Löschpapier kennen die meisten von uns aus ihrer Schulzeit, weil ein Blatt Löschpapier schon beim Kauf in jedem Schulheft liegt. Das wiederum hat seinen Grund darin, dass Schüler in den ersten Jahren gehalten sind, mit einem Füllfederhalter (also mit Tinte) zu schreiben. Tinte aber braucht Zeit zum Trocknen, und damit die Tinte sich beim eiligen Zuklappen des Hefts nicht auf die gegenüberliegende Seite abdrückt, legt man Löschpapier zwischen die Seiten. Der Grund, warum Kinder mit einem Füllfederhalter das Schreiben erlernen sollten, ist, dass sich so am besten eine leserliche und dennoch individuelle Handschrift entwickelt. – Mir hat daran immer gefallen, dass mit einem fremden Füllfederhalter zu schreiben, so unangenehm ist wie in fremden Schuhen zu laufen. Die Feder passt sich der Schreibgewohnheit des Benutzers an, wie Schuhe sich dem Gang anpassen. weshalb auch Füllfederhalter seltener geklaut werden, während Kugelschreiber ausgesprochen promiskuitiv sind und häufig auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Seinem Wesen nach ist Löschpapier ein ungeleimtes und wenig gepresstes Papier, dessen lockerer Aufbau feine Kapillaren zulässt, welche Flüssigkeiten, also auch Tinte schnell aufsaugen. Dieser Eigenschaft des Löschpapiers bedienen sich die Menschen schon lange, und bereits vor 100 Jahren machte eine Hausfrau dank des Löschpapiers eine Erfindung, die noch heute für Milliardenumsätze sorgt: Die Kaffeefiltertüte. Die Dame lebte in Dresden, hieß Melitta Bentz und gehörte offenbar nicht zu den Frauen, die sich die Zukunft aus dem Kaffesatz lesen, denn die Krümel in der Tasse störten sie eher. Sie stach Löcher in den Boden einer Blechdose, legte ein Löschblatt aus dem Schulheft ihres Sohnes über die Löcher, füllte den Kaffee in die Dose und ließ kochendes Wasser darüber laufen. Geboren war der Melitta-Kaffeefilter.

Jürgen Drescher: "Oekozid", 2005

Jürgen Drescher: „Oekozid“, 2005

Wie das Bild zeigt, regen die besonderen Eigenschaften des Löschpapiers aber nicht nur die Kreativität von Kaffeemahlern sondern auch Kunstmalern an.

Nur wenn man auf den Bildschirm seines Rechners schaut und mit dem gerade in einem Word-Dokument verfassten Text so überhaupt nicht zufrieden ist, bekommt löschen plötzlich eine völlig andere Bedeutung.

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