Bei einigen frühren Gelegenheiten, habe ich über die Abwesenheit meiner Muse geklagt, und natürlich war diese Anleihe an die griechische Mythologie scherzhaft gemeint. Ebenso wenig meinte ich damit die Entfernung zu einer Person, deren Anwesenheit mich dichterisch beflügeln würde. Zwar üben die Menschen, die unser Leben teilen, Einfluss auf unsere Kreativität aus, aber wie sie das tun, dürfte von Fall zu Fall sehr unterschiedlich sein. Man schreibt nicht grundsätzlich am besten, wenn man gerade in liebster Gesellschaft und besonders glücklich ist, und das Alleinsein für einige Zeit kann für das Entstehen eines Textes geradezu unabdingbar sein. O beato solitudo.
Wenn es mir trotzdem Spaß gemacht hat, von einer Muse zu sprechen, so deshalb, weil ich oft selbst nicht erklären kann, woher, wie und warum ein bestimmter Gedanke aus meinem Unterbewusstsein auf das Papier drängt. Und das gerade erwähnte Unterbewusstsein ist dann auch rätselhaft genug, um als Erklärung für den mystisch anmutenden Vorgang der Entstehung mancher Texte, und besonders gilt dies für Gedichte, auszureichen. Ähnlich rätselhaft ist die zeitweilige Unfähigkeit zu schreiben, das Fehlen der Inspiration, die sich auch dann nicht einstellen will, nachdem alle denkbaren Ursachen wie schlechtes Wetter, Unwohlsein, Sorgen, Ablenkung und was sonst noch als Grund herhalten könnte, ausgeschlossen werden konnten. Doch auch sie, die Inspiration, mag durch vor außen wirkendes angeregt sein oder behindert werden, kommt aber aus dem Unterbewusstsein, in dem das Äußere eine Resonanz finden muss.

Nicht nur Texte, auch Vorahnungen entstehen auf diese Weise, und bisweilen fließen Vorahnungen in die Texte ein. Wie oft in meinem Leben habe ich schon gesagt: Ich wünschte, ich würde mich einmal irren. Und tatsächlich habe ich mich mehr als einmal geirrt, zu meiner Erleichterung übrigens. Sich nie zu irren, wäre ein gar zu grausames Schicksal. Es bleiben genug Ahnungen, die sich bestätigten, und ich weiß nicht, wes Geistes Kind man sein muss, um Genugtuung zu empfinden, wenn eine ungute Vorahnung sich bestätigt. Dennoch gibt es Menschen, die auch in solchen Fällen ihr Rechthaben als Triumph feiern. Und umso größere Freude machte mir die Rede, die Kurt Drawert hielt, als ihm im vergangenen Jahr der Rainer-Malkowski-Preis verliehen wurde. In der Begründung der Jury, Kurt Drawert den Preis zuzuerkennen, stand der Satz: „Durch den Gang der Geschichte haben sich viele seiner Gedanken bestätigt. Man könnte sagen, das Leben hat ihm recht gegeben, was nicht so häufig geschieht.“
Die Passage seiner Rede, in welcher Kurt Drawert sich zu seinen Schwierigkeiten, die so begründete Ehrung anzunehmen, äußerte, möchte ich hier wiedergeben:

Aber wollte ich denn, solange ich denken und schreiben kann, jemals recht haben? Oder gehörte es nicht schon zu den Niederlagen, wenn tatsächlich eintrat, was befürchtet wurde? Denn die Imaginationen des Scheiterns, die traurigen Vorhersagen betrafen eine Gesellschaft, die auf dem Weg war, sich selbst abzuschaffen, und sie wurden nur allzu oft Realität und bittere Wahrheit. Das hat mit Irrationalismus nicht das geringste zu tun, sondern allein, damit, daß der Mensch in jener tiefe seiner selbst, in der auch Gedichte entstehen und Literatur, nicht mehr zu hintergehen ist. Hier hat der dichter eine Option auf spür- und ahnbares Wissen, auf ein Wissen über die Sprache hinaus, hier wurzeln Gedichte, und sie verfügen gleich ihrem Verfasser über jenes Unterbewusstsein, über das wir mit dem eigentlichen dieser Welt in Kontakt sind. Und damit rede ich nicht gegen die Aufklärung und gegen „den Ausgang der Menschen aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit“, was immer das in einem Zeitalter der fremdverwalteten Innerlichkeit noch bedeuten kann. Ich rede über die Aufklärung hinaus, über die Antworten hinaus, die nichts wirklich eingebracht haben. Vielleicht war ich auch deshalb ein wenig irritiert, als ich den Satz vom Leben, das mir recht gab, zur Kenntnis nahm. Denn wenn etwas recht hatte, dann am ehesten meine Gedichte, die ich ja selbst allzu oft erst später verstand, staunend im Rückblick, was ich nicht alles schon vorausahnend geschrieben hatte. [……]
So habe ich von meinen Gedichten immer nur gelernt, wie man auch von seinem Körper lernt, wenn man ihn zu lesen versteht. Ein Gedicht, das nicht klüger ist als sein Autor, ist bloße Behauptung und frei von jenem poetischen Mehrwert, der es erst beglaubigt.

Ich hätte diese Rede gerne gehört, als sie gehalten wurde. Aber es ist vielleicht gut, dass ich sie nicht gehört habe, denn wer weiß, ob ich sie gelesen hätte, oder gedacht, ich kenne sie ja bereits. Ich glaube, ich bin eine aufmerksamere Leserin als Zuhörerin. Und so bin ich nicht nur Kurt Drawert dankbar für seine Worte, sondern auch denen, die sich entschlossen haben, den Text zu veröffentlichen.

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Quelle: Kurt Drawert: Rede zum Rainer Malkowski-Preis; „Sinn und Form“, Januar/Februar 2009

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