Die drei Freunde hatten Glück. In der Silvesternacht froren sie noch erbärmlich, während sie zusahen, wie über den Dächern der Stadt die Raketen aufstiegen und alles in rotes, grünes und goldenes Licht tauchten. Doch gleich nach Neujahr ließ der Frost nach, und es wurde ein milder Winter. Schlau musste sich nicht darüber ärgern, dass die Abfälle in den Mülltonnen gefroren, und Scheuche brauchte sich keine Sorgen um ihn zu machen. Am meisten Glück aber hatte Schwalbe, denn der große Misthaufen, der neben dem Hühnerstall aufgeschüttet worden war, lockte die wenigen Fliegen an, die sich aus den warmen Stuben ins Freie trauten, und wenn die Sonne schien und die Luft ein wenig erwärmte, dann machte Schwalbe kleine Ausflüge dorthin und kehrte satt und zufrieden zurück.
„Das nächste Mal fliege ich aber doch mit den anderen Schwalben in den Süden. Ihr könnt mir ja dann, wenn ich wiederkomme, erzählen, wie Weihnachten war“, sagte sie dennoch.
Dann seufzte Scheuche. Ja, es würde wohl der einzige Winter seines Lebens bleiben, in dem ein Herz in seiner Brust geschlagen hatte.

Auch die alte Frau war froh, dass es kaum Schnee gab, denn so konnte sie die Hühner füttern, ohne Angst zu haben, dass sie auf dem Weg zwischen dem Haus und dem Hühnerstall ausrutschte. Nur das kleine Mädchen hätte lieber Schnee gehabt, denn der Weihnachtsmann hatte ihr einen Schlitten gebracht, und ohne Schnee, war der zu nichts Nütze und stand nur in der Diele der Großmutter herum. Doch lange trauerte sie nicht wegen des fehlenden Schnees, denn sie hatte in der Schule einen neuen Freund gefunden. Sie und der Junge waren so unzertrennlich, dass er oft mitkam, wenn sie mit den Eltern die Großmutter besuchte. Dann rannten die beiden lachend ums Haus, versteckten sich vor einander oder spielten Fangen und hatten auch ohne Schlitten jede Menge Spaß. Und eines Tages kam auch Thorsten zu Besuch, diesmal nicht als Weihnachtsmann verkleidet, dafür aber in einer ebenso wichtigen Angelegenheit.

Zusammen mit dem Schwiegersohn lief er ums Haus und den Stall herum und schaute das Stiefmütterchenfeld und das Tulpenfeld an, als sähe er sie zum ersten Mal, obwohl er doch oft im Sommer dort gearbeitet hatte und jeden Winkel kennen musste. Jetzt aber ging es um die Frage, ob er die Gärtnerei pachten würde. Thorsten suchte ein Zuhause für sich und seine Freundin Luise. Der Schwiegersohn hatte die Gärtnerei verkaufen wollen und sich schon nach einem Zimmer in einem Seniorenheim für seine Schwiegermutter umgetan, aber da hatte er nicht mit den beiden Frauen gerechnet. Die alte Frau wollte nicht fort aus dem Haus, in dem sie über die Hälfte ihres Lebens verbracht hatte, und für Kerstin war es ihr Elternhaus, das nicht in fremde Hände kommen sollte. Als Thorsten von der Sache hörte, hatte er gefragt, ob er nicht als Pächter in die Gärtnerei ziehen könnte. Kerstins Mutter könnte dort wohnen bleiben, würde Gesellschaft haben und auch gepflegt werden, wenn sie einmal krank war. Und alle waren zufrieden mit diesem Vorschlag, nur dass Thorsten noch überlegte, ob er den Betrieb wieder in Schwung bringen könnte.
Nachdem er aber mit dem Schwiegersohn lange genug um alles herum gelaufen war und ihn dazu hatte bewegen können, mit dem Pachtzins etwas herunter zu gehen, schüttelten die beiden Männer einander die Hand und waren sich einig geworden.

Scheuche, der das Gespräch mit angehört hatte, war erleichtert. Er hatte sich schon Gedanken gemacht, ob er seinen Arbeitsplatz auf dem Feld würde behalten können, wenn die Gärtnerei einen neuen Besitzer bekam. Zwar wollte auch Thorsten einiges ändern, aber nach der Sache mit dem Schal war Scheuche recht zuversichtlich, dass er würde bleiben können.

Es wurde Februar, und am 14. Februar war Valentinstag. Am Nachmittag kam Kerstin mit ihrem Mann und Ihrer kleinen Tochter zu Besuch, und als die Erwachsenen bei Kaffee und Kuchen saßen, schleppte das kleine Mädchen den Schlitten aufs Feld und kam damit direkt zu Scheuche, der sich fragte, was sie vorhatte. Die Kleine stellte den Schlitten hochkant vor Scheuche hin und schickte sich an, ihn wie eine Leiter zu benutzen.
„Was soll das denn werden?“ fragte Scheuche. Er sah schon kommen, dass sie mit dem Schlitten umkippen und sich wehtun würde.
Das kleine Mädchen griff in seine Jackentasche und brachte ein in rotes Glanzpapier eingewickeltes Herz zum Vorschein. „Das hat mir mein Freund heute geschenkt“, sagte sie. „Es ist ein Schokoladenherz, aber es ist mit Marzipan gefüllt, und ich mag kein Marzipan. Und weil du doch ein Loch in der Brust hast, dachte ich, ich könnte es dort verstecken. Dann hast du ein Herz, und ich kann so tun, als ob ich es aufgegessen hätte.“
Scheuche war unsicher. Sollte er dem kleinen Mädchen verraten, dass Schwalbe in seiner Brust ihr Nest hatte? Schwalbe machte gerade einen Ausflug zum Misthaufen, und schon stand die Kleine ein bisschen schwankend auf der obersten Sprosse des Schlittens und schob den Schal beiseite. Wenn Scheuche ihr jetzt sagte, dass seine Brust ein Schwalbennest war, wäre sie vielleicht so überrascht, dass sie herunterfiel. Und so schwieg er und ließ es sich gefallen, dass die kleine Kinderhand unter seinen Schal griff und das Schokoladen-Marzipan-Herz so tief es nur ging in das Loch in Scheuches Brust steckte. Und auch als sie wieder mit beiden Beinen auf dem Boden stand, hatte Scheuche keine Gelegenheit, ihr von Schwalbe zu erzählen, denn sie lief gleich mit dem Schlitten zum Haus zurück. Das mit dem Herzen sollte ja niemand wissen.

„Erschrick nicht, wenn Du in dein Winternest schlüpfst“, sagte Scheuche, als Schwalbe angeflogen kam. „Ich habe jetzt ein Herz. Ich hoffe, du hast trotzdem noch genug Platz da drin.“
Schwalbe verschwand unter dem Schal, und Scheuche hörte sie sagen: „Ja, Platz ist noch genug.“ Dann steckte sie den Kopf wieder heraus. „Sag mal, wie ist das denn zugegangen?“ Scheuche erzählte ihr die Geschichte, und Schwalbe wunderte sich. „Mit den Menschen und ihren Herzen ist es wirklich seltsam“, sagte sie. Und das fand Scheuche auch.

Als endgültig nicht mehr mit Frost und Schnee zu rechnen war, kamen die Handwerker und verputzten das Haus neu. Um alles andere kümmerte sich Thorsten, der jetzt jeden Tag in die Gärtnerei kam. Er brachte einen Teil des Mistes, der neben dem Hühnerstall lagerte, auf den Feldern aus und pflügte ihn unter. Dann richtete er Zäune und das Tor, und schließlich machte er sich auch am Gewächshaus zu schaffen. Und seine Freundin kam und half ihm, die trüben Glasscheiben wieder blank zu putzen. Von Woche zu Woche wurde es wärmer, und dann kamen die ersten Schwalben zurück. Schwalbe war ganz aufgeregt und wusste kaum, was sie tun wollte. Wie eine Verräterin kam sie sich vor, weil es nun an der Zeit war, Scheuche zu verlassen. Scheuche versuchte, sich sein Bedauern nicht anmerken zu lassen. „Flieg schon los, und such dir einen Schwalbenmann. Es ist Zeit, dass du jemanden findest, der mit dir ein Nest baut“, sagte er.
„Ich werde dich oft besuchen kommen“, versprach Schwalbe. Dann breitete sie sie Flügel aus, und bald war sie nur noch ein winziger Punkt am Himmel, den Scheuche kaum noch erkennen konnte. Ich habe ja noch mein Schokoladen-Marzipan-Herz, versuchte er sich zu trösten. Und dann passierte etwas, das Scheuches Leben veränderte.

An einem Vormittag war Thorsten gekommen und hatte viel Saatgut mitgebracht. Plötzlich stand er vor Scheuche und sagte: „Bevor ich die Saat ausbringe, werde ich dich mal wieder herrichten. Nicht dass du mir bei der Arbeit schlapp machst.“ Er redete mit Scheuche, aber Scheuche wusste auch, dass er ihn umgekehrt nicht verstehen konnte, so wie das kleine Mädchen. Und als Thorsten sagte, er müsse auch noch eine zweite Vogelscheuche für das andere Feld herrichten, da hätte Scheuche ihm sagen können, wo die andere Scheuche geblieben war, aber Thorsten hätte ihn nicht verstanden. Er ging zum Stall, um Stroh zu holen, mit dem er Scheuches Brust wieder ausstopfen wollte, und in dem Moment fuhr das rote Auto auf den Hof. Und als Thorsten dem kleinen Mädchen sagte, dass er gerade Scheuche heil machen wollte, bat sie, ihm helfen zu dürfen. An das Herz in Scheuches Brust dachte sie wohl schon selbst nicht mehr. Erst als Thorsten seine Hand in das Loch steckte um nachzufühlen, wie viel Stroh er würde hinein stecken müssen, und verwundert mit dem Herzen wieder heraus zog, wurde die Kleine erst blass und dann rot, und dann erzählte sie von dem Valentinstagsgeschenk und bat ihn, sie nicht zu verraten.
„Dass du Scheuche das Herz gegeben hast, war eigentlich eine gute Idee“, sagte Thorsten und lachte freundlich. „Aber du solltest deinem Freund trotzdem sagen, dass du kein Marzipan magst, sonst schenkt er dir vielleicht immer wieder solche Herzen. Irgendwann kommt er dann doch dahinter, dass er dir damit keine Freude gemacht hat, und wird traurig. Es wichtig, dass man den Menschen, die man lieb hat, nicht nur sagt, was einem gefällt, sondern auch, was einem nicht gefällt.“
Scheuche hatte selten jemanden etwas Klügeres sagen gehört.
Thorsten steckte das Herz wieder tief in Scheuche hinein und stopfte dann ein paar Händevoll Stroh dazu. Schließlich umwickelte er Scheuches Brust mit Bastfäden, so dass alles wieder gut zusammenhielt, und betrachtete sein Werk. „Du bist vielleicht die einzige Vogelscheuche auf der Welt, die ein Herz hat“, sagte er, und lachte plötzlich sein gutmütiges Lachen. „Und weil das so ist, habe ich gerade eine Idee. Warum soll ich eine neue Vogelscheuche bauen, wenn es im Haus eine fast fertige gibt? Die wird eine prächtige Frau für dich abgeben, Scheuche, und ich bin sicher, sie wird dir gefallen.“

Davon, dass es im Haus noch eine Vogelscheuche gab, hatte Scheuche noch nie gehört, und als Thorsten und das kleine Mädchen, gefolgt von der alten Frau wieder aus dem Haus kamen, traute Scheuche seinen Augen nicht, denn Thorsten trug etwas vor sich her, wovon Scheuche nicht einmal gewagt hätte zu träumen.

„Dass du die Schneiderpuppe als Ersatz für die gestohlene Vogelscheuche nehmen willst, ist eine sehr gute Idee“, sagte die alte Frau. „Ihr jungen Menschen habt eben einen regen Geist. Ich wäre darauf nie gekommen. Die Puppe ist doch sonst zu nichts mehr gut. Ich kann nicht mehr schneidern, und Kerstin hat keine Lust dazu. Das Ding steht nur im Weg und staubt ein.“

Das, was die alte Frau ein Ding nannte, ließ Scheuche das Vogelscheuchenblut in die Wangen steigen, denn das Ding war eindeutig weiblich und hatte nichts an. Wenn ich ein richtiges Herz hätte, würde es jetzt klopfen wie wild, dachte Scheuche und schaute verlegen weg, obwohl er am liebsten ganz genau hin geschaut hätte.
Die Verlegenheit war aber bald vorbei, denn kaum hatte Thorsten die Schneiderpuppe an einem in den Boden gerammten Pfahl befestigt, da liefen alle schon wieder ins Haus, um ihr etwas zum Anziehen zu suchen. Es dauerte auch nicht lange, und sie kamen wieder heraus. Die Scheuche auf dem Tulpenfeld bekam ein rotes Kleid an. Dann setzte Thorsten ihr eine Kugel aus Styropor als Kopf auf und malte ihr ein hübsches Gesicht, denn er war nicht nur ein guter Gärtner, sondern auch ein Sonntagsmaler. Und auf den Kopf setzte die alte Frau ihr einen Strohhut mit Blumen daran. Schließlich rief das kleine Mädchen: „Da müssen doch noch Luftballons vom Sommerfest sein, und sie bliesen einen Luftballon auf, der war aus rosa glänzender Folie und hatte die Form eines Herzens. Den banden sie an einen der Arme, die Thorsten aus Drahtbügeln gebastelt hatte, und gleich tanzte der Ballon fröhlich im Wind. „Na, das passt ja!“ rief Thorsten lachend, und das kleine Mädchen bedeutete hm mit einem auf die Lippen gelegten Finger, dass er nur nichts verraten sollte von dem anderen Herzen, dem in Scheuches Brust.

„Hallo“, sagte Scheuche, als er endlich mit der schönen Unbekannten allein war.
„Hallo“, antwortete sie ein bisschen schüchtern. Dann schwiegen siel beide verlegen. Schließlich getraute die Neue sich doch eine Frage: „Was machen wir hier eigentlich?“
„Wir verscheuchen die Vögel, damit sie die Blumensamen nicht auffressen“, sagte Scheuche.
„Wir verscheuchen die Vögel?“ fragte sie ungläubig. Der Gedanke schien ihr nicht zu gefallen.
„Das ist nun mal unsere Aufgabe“, antwortete Scheuche mit erhobener Stimme, um die Entfernung zu überbrücken. „Was sein muss, muss sein.“
Sie schien darüber nachzudenken. „Ja, was sein muss, muss sein“, sagte sie schließlich. „Die Blumen wollen ja auch leben und wachsen.“
Ach, das war eine Frau nach Scheuches Herzen. Und als er das dachte und die Wärme der Sonne spürte und das rote Kleid im Wind flattern sah, da fühlte er, wie das Herz in seiner Brust weich wurde.

Es wurde ein wundervoller Sommer. Daran, dass der Hühnerstall einmal offen bleiben würde, musste niemand mehr einen Gedanken verschwenden, denn nachdem die alte Frau abends die Hühner gefüttert hatte, schaute Thorsten immer noch einmal nach, ob alles in Ordnung war. Trotzdem kam Schlau jeden Abend, kontrollierte seinerseits die Stalltür und setzte sich dann zu Scheuche, um ihm lustige und merkwürdige Geschichten aus der Stadt zu erzählen. Und meistens kam auch Schwalbe, hängte sich an die Krempe von Scheuches neuem Hut und hörte ein bisschen zu. Sie blieb aber nicht lange, denn sie hatte jetzt sechs kleine Schwälbchen zu versorgen und konnte ihrem Mann nicht die ganze Arbeit allein überlassen.
Und in den Nächten, in denen der Mond schien, schaute Scheuche zum Tulpenfeld hinüber und freute sich auf den Winter. Gewiss würde Thorsten ihn und seine Herzallerliebste auf den Dachboden bringen, und da würden sie dicht beieinander sein und sich leise Dinge sagen können, statt sich immer nur von Feld zu Feld etwas zuzurufen. Ja, das Leben war schön und voller Hoffnungen und Träume.

© Christa Hartwig

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