Taschenuhr

„Ich habe sie gefunden“, sagte Olen und hielt seiner Großmutter die silberne Taschenuhr hin.
„Gefunden!“ echote sie, und der aufkeimende Ärger war ihrer Stimme anzuhören. „Wo“, fragte sie drohend, „hast du sie gefunden?“ Doch noch bevor der Junge antworten konnte, fiel es ihr wieder ein. Sie hatte am Sekretär gesessen, die Post durchgesehen, einen Brief beantwortet und zwei Zahlkarten ausgefüllt, während Olen bäuchlings auf dem Teppich lag, einen Zeichenblock und den Buntstiftkasten vor sich. Plötzlich war ihr klar geworden, dass es auf Mittag ging und sie sich beeilen musste, das Essen fertig zu bekommen. „Wo ist nur die Zeit hin?“ hatte sie gesagt, Briefe und Rechnungen zusammen geschoben und war in die Küche gegangen. Als sie etwas später in den Garten gemusst hatte, um Petersilie zu schneiden, hatte sie durch die offene Tür gesehen, dass Olen noch immer auf dem Bauch lag, nun aber vor dem Sofa, unter dem er etwas zu suchen schien. Wahrscheinlich war ihm ein Buntstift darunter gerollt. Jetzt wusste sie, was er gesucht hatte.
„Sie war in der Schublade. Da war sie doch auch, als du sie mir gezeigt hast“, sagte Olen, und nachdem sie ihm die Uhr abgenommen hatte, schob er beide Hände tief in die Hosentaschen, wie er es stets tat, wenn er Rede und Antwort stehen musste, als fänden sich dort die Gründe, warum er etwas gemacht oder zu tun vergessen hatte. Tatsächlich waren diese Hosentaschen immer vollgestopft mit besonderen Kieselsteinen, Bindfadenenden, verschrumpelten Haselnüssen und Kastanien und allerlei anderem Kleinkram, den er aufgelesen hatte, und es kam selten vor, dass ihm keine Ausrede einfiel. Dass er sich an die Uhr erinnerte, wunderte sie allerdings, denn sie hatte sie ihm nur ein einziges Mal gezeigt, und das musste etwa ein Jahr zurückliegen. „Du hast doch gesagt, da ist all deine Zeit drin“, rechtfertigte er sich und versetzte sie damit noch mehr in Erstaunen.

Ja. das hatte sie wirklich gesagt, und es entsprach der Wahrheit. Die Uhr hatte ihrem Vater gehört, der im letzten Kriegsjahr gefallen war, und war von ihrer Mutter wie ein Schatz gehütet worden, bis sie sie an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt bekam. Zur Hochzeit hatte sie sie ihrem Mann geschenkt. Er hatte sie getragen und noch in seiner Sterbestunde hatte sie neben ihm auf dem Nachttisch gelegen. Seither wurde sie wieder wie ein Schatz gehütet, und eines Tages würde Olen sie bekommen.
Ohne darüber nachzudenken, verglich sie den Stand der Uhrzeiger mit der Küchenuhr und erschrak ein wenig. Beide Uhren zeigten fast auf die Minute dieselbe Zeit. Die Uhr schien zu gehen, obwohl sie sie nach dem Tod ihres Mannes nie aufgezogen hatte. Sollte der Junge sie etwa – ? Nein, das konnte er gewiss noch nicht. Ihr wurde klar, dass es ein Zufall sein musste. Die Uhr ging nicht, sondern war nur zu eben jener Stunde stehengeblieben. Behutsam zog sie das Rädchen heraus und drehte es zwischen den Fingerspitzen. Dann hielt sie sich das silberne Gehäuse ans Ohr und hörte erleichtert das feine Ticken.
„Danke“, sagte sie und strich Olen übers Haar. „Weißt du, die Zeit ist eigentlich nie weg. Wir sind es, die manchmal versuchen, ihr davon zu laufen, aber das gelingt uns nicht. Wir legen die Uhr jetzt wieder in die Schublade, und wenn ich wieder einmal frage, wo die Zeit hin ist, erinnerst du mich daran, wo ich sie finde, ja?“
Und der Junge nickte ernst, als wäre er sich der Wichtigkeit dieser Aufgabe ganz bewusst.

© Christa Hartwig

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