Der Drehbuchautor Tom Schulman „erfand“ den Club der toten Dichter. Er hätte besser daran getan, eine ordentliche Interessenvereinigung toter Dichter zu gründen.
Nur weil man Verse schmiedet, hat man natürlich keinen Anspruch auf Unsterblichkeit. Trotzdem wird die Sache für Dichter ungemütlich, wenn sie zu lange tot sind, nämlich mehr als 70 Jahre. Nach Ablauf dieser Frist kann sich jeder ihrer Werke bemächtigen. So ergeht es auch Christian Morgenstern (1871 – 1914), und sehr deutlich lässt sich dies demonstrieren an „Fisches Nachtgesang“.

Ich erinnere mich, das Gedicht zum ersten Mal in einem Morgenstern-Bändchen gelesen zu haben, in dem Os für die Darstellung verwendet wurden. Das sah sehr hübsch aus, nämlich nach Luftblasen, wie bei einem Comic-Goldfisch. Wieweit dies der Intention des Dichters entsprach, wage ich nicht zu beurteilen. Im Internet fand ich u.a. diese Varianten:

Fisches Nachgesang Fisches Nachgesang

Fisches Nachgesang Fisches Nachgesang

Während oben links Tilden Wellengekräusel darstellen, der Fisch sich der Phantasie jedoch völlig entzieht, zumal die Striche zwischen den Wellen an ein Hallenschwimmbad denken lassen, vermitteln die 20 Schuppen in sechs Reihen im Bild oben rechts doch einen etwas trostlosen Eindruck. Freundlicher ist da schon die gezeichnete Variante unten links, ein Mond(gesicht)fisch. Unten rechts dürften wir es mit einer spanischen Übersetzung von oben rechts zu tun haben, so es sich nicht um eine Krötenwanderung handelt, die eine sechsspurige Autobahn überquert.

Fisches Nachgesang

Beschäftigt man sich eingehend mit dieser Fassung, gewinnt sie unversehens Raumtiefe und hat mit Wasser und Fischen nichts mehr zu tun, sondern man glaubt, vier Säulen zu erkennen.

Fisches Nachgesang

Auf dieser Postkarte nun ist man sogar soweit gegangen, das Gedicht praktisch zu erklären. Gedichte jedoch wollen verstanden und nicht erklärt sein.

Fisches Nachgesang

Und hier nun haben wir es mit Morsezeichen zu tun, von denen der Untergrund jedoch völlig ablenkt, weil das Gehirn so verzweifelt wie vergeblich versucht, einen Zusammenhang herzustellen, bis man sich wünscht, da würde wenigstens SOS gemorst werden. Verwirrt aber entziffere ich TMTMTMTMTMTT.

Damit nicht genug, hat sich eine finnische Musikgruppe, die ihre Texte basierend auf den Gedichten von Christian Morgenstern schreibt, den Namen „Fisches Nachtgesang“ gegeben. Hier ein Video aus dem Jahr 2003:

Wirklich gut gefallen hat mir dagegen Gerd Fröbe, als er Morgensterns Galgenlieder (darunter auch das obige Gedicht) rezitierte. „Morgenstern am Abend“ ist auf DVD erhältlich.

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