gestanks von Zahnfäule, die ihn erleichtert aufatmen ließ.
„Guten Tag, Elena. Wie war die Hochzeitsreise?“ fragte er leise und vom Protokoll abweichend.
„Oh, es war…“ Die junge Frau schien nach den rechten Worten zu suchen. „Es war wunderwunderschön. Wir haben soviel gesehen. Sie müssen uns einmal zum Kaffee besuchen, damit ich Ihnen die Photografien zeigen kann, die wir gemacht haben.“
„Das will ich gerne tun“, flüsterte er zurück.
Elena schien noch etwas hinzufügen zu wollen, besann sich dann aber, und Ignatius konnte sehen, dass sie die Augen niederschlug. „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen“, sagte sie, sich auf die Vorschrift besinnend.
„Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und Seiner Barmherzigkeit“, erwiderte Pater Ignatius, und jetzt unterdrückte er das Lächeln nicht mehr, das sich in seine Mundwinkel grub.
„Ich bin“, begann Elena stockend, „ich habe – Also, wir haben – “
„Ihr habt gewiss die Ehe vollzogen“, half Ignatius ihr.
„Ja, wir haben die Ehe vollzogen“, wiederholte Elena, offenbar erleichtert, nun einen Anfang zu haben. „Und ich folge meinem Mann in allem, was er mir beibringt. Er hat ja auch mehr Erfahrung.“
Da die junge Frau wieder schwieg, sagte Ignatius: „Es mag dir manches als Sünde erscheinen, was von unserem Herrn aber nicht als solche angesehen wird.“
„Nein, wir haben nichts getan, was vor dem Herrn eine Sünde wäre“, beeilte sich Elena, zu erwidern. „Jedenfalls glaube ich das. Es sind mehr meine Gedanken.“
„Wenn du jetzt noch einen Widerwillen empfindest, dann wird sich das mit der Zeit von allein geben“, sagte der Pater milde.
„Ich habe keinen Widerwillen. Im Gegenteil“, sagte Elena.
„Dann ist es gut. Es ist ganz im Sinne unseres Herrn, wenn ihr Freude aneinander habt“, versuchte Ignatius, ihr Gewissen zu beruhigen.
„Ja, da haben wir, Freude aneinander. Aber…“ Sie zögerte, fuhr dann jedoch fort: „Ich glaube, ich liebe meinen Mann zu sehr.“
Das Lächeln war nicht von den Lippen des Paters gewichen. „Wie meinst du das? Einander zu lieben, habt ihr doch im Angesicht Gottes versprochen.“
„Aber es heißt doch, dass man Gott über alle Dinge lieben soll, und unseren Herrn Jesus Christus.“
„Ja, liebst du Gott denn jetzt nicht mehr“, fragte der Pater, nun etwas ernster geworden.
„Doch“, sagte Elena, „ich liebe ihn noch, aber – “ Sie holte tief Atem. „Aber ich liebe meinen Mann mindestens ebenso und vielleicht mehr.“ Und dann sprach sie schnell und sehr leise weiter. „Wenn mein Mann mir einen Kuss gibt, so ist es mir fast so, als würde ich etwas Heiliges empfangen. Gerade so, wie wenn Ihr mir die Hostie auf die Zunge legt. Und wenn er –. Wenn er – “
„Wenn er dir beiwohnt“, half Pater Ignatius.
„Dann ist es, als würde ich nicht nur die Hostie empfangen, sondern auch aus dem Kelch trinken dürfen. Es ist so – “
„Denkst du denn dabei an das Sakrament des Abendmahls?“ fragte Ignatius, nun etwas besorgt.
„Nein!“ entgegnete Elena fast heftig. „Nein, durchaus nicht. Ich versuche nur zu beschreiben, dass es auch wie ein Sakrament ist. Dass ich es so fühle. Wenn ich den Leib des Herrn empfing, dann habe ich immer so einen Schauer gefühlt. Und wenn ich den Leib meines Mannes – “
Der Pater räusperte sich. „Elena, du darfst die beiden Dinge nicht miteinander vermischen, dass sie sich in deinem Geist verwirren. Das Sakrament des Abendmahls ist das Eine. Und auch die Ehe ist ein Sakrament. Und wenn du ein Kind empfängst, so ist auch dies etwas Heiliges und von Gott gewollt. Wenn aber der Körper deines Mannes dich an den Leib Christi denken lässt, dann – “
Diesmal war es Elena, die unterbrach. „Ich denke dabei nicht an unseren Herrn Jesus Christus. Ich denke nur an meinen Mann, an nichts anderes mehr. Und ich denke, dass ich ihm überallhin folgen würde, auch wenn es nicht der rechte Weg wäre. Ich liebe ihn eben mehr.“

Sie schwiegen beide fast eine Minute lang. Dann sagte Ignatius: „Elena, das ist eine ernste Sache. Ich glaube aber, dass es nur daran liegt, dass ihr gerade erst geheiratet habt, und du bist noch sehr verliebt in deinen Mann. Es ist recht, wenn du ihn mehr liebst als irgendeinen anderen Mann auf Erden. Mehr auch als deinen Vater und deine Brüder. Aber du darfst ihn nicht mehr lieben als Gott. Wenn du etwas länger verheiratet bist, und wenn du deinem Mann das erste Kind geschenkt hast, dann wird sicher auch Gott in deinem Herzen wieder die erste Stelle einnehmen. Es ist aber wichtig, dass du in dich gehst und dich daran erinnerst, wer dein Schöpfer ist und auch der Schöpfer deines Mannes.“
„Ich werde es versuchen“, sagte Elena. „Aber ich glaube, ich will gar nicht, dass es jemals anders ist.“
„So bereust du denn deine Gedanken nicht aufrichtig?“ fragte Pater Ignatius.
„Ich habe gehofft, ich würde sie bereuen, sobald ich sie Euch nur eingestehe, aber – Nein ich fürchte, meine Reue wäre nicht aufrichtig.“
„Wenn sie es nicht ist, kann ich dich nicht lossprechen“, gab Ignatius zu bedenken.
Elena erwiderte nichts, doch der Pater meinte zu erkennen, dass sie jenseits des Gitterfensters leicht nickte.
„Ich kenne deine Familie, solange ich der Priester dieser Gemeinde bin, und dich, solange du lebst“, sagte er. „Nie würde ich ein Schaf verloren geben und dich am wenigsten. Geh also, und komm wieder zu mir, wenn deine Gedanken klar sind und du zur Einsicht gelangt bist. Der Herr sei mit dir.“

Er hörte ihre leichten Schritte sich entfernen, während andere, schlürfende sich näherten. Noch vier Beichten nahm er ab, bevor er sich in die Sakristei zurückziehen konnte. Dort stand er einen Moment reglos in dem hellen Recheck des Fensters, welches das Sonnenlicht des Sommertages auf die Fliesen des Fußbodens malte. Und daselbst ließ er sich auf die Knie fallen, senkte das Haupt, und seine Lippen formten stumm die Worte: Hilf mir, mein Gott. Hätte je ein schönes junges Weib sich mir so mit Leib und Seele hingegeben, wie Elena sich ihrem Gatten, ich wäre Dein Diener nicht geworden, sondern wäre mit Freuden ihr Herr. Und dass ich dies denke, aufrichtig zu bereuen, will mir nicht gelingen.

© Christa Hartwig

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