Meyer saß am Schreibtisch, und starrte auf den Bildschirm seines Computers, während sein rechter Mittelfinger in kleinen, nervösen Bewegungen das Rädchen der Scroll-Maus bediente. „Scheiß-eBay“, murmelte er, „alles, was man nur will und noch viel mehr, was man nicht will, aber nichts, gar nichts, was sich als Geschenk für Angelika eignet und praktisch nichts kostet.“ Am liebsten würde er ihr nichts schenken. Die Sache war so gut wie aus. Aber auf die Party wollte er noch gehen. Da kreuzten sicher eine Menge Freundinnen von der Schnalle auf.

„Kann ich dir einen Wunsch erfüllen, mein Prinz?“
Meyer zuckte zusammen. Das zarte Wesen saß auf seiner Schreibtischkante, beugte sich zu ihm herüber, gewährte dabei einen atemberaubenden Einblick in den Ausschnitt eines kurzen, hauchdünnen Kleidchens und lächelte. Eine neue Kollegin? Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein. Aber dieses lautlose Anschleichen sollte sie sich mal gleich abgewöhnen.

Obwohl Meyer gern von sich behauptete, ein Checker zu sein, schnappten seine Synapsen eher träge. Statt zu dem Schluss zu kommen, dass es vielleicht nicht mehr nötig war, auf Angelikas Geburtstagsparty zu gehen, stotterte er: „Da fällt mir sicher einiges ein, aber im Moment brauche ich ein günstiges Geschenk.“
Etwas landete polternd auf seinem Schreibtisch, und Meyer zuckte abermals zusammen, diesmal so heftig, dass er die Augen zukniff. Als er sie wieder öffnete, war die neue Kollegin verschwunden. Vor Meyers Nase aber, halb auf der Tastatur, lag ein seltsamer Gegenstand aus Metall, Irgendein Teil von irgendwas. Meyer beäugte das Ding misstrauisch. So beleidigt hätte sie ja nicht reagieren müssen. Ich hab ja nicht mal gesagt, für wen das Geschenk sein soll.

Eine Viertelstunde später waren Meyer und das Ding umringt von Kollegen, „Hat denn wirklich keiner von euch eine Ahnung, was das ist?“ Meyer schaute sie der Reihe nach an. Alle zuckten die Schultern. Da drängte sich der kleine Dicke aus der Buchhaltung nach vorn. „Doch, ich weiß es. Das ist ein künstliches Gelenk, ich glaube, ein Hüftgelenk. Habe da gerade vor ein paar Tagen in einer Fachzeitschrift einen Bericht gelesen.“
Meyer verdrehte die Augen. Typisch! Der las ja immer Fachzeitschriften, dieser Klugscheißer. „Und kannst du mir vielleicht auch sagen, was ich jetzt damit anfangen soll?“
„Wo hast du es denn her?“ wollten gleich mehrere wissen.
„Ja, was weiß ich! Das lag hier plötzlich auf meinem Schreibtisch.“ Für diese Antwort erntete Meyer ein paar ungläubige Blicke. Einer lachte sogar hintersinnig.“
„Setz es doch bei eBay rein, wenn du es nicht gebrauchen kannst.“ Natürlich wieder der Klugscheißer! Aber niemandem fiel etwas Besseres ein.

Indessen hatte die Fee einen kleinen Park erreicht, wo sie sich auf den Rand eines Springbrunnens setzte und dort sehr dekorativ aussah. Wieder kein Prinz. Sie seufzte. Prinzen brauchten keine künstlichen Gelenke. Wenn, er denn sich denn tatsächlich ein künstliches Gelenk gewünscht hatte. Manchmal kam ihr der Verdacht, dass sie die Leute nicht richtig verstand. Eigentlich war es ihr angenehm, in einer leisen Welt zu leben, aber es war nicht immer praktisch. Und sie war ganz sicher, dass, sobald sie den Prinzen gefunden hätte, sie ihn richtig verstehen würde. Meyer hatte sie schon fast vergessen.

Meyer hingegen war sauer. Vergeblich hatte er die Nase in sämtliche Büros gesteckt, die neue Kollegin aber nicht entdecken können. Nach ihr fragen, wollte er nicht. Das fehlte noch, dass er schlafende Hunde weckte, und sich gleich die halbe männliche Belegschaft an sie ranmachte.
Wenigstens ließ sich die Sache bei eBay gut an, so dass Meyer beschloss, doch etwas mehr für Angelikas Geschenk auszugeben. Zu der Party konnte er leider nicht gehen. Irgendein Idiot hatte mit einer anonymen Anzeige erreicht, dass Meyers kürzlich verstorbene Großmutter exhumiert und Meyer für ein paar Tage in U-Haft genommen wurde.

© Christa Hartwig

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