Als ich am Montagabend schon recht angemüdet noch einmal in die Küche tapste, um vor dem Schlafengehen eine zu rauchen, die Kaffeetasse abzuspülen… da lief im Küchenradio auf rbb Kulturradio… (Yep! Ich habe die alte Kiste doch endlich dazu überreden können, noch was anderes als Radio Paradiso zu empfangen.) Also, da lief auf rbb Kulturradio gerade eine Lesung von Orhan Pamuks Roman „Das Museum der Unschuld“. Und noch bevor ich so recht dazu kam, mich darüber zu ärgern, dass ich das nicht von Anfang an gehört hatte, fiel ein Satz mit sinngemäß folgendem Inhalt: Mit ihrer Leidenschaft machten sie sich ihr ganzes Leben kaputt.

Vielleicht muss man schläfrig sein und somit intellektuell nicht eben auf der Hut, damit ein Satz dort trifft, wo er auf Anhieb festsitzt und sofort anfängt, Wurzeln zu schlagen. Jedenfalls habe ich die letzten vier Tage ziemlich viel über Leidenschaft nachgedacht. Ich meine, ich habe nicht über den Begriff nachgedacht, mit dem wir heute allzu leichtfertig umgehen. Wir kochen und essen leidenschaftlich gern, sind leidenschaftliche Sammler von diesem und jenem, diskutieren mit der gleichen Leidenschaft, mit der wir Tennis spielen oder tanzen, und im Bett mögen wir es natürlich auch leidenschaftlich. All diesen Leidenschaften frönen wir verhältnismäßig reuelos und dies deshalb, weil uns nicht die Leidenschaft treibt, die ich meine, sondern weil wir mit dem Wort leidenschaftlich eigentlich nur ausdrücken, dass wir etwas sehr gern tun, und bestenfalls erotische Momente, wenn Lust und süßer Schmerz fließend ineinander übergehen, verdienen die Bezeichnung Leidenschaft.

Leidenschaft, das lässt schon das Wort erkennen, hat etwas mit Leiden zu tun. Auch das Synonym Passion bedeutet Leiden, und wenn ich stattdessen Inbrunst sage, so fällt einem (zumindest mir) dabei sofort Feuersbrunst ein.
Leidenschaft ist das Feuer der Seele. Jeder, der eine Feuerstelle im Haus hat, wird das Feuer hüten, damit es nicht auf die Einrichtung übergreift und schließlich das ganze Haus niederbrennt. Und in derselben Weise gilt es, mit der Leidenschaft umzugehen. Leidenschaft ergreift uns vollkommen, lässt uns alles andere vergessen und ist so berauschend, dass sie regelrecht süchtig machen kann. Wenn wir von Leidenschaft gepackt sind, glauben wir, nur so wirklich zu leben. Was wir dabei vergessen, ist, dass Leidenschaft sich ganz auf einen Menschen oder einen Aspekt des Lebens konzentriert und wir dazu neigen, allem anderen keine Bedeutung mehr beizumessen, es zu vernachlässigen, und gleichzeitig entgehen uns die vielen kleinen Freuden und Genüsse, die uns verglichen mit der Leidenschaft so banal und unzulänglich erscheinen. Und wenn dieser Zustand anhält, beginnt die Leidenschaft, unser Leben zu zerstören, und aus der Leidenschaft wird Leiden.

Eines der klügsten Zitate, die ich zum Thema gefunden habe, stammt von Henri Stendhal (1783 – 1842)

Ein wenig Leidenschaft beflügelt den Geist,
zu viel löscht ihn aus.

In der antiken Philosophie (Stoa) wurde die Beherrschung der Leidenschaften deshalb als eines der wichtigen Lebensziele betrachtet. – Wäre es also besser, der Leidenschaft ganz zu widerstehen. Sind Menschen, die zur Leidenschaft gar nicht fähig sind, weil ihr emotionales Phlegma sie davor schützt, gar zu beneiden? Ich glaube nicht.
Wer nie Leidenschaft empfunden hat, kann sie nicht vermissen, denn man vermisst nicht, was man nicht kennt. Wer Leidenschaft kennt, weiß, dass er etwas versäumt hätte, wenn er sie nicht kennengelernt hätte. Und wer einmal die zerstörerische Kraft auch nur geahnt hat, die der Leidenschaft innewohnt, der weiß, dass er gut daran tut, sie zu hüten wie das Feuer im Herd, das man zur rechten Zeit hell auflodern lässt, und zur rechten Zeit nur unter der Asche die Glut erhält.

Das Buch von Orhan Pamuk habe ich übrigens vor, mir zu kaufen. Eine Leseprobe als PDF gibt es hier.

Advertisements