Gustave Doré: Illustration zu Jean de La Fontaines Märchen “Das Mädchen und der Milchtopf”

Gustave Doré: Illustration zu Jean de La Fontaines Märchen “Das Mädchen und der Milchtopf”

Für den Begriff Milchmädchenrechnung bietet Wikipedia gleich drei unterschiedliche Bedeutungen an, die wiederum für die treffende Verwendung des Begriffs keineswegs ohne Bedeutung sind.

Als Milchmädchenrechnung wird üblicherweise eine finanzielle Planung bezeichnet, bei der wesentliche Rahmenbedingungen nicht beachtet oder falsch in Ansatz gebracht wurden, so dass die Rechnung nicht aufgehen wird. Man vermutet, diese Deutung geht auf die Erzählung „Das Mädchen und der Milchtopf“ des französischen Dichters Jean de La Fontaine aus dem 17. Jahrhundert zurück: Eine Bauernmagd trägt einen Topf mit Milch zum Markt, und auf dem Weg überlegt sie sich, dass sie für ihre Milch ein Huhn bekommen könnte, dieses Huhn Eier legt, und so weiter, und so fort, bis sie eine Kuh und ein Schwein anschaffen kann. Und wie sie so träumt, stolpert sie und verschüttet die Milch. Die Milchmädchenrechnung ist nicht aufgegangen.

Eine andere Definition bezieht sich auf die Zeit, als Milch noch in Kannen von Bauernhöfen geholt wurde. Einigen Milchverkäuferinnen sagte man nach, sie würden die Kannen mit Wasser aufzufüllen, wenn die Milch knapp wurde. Da sie für die verdünnte Milch denselben Preis verlangten, entwickelte sich der Begriff Milchmädchenrechnung.
Da haben wir den Unterschied zwischen Selbstbetrug und Betrug. Weil das Auffüllen von Milchkannen mit Wasser jedoch eigentlich nichts mit Rechnen zu tun hat, bezweifle ich, dass der Begriff so entstanden ist und in dieser Bedeutung verwendet werden sollte.

Die dritte mögliche Erklärung zeugt von einem gewissen Berliner Lokalpatriotismus. Demnach sind mit der Milchmädchenrechnung die Rechenmethoden der Milchmädchen bei der Meierei C. Bolle gemeint, die den Preis für die ausgelieferte Milch flink mit Hilfe der Finger beider Hände berechnet haben sollen. In diesem Kontext wäre die Milchmädchenrechnung dann weder falsch noch betrügerisch, sondern das etwas umständliche Lösen einer Rechenaufgabe, die der Gesprächspartner unter Umständen längst im Kopf gelöst hat.

Was mich nicht an den möglichen Erklärungen, sondern an dem Begriff als solchem ein bisschen stört, ist, dass es nicht zufällig ein weibliches Wesen (das Milchmädchen) ist, das als Beispiel für falsches oder umständliches Rechnen herhalten muss. Frauen gelten bis heute oft als mathematisch weniger begabt, und erstaunlicherweise lassen viele von ihnen dieses Vorurteil widerspruchslos auf sich sitzen, wehren sich jedoch, wenn behauptet wird, sie könnten schlechter mit Geld umgehen als Männer. Aber so oft wird das gar nicht behaupten, denn viele Männer gestehen ihren Partnerinnen verblüffenderweise sehr bereitwillig zu, dass sie die häuslichen Finanzen besser verwalten. Was soll ich denn daraus schließen? Dass Frauen die Grundrechenarten mindestens genauso gut beherrschen wie Männer, deren praktische Anwendung auf das (überschaubare) Familienbudget aber besser im Griff haben? Männer hingegen können auch mit Milliardenbeträgen noch locker kalkulieren, und wenn es um komplizierte naturwissenschaftliche Berechnungen geht, dann sind sie den Frauen ohnehin um Längen voraus, weil sie nämlich abstrakt vor allem aber logischer zu denken in der Lage sind?

Ich gebe gerne zu, dass ich, wenn es ums Rechnen geht, ungern abstrakt denke. Schon zu Grundschulzeiten waren mir die bei meinen Klassenkameraden ach so unbeliebten Textaufgaben die liebsten. Mit Eiern, Mehl, Äpfeln und Birnen zu rechnen fand ich auch weit praktischer. Da kommt man doch von selbst drauf, dass man bei einem für vier Personen bestimmten Kochrezept für Linseneintopf die Zutaten mit 1,5 multiplizieren sollte, wenn es für sechs reichen soll. Aber stellt einen Mann mal vor diese Aufgabe! Erstens misstraut er dem Kochbuch und nimmt ohnehin von allem die doppelte Menge, dann meint er sich aus dem Schulunterricht zu erinnern… war nicht Masse gleich Energie? Also halbiert er die Garzeit. Das ist nur deshalb überhaupt nicht schlimm, weil er statt der Linsen aus der Tüte Linsen aus der Dose genommen hat. Und letztendlich reicht der Eintopf auch genau für sechs Personen. Der Rest ist mit dem Topfboden eine innige Verbindung eingegangen. Alle werden satt, der Koch ist mit sich zufrieden, nur mit Rechnen hat das überhaupt nichts zu tun.

Und dann lese ich, dass es, was Mathematikbegabung angeht, gar kein Gefälle zwischen Männern und Frauen gibt, sondern eines zwischen Ost und West, und zwar nicht innerdeutsch, sondern global:
Asiaten können besser rechnen als wir, nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der ZEIT. Aber trinken die überhaupt Milch?

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