An einem besonders heißen Sommertag führte ihr Weg die schwerhörige Fee einmal an einer kleinen Kirche vorbei, deren Tür offenstand, und die Fee beschloss, sich in dem angenehm kühlen und dämmerigen Kirchleich ein wenig auszuruhen. Drinnen war kein Mensch, und so setzte sie sich in eine Kirchenbank und versank ganz in die Betrachtung der hübschen bunten Glasfenster, als plötzlich die Tür der Sakristei geöffnet wurde, und der Pater heraus trat.

Pater Ignatius war ein liebenswerter alter Mann. Seine kleine Gemeinde betreute er mit der Geduld und Nachsicht, welche die Menschen seiner Meinung nach brauchten, und auch an Humor fehlte es ihm nicht. Über eine besondere Gabe aber verfügte Ignatius: Er sah jedem sofort an, woran es ihm fehlte. So geschah es denn auch, dass am Stammtisch der Honoratioren der Stadt, an dem sich der Bürgermeister, der Arzt, der Apotheker und der Lehrer trafen, wo aber auch Pater Ignatius seinen Platz fand, wenn er Appetit auf ein frisch gezapftes Bier hatte, der Arzt einmal sagte: „So langsam wundere ich mich doch, dass diejenigen meiner Patienten, die zu dir in die Kirche gehen, schon immer wissen, was ihnen fehlt, bevor ich sie untersucht habe.“

Obwohl es sich bei dieser Fähigkeit zweifellos um eine besondere Gottesgabe handelte, würde Ignatius dennoch nie heilig gesprochen werden. Doch auch wenn er dies bei Lebzeiten gewusst hätte, wäre ihm daraus kein Verdruss entstanden. Eher wäre das Gegenteil ihm unangenehm gewesen. Ignatius war ein bescheidener Mann, achtete jeden Menschen gleich und sich selbst für keine Arbeit zu gut. Und so trug er, als er aus der Sakristei in das kleine Kirchenschiff trat, auch einen alten Staubsauger unter dem Arm, mit dem er den Beichtstuhl zu reinigen gedachte, weil die Frau, die in der Kirche putzte, diesen allzu gerne vergaß, was wiederum daran liegen mochte, dass es sie daran erinnert hätte, wie lange sie selbst nicht gebeichtet hatte.

Als Pater Ignatius die Fee in der Kirchenbank sitzen sah, fragte er: „Bist du hier, damit ich dir die Beichte abnehme, mein Kind?“ – „Nein, danke“, entgegnete sie. Hier drin ist es ja angenehm kühl, das leichte Kleid kann ich schon anbehalten.“
Den Pater verwunderte diese Antwort keineswegs, auch wenn er darüber schmunzeln musste. Dass die Fee schwerhörig war, hatte er ihr sogleich angesehen. Offenbar war sie ganz zufrieden damit, dort in der Bank zu sitzen, und so kümmerte Ignatius sich nicht weiter um sie. Er schaltete den Staubsauger ein, der ein ohrenbetäubendes Heulgebrumm von sich gab, und machte sich an die Arbeit.

Die Fee beobachtete den alten Mann, wie er die Schnitzereien und gedrechselten Säulen und die blank gescheuerten Samtpolster von Staub befreite und dabei fröhlich aussah, obwohl das Bücken ihm Mühe zu bereiten schien. Mit leichten Schritten trat sie zu ihm hin und fragte: „Kann ich Dir einen Wunsch erfüllen?“
Ignatius schrak ein wenig zusammen, als er sie plötzlich hinter sich gewahrte, denn der Staubsauger übertönte alles. „Moment!“ rief er, „Ich höre schlecht!“
Die Fee wunderte sich. Hatte sie richtig verstanden? In Anbetracht des Lärms war sie zum ersten Mal nicht sicher. „Was ist dein Wunsch?“ fragte sie so laut sie konnte.

Ignatius bückte sich, um den Staubsauger auszuschalten, doch in diesem Moment, zwackte es ihn im Kreuz ganz besonders heftig, so dass er den Versuch unterließ und stattdessen mit lauter Stimme entgegnete: „Mir genügen Gottes Gaben, für dich aber wünsche ich mir ein Hörgerät. Viel zu lesen, ist gut, gut zu hören besser.“
Auch er hatte laut gesprochen, und so meinte die Fee, ihn doch richtig verstanden zu haben. Ja, selten hatte jemand einen Wunsch so präzise geäußert.
Als sie ausgeruht und beschwingt das Kirchlein verließ, da hielt der verwunderte Ignatius in seinen Händen Messer und Gabel mit Stielen lang wie Besen.

Dem Pater war sehr wohl klar, dass er gerade Zeuge eines Wunders geworden war, wenn auch keines kirchlichen. Das junge Geschöpf aber schien ihm so guten Herzens zu sein, dass er sich darüber nicht beunruhigte. Er trug das seltsame Geschenk in die Sakristei und sprach zu sich selbst: „Was soll ich damit nun anfangen?“
Dass die Fee statt Gaben Gabel und statt besser Messer verstanden hatte, war ihm schnell klar, doch wozu sollten diese langen Stiele gut sein? Vielleicht hatte sie ihm ja wirklich einen Gefallen erweisen wollen, und es war seine eigene Schuld, weil er gerade an jenem Morgen zu seiner Haushälterin gesagt hatte, sie wische den Boden so gründlich, dass man davon essen könnte. – Ja, ohne Schwierigkeiten hätte man mit diesem Messer ein auf dem Fußboden liegendes Schnitzel zerteilen können. Wie aber den Bissen mit der Gabel in den Mund bekommen? Er versuchte die Gabel zum Mund zu führen, fuchtelte herum, fasste dann den Stiel kürzer, und stieß mit dessen nun herausragendem Ende ein Wasserglas von seinem Schreibtisch. „Das stört aber gewaltig“, murmelte er und schlug sich dann mit der Hand gegen die Stirn. Natürlich. Ein Störbesteck! Das war es, was das hübsche Kind ihm geschenkt hatte. Sorgsam verwahrte er Messer und Gabel in dem Schrank, in dem auch seine Soutane ihren Platz fand. Er würde dieses Besteck mitnehmen, wenn der Bischof das nächste Mal zum Essen zu sich einlud. Und wenn man ihm dann wieder den Platz neben Pater Paul zuwies, diesem griesgrämigen Sauertopf, der sich etwas darauf zugute hielt, dass seine Gemeindemitglieder Fransen am Mund bekamen von den vielen Vater Unser und Ave Maria, die er ihnen als Buße auferlegte, dann würde er seine Mahlzeit mit diesem Besteck einnehmen, egal wie wenig von dem Braten auf diese Weise in seinen Magen gelangen sollte. Geschenke darf man nicht gering erachten, sondern sollte sie ihrem Zweck entsprechend und zu seiner Freude dankbar nutzen.

Mit diesen Gedanken kehrte er zum Beichtstuhl zurück, neben dem der alte Staubsauger noch immer vor sich hin heulte.

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