„Jetzt stell dich doch nicht so blöd an!“ sagte Rose zu ihrem Spiegelbild. Mit Zeige- und Mittelfinger der linken Hand hielt sie Ober- und Unterlid des rechten Auges offen, während der zitternde Zeigefinger der rechten, die schon zwei Mal aus dem Waschbecken gerettete Kontaktlinse balancierend, sich der rechten Pupille näherte. Diesmal schaffte sie es. Das Gesicht im Spiegel, nicht mehr weich gezeichnet, zeigte Poren und Fältchen. Rasch senkte sie den Blick auf ihre Armbanduhr. Der große Zeiger wies auf VI, der kleine stand zwischen IX und X.
Ich werde zu spät kommen. Das hatte sie auch schon vor einer Stunde gedacht, als der Kaffeefilter übergelaufen war, weil er sich in der Kaffeemaschine verkantet hatte. Sie hätte auf den Kaffee verzichten und das Putzen auf später verschieben können. Vielleicht will ich zu spät kommen, dachte sie, während sie zum wiederholten Mal den aufgewischten Kaffeegrund aus dem braun verfärbten Putzlappen spülte. Mit etwas Beeilung wäre es noch zu schaffen gewesen. Lieber etwas zu spät als abgehetzt erscheinen, ermahnte sie sich, als ein zu großer Schluck zu heißen Kaffees in ihrem Hals brannte. Nach dem Duschen hatte sie sich sorgfältig eingekremt, dabei eine Hornhautstelle unter der linken Fußsohle bemerkt und sie mit der Sandpapierfeile bearbeitet. Ein Mann kann ruhig mal ein bisschen warten. Sie wollte gut aussehen, entspannt, sich gepflegt fühlen. Erst als sie sich nach der heruntergefallenen Verschlusskappe des Deodorants bückte, gestand sie sich ein, dass sie ihre Nervosität nur zu ignorieren versuchte, und wenn sie nervös war, klappte das Einsetzen der Kontaktlinsen nie auf Anhieb. Jetzt jedenfalls stand fest, dass sie zu spät kommen würde, und dann kam es auf ein paar Minuten auch nicht mehr an. Sie verteilte Tagescreme auf Gesicht und Hals, eine dünne Schicht Make-up darüber. Behutsam tupfte sie einen Hauch von Graublau auf die Augenlider, schloss und öffnete die Augen mehrmals, damit sich die Haut, die sich unter dem Schwämmchen plissiert hatte, wieder glattzog. Dann tuschte sie ihre Wimpern, nicht weniger sorgfältig. Im Schlafzimmer lag bereit, was sie anziehen würde. Die perlgraue Bluse, der anthrazitfarbene Rock, der weinrote Blazer, Strümpfe im Farbton der Bluse. Die Lackschuhe glänzten makellos. Wie uneitel sie früher gewesen war. Jahrelang kaum geschminkt, das Erstbeste aus dem Schrank gegriffen. Wie schön es war, sich für einen Mann zurechtzumachen.

Er hatte sich eine Tasse Kaffee bringen lassen und studierte die Frühstückskarte, obwohl er genau wusste, was darin stand. Kleines Frühstück, City-Frühstück, Fitness-Frühstück, Süßes Frühstück – . Er würde sie zuerst wählen lassen und sich ihr dann anschließen. Wäre sie zu bescheiden, konnte er immer noch versuchen, sie zu dem Schlemmerfrühstück mit Lachs und Piccolo zu überreden. Er mochte die schäbige Gemütlichkeit dieses Cafés, die grünen Velourstapeten, die das Licht der Wandlampen schluckten, so dass man die Zeitung nur lesen konnte, wenn man einen Tisch am Fenster bekam. In dieser Disziplin hatte er einen fast sportlichen Ehrgeiz entwickelt. Heute aber hatte er keine Zeitung gekauft, und noch nie hatte er das Café so leer angetroffen. Nicht einmal das Kränzchen alter Damen mit dem Dauerthema Krankheiten und Arztbesuche war da. Vielleicht hätte er doch einen anderen Treffpunkt wählen sollen. Etwas Schickeres. Vielleicht einen dieser modernen Coffee Shops. Aber da saß es sich so ungemütlich. Gerade betrat die Inhaberin das Lokal. Als sie ihn sah, nickte sie ihm zu. Sie versäumte nie, die Stammgäste zu grüßen. Im Arm trug sie ein in das Papier einer Blumenhandlung gewickeltes Bündel und legte es auf die Theke. Heute war sie spät dran. Als ihm das auffiel, kam er nicht mehr umhin, zu bemerken, dass auch Rose sich verspätete. Bisher hatte sie Verabredungen immer pünktlich eingehalten. Er selbst war ein sehr pünktlicher Mensch und wusste das zu schätzen. Aber jedem konnte mal etwas dazwischen kommen. Die Inhaberin sagte etwas zu der Bedienung. Die Bedienung war neu. Sie hatte ein Lächeln, dass sie anknipste, wenn sie an einen Tisch trat, und noch im sich Abwenden wieder ausknipste. Jetzt öffnete sie das Einwickelpapier. Rosen, fast noch im Zustand der Knospe. Die Rosen, die auf den Tischen standen, sahen aus wie aus dem Garten. Weit aufgeblüht, ja, wohl kurz vor dem Verblühen aber noch nicht welk. Er schaute die Rose auf seinem Tisch genauer an. Sie duftete noch. Indessen hatte die Bedienung angefangen, die neuen Rosen in silberne Vasen zu stellen, die sie auf der Theke aufreihte. Ich werde sie bitten, diese noch stehen zu lassen, dachte er. Diese Rose hatte etwas gemein mit jener Rose, die er bei sich schon seine Rose nannte. Keine stolze Rose, sondern offen und großzügig, so erschien sie ihm, dabei aber auch zart und darum umso begehrenswerter. Und vielleicht würde gerade diese Rose ihm helfen, die richtigen Worte zu finden. Komplimente waren nicht seine Sache. Selbst wenn sie aufrichtig waren, wurden sie oft als übertrieben zurückgewiesen. Auch damit, seine Gefühle auszudrücken, hatte er sich immer schwergetan. Aber das ging wohl vielen Männern so. Was hatte sie gesagt, als sie erzählte, dass sie nur kurze Zeit verheiratet gewesen war, und das vor vielen Jahren? Er versuchte, sich an den genauen Wortlaut zu erinnern. Sie hatte gesagt: Ich glaube, Schriftsteller sind die einzigen Männer, die ich wirklich kenne. Schriftsteller wollte er nicht sein aber ein wenig redegewandter. Wenn sie nun käme und sich für die Verspätung entschuldigte, so könnte er vielleicht sagen, es sei ihm gar nicht aufgefallen, wie spät es schon war, weil die Rose ihm Gesellschaft –. Nein, das war nicht gut. Das könnte sie falsch verstehen. Er würde besser sagen, dass diese Rose –, und plötzlich stand die Kellnerin an seinem Tisch. Schon griff sie nach der Rose, und er, aus seinen Gedanken aufgeschreckt, hob die Hand, worauf sie ihre fast erschrocken zurückzog. „Bitte lassen diese Rose noch stehen. Sie können sie doch später auswechseln“, sagte er und fügte dann erst hinzu: „Entschuldigen Sie, dass ich eben so aufgefahren bin. Ich war ganz in Gedanken.“ Und die Kellnerin, die schon bei seinem ersten Satz das verloschene Lächeln wieder angeknipst hatte, nicht aber die Gabe hatte, es zu verstärken, behalf sich mit einem Lachen. „Ja, wenn Ihnen diese Rose lieber ist, dann bitte.“

Rose erstarrte. Sie hatte ihn von der Straße aus am Fenster entdeckt und war nur kurz stehengeblieben, um den Sitz ihrer Kleidung zu prüfen, ob der Stoff des Blazers sich beim schnellen Gehen nicht unter dem Schulterriemen der Tasche verschoben hatte, oder die Bluse aus dem Rockbund gerutscht war. Und dann war sie unfreiwillige Zeugin dieser Szene geworden. Seine erhobene Hand, als wollte er der Kellnerin einen Klaps geben, ihr Lachen. Was hatte er denn zu ihr gesagt? Dass sie die frische Rose behalten sollte? Dass sie besser zu ihr passte als zu der Frau, die er erwartete? Ein Mann der mit Kellnerinnen schäkert, und sie hatte ihn für –. Ihr fielen die passenden Worte nicht ein. Sie hatte ihn – ja, sie hatte ihn für jemand besonderen gehalten. Sich einen Ruck gebend, zog sie sich eine paar Schritte zurück, gerade weit genug, damit er sie nicht sehen konnte, wenn er zum Fenster schaute. Noch blickte er der Kellnerin nach. Ich sollte hineingehen und ihm an den Kopf werfen, was ich von seinem Benehmen halte, dachte sie. Aber sie hatte Angst, dass ihr die Stimme versagen könnte, oder dass sie gar anfangen würde zu weinen vor Wut und Enttäuschung. Also machte sie Kehrt, um wieder nachhause zu gehen. Unterwegs betrat sie eine Buchhandlung. Sie brauchte eine Weile, bevor sie sich für eine der Neuerscheinungen entscheiden konnte. Und auch dann ging sie noch nicht nachhause. Sicher würde er bei ihr anrufen, wenn ihm das Warten zulange dauerte. Sie wollte nicht da sein, wenn er anrief. Also bummelte sie durch ein Kaufhaus und machte dann noch einen Spaziergang im Park, bis ihre Füße schmerzten.

Er hatte fast bis elf Uhr auf sie gewartet. Dann hatte er die Inhaberin gefragt, ob er das Telefon benutzen dürfe und hatte bei Rose angerufen. Wäre sie unpässlich gewesen und hätte deshalb nicht kommen können, hätte sein Anruf sie zuhause erreichen müssen. Aber da sie weder zuhause noch zur Verabredung erschienen war, bedeutete das wohl, dass sie nicht hatte kommen wollen. Einfach so. Keine Erklärung. Ohne Frühstück hatte er das Café verlassen, und erst am Abend konnte er sich dazu entschließen, noch einen Anruf zu versuchen. Je nachdem, was sie ihm sagte, würde es ein sehr kurzes Gespräch werden, oder sie hätte einen guten Grund, und vielleicht sollte er ihr dann von der Rose erzählen, die er nur für eine Stunde hatte beschützen können, und dass er sie, Rose, gerne für länger – Ihm fehlten noch immer die rechten Worte.

Sie war auf Seite 83, als das Telefon klingelte. Ich kann nicht, dachte sie. Ich kann einfach nicht. Wie sollte sie ihm erklären, was sie gesehen hatte? Vielleicht hatte sie sich getäuscht. Vielleicht hatte er nicht mit der Kellnerin gescherzt, sondern die Rose nur zurückgewiesen, weil ihm neben der frischen Knospe das Alter ihres Gesichts zu deutlich zu Bewusstsein gekommen wäre. Aber wenn es für sein Benehmen einen Grund gab, der für sein Feingefühl sprach, dann machte das die Sache noch schlimmer, hieß es doch, dass kein Gefühl für sie seinen Blick verklärte und sie ihm jünger und schöner erscheinen ließ.
Das Telefon klingelte lange, und ihr Blick blieb auf die Seite 83 geheftet, obwohl die Gedanken des Schriftstellers hinter den Tränen, die sich unter den noch immer blaugrau bestäubten Lidern sammelten, verschwammen.

Das Telefon hörte auf zu klingeln.

© Christa Hartwig

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