Kiosk von August Buxbaum am Kantplatz in Darmstadt

Der Doktor Rabenkauf und der Ingenieur Kluge überquerten den Platz, der zu dieser nächtlichen Stunde wie ausgestorben lag. Einst waren sie zusammen zur Schule gegangen und gute Freunde gewesen, doch bald nach dem Abitur hatten sie sich aus den Augen verloren. Kluge war aus der Stadt fortgezogen und hatte viel Zeit im Ausland verbracht. Rabenkauf hatte die Praxis seines Vaters übernommen. Und nun hatte ein findiger Klassenkamerad von einst ein Klassentreffen organisiert, nach mehr als dreißig Jahren. Im Vereinszimmer einer Gastwirtschaft hatten sie einander begutachtet, und ein jeder mochte bei sich gedacht haben, wie alt die Anderen geworden waren, und wie sehr sie sich verändert hatten. Auf der Straße hätte kaum jemand jemanden erkannt. Als sie darauf kamen, dass zwei von ihnen schon nicht mehr unter den Lebenden weilten, hatten sie Betroffenheit verspürt und ihre Gesichter auf alten Klassenfotos gesucht, die herumgereicht wurden. Mühsam war die Unterhaltung gewesen, und erst kurz vor Ende des Treffens, waren Kluge und Rabenkauf wieder miteinander warm geworden. Das hatte sie dermaßen erleichtert, dass sie beschlossen, noch ein Weinlokal aufzusuchen, und aus diesem kamen sie jetzt und waren auf dem Weg zum Hotel am Bahnhof, wo Kluge für eine Nacht ein Zimmer reserviert hatte, und Rabenkauf ließ es sich nicht nehmen, ihn zu begleiten, denn wer wusste, wann man sich wiedersehen würde, und ob überhaupt.

Mitten auf dem Platz blieb Kluge plötzlich stehen und sagte: „War dort nicht der Kiosk gewesen? Der, an dem wir immer Kaugummis gekauft haben? Und unsere ersten Zigaretten auch. Erinnerst du dich?“
Ja, Rabenkauf erinnerte sich. An den Kiosk und daran, dass sie dort die ersten Zigaretten gekauft hatten. Wie hatte er den Kiosk vergessen können? Jetzt erinnerte er sich so gut, dass ihn ein wehes Gefühl überkam, und er sich knapp fasste, als er die Fragen beantwortete, erzählte, dass man den Kiosk vor etwa zehn Jahren abgerissen hatte, nachdem er lange geschlossen gewesen war. Und als sie das Hotel erreichten, verabschiedete er sich von Kluge kürzer, als dieser erwartet hatte.

Es mag an dem spät eingenommenen reichhaltigen Essen gelegen haben, dass Rabenkauf in jener Nacht von dem Kiosk träumte, einen langen und lebhaften Traum, aus dem er mehrmals halb erwachte, dann aber denselben Traum weiter träumte, kaum dass er wieder eingeschlafen war. Sehr klein war der Kiosk gewesen. Drinnen mochte nicht mehr als ein Stuhl Platz gefunden haben und die Frau, die auf diesem Stuhl zu leben schien, denn gleichgültig, wie früh er morgens über den Platz gekommen war, fand er den Kiosk geöffnet und die Frau hinter dem kleinen Fenster. Und als seine Eltern ihn einmal ins Konzert mitgenommen hatten, und sie danach auf dem Heimweg am späten Abend den Platz überquerten, und er ihn zum ersten Mal geschlossen sah, hatte er sich vorgestellt, dass hinter den geschlossenen Läden die Frau auf ihrem Stuhl schlief, den Kopf in die Hände gestützt.

Er träumte davon, wie sie ihm statt der zwei Sahnebonbons, für die sein Geld noch reichte, drei gegeben hatte, und davon, dass sie ihn an Zeugnistagen immer fragte, wie seine Zensuren ausgefallen waren. Ja, sie wusste es, bevor die Eltern es wussten, und von den Zigaretten erfuhren die Eltern lange nichts. Er träumte davon, wie er und Kluge ewig gebraucht hatten, um sich für einen Triesellutscher zu entscheiden, während die Frau in ihrem Kiosk saß und geduldig wartete, bevor sie von jedem fünf Pfennige bekam. Er träumte davon, dass sie ihm verraten hatte, dass das Mädchen mit dem langen Pferdeschwanz die rot-weißen Pfefferminzstangen mochte. Er träumte vom dem Gesicht, das die Frau machte, wenn sie ihm einen Kaugummi mit Fußballbildchen verkaufte und dabei sagte: „Das hast du noch nicht. Da wette ich drauf“. Und immer stimmte es. Aber er träumte auch Dinge, die nie geschehen waren. Da saß die Frau in ihrem Kiosk wie eine Wahrsagerin und sagte ihm sein Leben voraus, so wie es tatsächlich gewesen war.

Später, als er schon als Arzt praktizierte, hatte er dort noch immer seine Zigaretten gekauft, und die Frau hatte ihn Herr Doktor genannt und dabei gelächelt, als sei sie stolz auf ihn. Er aber hatte nicht einmal ihren Namen gekannt. Er hatte ihren Namen nicht gekannt, und er hatte nicht gemerkt, wie sie älter und alt wurde. Und eines Tages hatte er vor dem Kiosk gestanden, obwohl er schon von weitem gesehen hatte, dass das Fenster nicht geöffnet war. Und er erinnerte sich daran, dass er versucht gewesen war, an die Läden zu klopfen, als glaube er immer noch, dass die dahinter verschlafen hatte. Die Läden aber waren nie wieder geöffnet worden. Über ein Jahr hatte der Kiosk so gestanden mit geschlossenen Läden, und kein Tag war vergangen, an dem er nicht auf den Platz gekommen wäre und gehofft hatte, den Kiosk wieder geöffnet und die Frau hinter dem Fenster zu finden. Erst als der Kiosk abgerissen wurde, war seine Hoffnung gestorben.

Nach der unruhigen Nacht fühlte er sich am nächsten Tag wie zerschlagen und war froh, dass sich das Wartezimmer schnell leerte. Als er nachhause kam, saß seine Frau auf dem Sofa und las in einem Buch, und er legte drei rot-weiße Pfefferminzstangen vor sie auf den Tisch. „Magst du die noch?“ fragte er, und sie schaute ihn verwundert an. Dann lächelte sie, als hätte er ihr gerade die schönste Überraschung bereitet. „Ich habe ewig keine gegessen, aber natürlich mag ich sie noch. Dass du dich daran noch erinnerst!“

© Christa Hartwig

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