200810022043_2

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Diesen Satz hörte ich am
9. November 1989 zum ersten Mal und verstand ihn nicht. Über den Fernsehschirm flimmerten die Bilder einer Trabi-Kolonne, die über die deutsch-deutsche Grenze rollte, und von den lachenden Gesichtern derer, die am Straßenrand standen und auf die Autodächer klopften. – Hieß, dass ich nicht auch mitten dabei war, dort am Straßenrand, dass ich zu spät kommen würde? Und worin würde die Strafe bestehen? Oder waren wir Wessis gar nicht gemeint, sondern die Ossis, die sich nicht gleich auf den Weg in den Westen gemacht hatten, sondern, wie ich, zuhause vor dem Fernseher saßen, bewegt von den Bildern, während ihnen gleichzeitig, genau wie mir, alles mögliche durch den Kopf ging?

Ich kannte welche, die waren zu früh gekommen. Nicht die Ironie des Schicksals, sondern die Unmenschlichkeit eines Systems hatten dafür gesorgt, dass ihrem vor Jahren gestellten Ausreiseantrag stattgegeben wurde, als das Aufnahmelager Berlin- Marienfelde von Übersiedlern aus der DDR aus allen Nähten platzte. Kurz zuvor war meine Große in eine eigene Wohnung gezogen. Ich hatte ein freies Zimmer. Einem Anruf in Marienfelde, dass ich ein bis zwei Personen aufnehmen könnte, folgte ein Rückruf innerhalb einer halben Stunde, ob es auch drei Personen sein dürften. Ein Ehepaar mit Sohn im Teenager-Alter. Man hatte sie in der Turnhalle einer Schule unterbringen müssen. Mehr als einen Koffer pro Person hatten sie nicht dabei. Drüben hatten sie ein wohnliches Heim, in das sie viel Liebe und Erfindungsgeist investiert hatten, zurückgelassen. Sie würden ganz von vorn anfangen müssen. Und nun erwies sich, dass sie sich die jahrelangen Schikanen und Benachteiligungen wegen des Ausreiseantrages, das Aufgeben von Zuhause und Arbeit hätten ersparen können. Sie waren einfach ein paar Wochen zu früh gekommen. Verbittert waren sie nicht darüber. Am 11.November fuhren wir gemeinsam in die City West. Vom Wittenbergplatz bis weit den Kurfürstendamm hinauf feierten Menschenmassen aus beiden Teilen der Stadt und dem Umland. We shall overcome hörte man junge Leute immer wieder singen.

Es folgte die Deutsche Einheit, und in den Jahren danach, wurden hier und da auch Stimmen laut, die Zweifel anmeldeten, ob es richtig gewesen sei, ob man nicht später oder gar nicht hätte (zueinander) kommen sollen.
Natürlich war es richtig, daran besteht nicht der geringste Zweifel.
Dass es Generationen brauchen würde, damit aus zwei Völkern wieder eines würde, ist Unfug. Unsere Wurzeln reichen tiefer als die von Staatsgebilden und politischen Systemen.

Als die Mauer fiel, hatte ich mein ganzes Leben auf einer Insel verbracht, heute sind es nur zwei Drittel meines Lebens, und, wenn ich alt genug werde, wird es irgendwann nur noch die Hälfte sein. Den von Jahr zu Jahr größer werdenden Anteil nutze ich, um aus der Erfahrung meiner Freunde zu lernen. Schwer ist das nicht. Wir haben mehr gemeinsam als uns trennt.

Der Sinn des Lebens ist, zu wachsen. Man wächst, indem man lernt, und dazu ist es nie zu früh aber auch nie zu spät.

Wir sind das Volk.
Wir sind ein Volk.
We shall overcome.

olivenzweig


Kommentare zum ursprünglichen Eintrag:

200810022043_komm_1200810022043_komm_2200810022043_komm_3200810022043_komm_4200810022043_komm_5

Advertisements