Als Schwalbe auch am nächsten Tag noch keine Begeisterung zeigte über den glitzernden Schnee, fragte Scheuche sie: „Irre ich mich, oder hast du dir Weihnachten irgendwie anders vorgestellt?“
„Ach, ich weiß nicht“, antwortete Schwalbe. „Ich habe es mir eben schöner vorgestellt. Ich verstehe nicht, was das ganze Gerede von Weihnachten sollte. Ich finde Bäume mit Blättern und ohne Schnee schöner als Bäume mit Schnee und ohne Blätter. Außerdem war doch von einem Fest die Rede. Wenn ein Fest gefeiert wird, gibt es immer viel zu essen. Für mich ist Weihnachten eher umgekehrt.“
„Soll das heißen, dass du da drin nichts mehr zu essen findest?“ erkundigte sich Scheuche besorgt. Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Kribbeln in seiner Brust deutlich nachgelassen hatte, seitdem Schwalbe eingezogen war. Er hatte sich über das Klopfen des Vogelherzens gefreut und auf das Gekrabbel der Spinnen und Motten konnte er gut verzichten.
„Ich muss mir, was noch da ist, eben gut einteilen“, sagte Schwalbe tapfer. „Die Motten haben im Winter scheinbar keine Lust, Eier zu legen.“
Scheuche machte sich Sorgen, aber er versuchte, sich das nicht anmerken zu lassen. „Warte nur noch ein bisschen. Wenn im Haus Weihnachtslieder gesungen werden, das wird dir bestimmt gefallen.“
„Kann sein“, sagte Schwalbe. „Wenn gesungen wird, kann ich mir wenigstens vorstellen, die anderen Vögel wären schon wieder zurück.“

Am 24. Dezember fuhr das rote Auto schon am Vormittag auf den Hof. Kirsten und ihr Mann holten aus dem Kofferraum, was sie für das Fest eingekauft hatten, und Kirstens Mutter half, die Tüten, die nicht zu schwer waren, ins Haus zu tragen.
Schwalbe hat ganz recht, dachte Scheuche, wenn ein Fest gefeiert wird, wird viel gegessen. Nur für Schwalbe drohte es, ein mageres Fest zu werden. Scheuche selbst brauchte ja nichts, und Schlau freute sich schon auf die gut gefüllten Abfalltonnen in der Stadt nach den Feiertagen, denn immer wurde zuviel gekauft und gekocht, und dann musste manches weggeworfen werden. Bei dem Gedanken an die Überreste gebratener Gänse war Schlau regelrecht das Wasser im Mund zusammengelaufen. Scheuche seufzte. Da sah er das kleine Mädchen auf sich zukommen. In hübschen neuen Stiefeln stapfte sie über das eingeschneite Feld, blieb vor Scheuche stehen und schaute ihn mitleidig an.
„Zu dir müsste auch der Weihnachtsmann kommen“, sagte sie mit einem Blick auf Scheuches zerlöcherte Jacke.
„Den Weihnachtsmann gibt es nicht“, sagte Scheuche. Er war so sicher, dass das Kind ihn nicht hören konnte, dass er ordentlich zusammenzuckte, als sie sagte: „Ja, das weiß ich. Ich gehe ja jetzt in die Schule. Aber es wäre schön, wenn es den Weihnachtsmann doch gäbe, wenigstens für die Leute, die niemanden haben, der ihnen etwas schenkt.“
Und bevor Scheuche etwas erwidern konnte, drehte sie sich um, und lief zu ihren Eltern, denn ihre Mutter hatte nach ihr gerufen.

Am Nachmittag zog Scheuche der Duft von Gänsebraten in die Nase, und abends war es genauso, wie Scheuche gesagt hatte. Im Haus wurden Weihnachtslieder gesungen, und durch das Fenster konnte Scheuche den Weihnachtsbaum sehen, an dem die Kerzen brannten. Und dann kam doch tatsächlich der Weihnachtsmann. Das heißt, Scheuche, wusste wer da kam. Er erkannte ihn am Gang und trotz der Verkleidung und des weißen Bartes, den er sich angeklebt hatte. Es war einer der jungen Männer, die im Sommer in der Gärtnerei halfen. Offenbar sollte er für das kleine Mädchen den Weihnachtsmann spielen, denn einen großen, gut gefüllten Sack trug er auch auf dem Rücken, und als er die Haustür erreichte, klopfte er laut an und rief: „Ho! Ho! Ho!“ Gleich wurde er eingelassen, und Scheuchte hörte die aufgeregte Stimme des kleinen Mädchens, und das Lachen der Erwachsenen, und dann wurden wieder Weihnachtslieder gesungen.

Fast eine Stunde verging, bis der falsche Weihnachtsmann wieder aus dem Haus kam, und er hatte sich kaum ein paar Schritte entfernt, da lief das kleine Mädchen ihm nach. „He, Thorsten, warte mal!“ rief sie, und der Weihnachtsmann drehte sich um. „Du hast mich erkannt?“ fragte er verwundert. „Ja, klar“, sagte sie, „aber ich wollte nicht, dass meine Eltern und die Oma es merken. Könntest du bitte noch mal den Weihnachtsmann spielen?“
„Ja, wo denn>? Für wen denn?“ fragte der falsche Weihnachtsmann Thorsten.
Die Kleine wies mit der Hand auf Scheuche. „Ich möchte, dass er auch etwas zu Weihnachten bekommt.“ Und dabei hielt sie den Weihnachtsmann einen Schal entgegen.
„Aber den Schal hast du doch selbst gerade geschenkt bekommen“, wandte er ein
„Ich habe aber schon einen, und Scheuche hat keinen, und seine Jacke ist ganz kaputt“, sagte das kleine Mädchen, fasste den Weihnachtsmann bei der Hand und zog ihn aufs Feld. Sie diskutierten miteinander, bis sie vor Scheuche standen.
„Binde ihm den Schal doch bitte um. Ich bin nicht groß genug“, beharrte das kleine Mädchen.
Der Weihnachtsmann zögerte. „Der Schal ist viel zu kurz für Scheuche“, sagte er.
„Besser ein kurzer Schal als gar keiner.“ Das kleine Mädchen ließ sich nicht beirren.
Und plötzliche lachte Thorsten, der falsche Weihnachtsmann. „Besser ein langer Schal als ein kurzer“, sagte er, nahm seinen eigenen Schal ab und band ihn Scheuche um.
Das kleine Mädchen war zufrieden. „Du bist sehr lieb“, sagte sie. „Dafür werde ich auch nie verraten, dass ich dich erkannt habe.“

Scheuche war sprachlos, aber in seinem Kopf drehten sich die Gedanken. Als er endlich die richtigen Worte gefunden hatte, sagte er: „Weihnachten ist… Weihnachten ist… wenn die Menschen zeigen, dass sie ein gutes Herz haben.“ Auf das mit dem Herzen war er gekommen, weil sich das Schwalbenherz in seiner Brust so gut anfühlte. Du liebe Güte, Schwalbe! „Schwalbe, kannst du mich überhaupt noch hören?“ fragte er.
„Ja, ich höre dich“, antwortete Schwalbe. „Nur ein bisschen leiser. Dafür ist es aber hier drin gleich wärmer.“
Der Schal bedeckte das Loch in Scheuches Brust. Wenn es in seiner Brust aber wärmer war, dann legten die Motten vielleicht wieder Eier, hoffte Scheuche. Er machte sich immer noch Sorgen, wie Schwalbe den Winter überstehen sollte.

Während Scheuche noch überlegte, ob es nicht nur für Schwalbe, sondern auch für die Motten jetzt warm genug war, gesellte sich Schlau zu ihm. Er war in der Stadt gewesen in der Hoffnung, dass manche Leute schon am Heiligen Abend Müll hinaustrugen.
„Und? Hattest du Glück?“ fragte ihn Scheuche.
„In der Stadt nicht, aber schließlich dann doch“, sagte Schlau und hörte sich sehr zufrieden an.
„Nun erzähl doch schon!“ forderte Scheuche ihn auf, während Schlau ganz damit beschäftigt war, sein Brustfell abzulecken.
„Ich war schon wieder auf dem Weg zu dir, als mir einfiel, ich könnte noch einen kleinen Umweg zu dem Hof dort drüben machen. Und was soll ich Dir sagen? Da wird heute ganz groß gefeiert, und es blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als gleich nach dem Essen die Abfälle herauszuschaffen. Schau dir meinen Bauch an. Ich platze bald.“ Diesmal war Schlaus Bauch tatsächlich kugelrund.
„Das freut mich für dich, alter Freund“, sagte Scheuche. „Bei mir war der Weihnachtsmann und hat mir einen Schal gebracht.“
Schlau blinzelte nach oben. „Ein schöner Schal“, sagte er, „aber dass ihn dir der Weihnachtsmann gebracht hat…“ Er lachte. „Mach nur weiter Witze mit mir. Ich erzähle dir einen besseren Witz, dann kannst du über den Kerl mit dem roten Auto mal richtig lachen. Drüben auf dem Hof haben sie auch über ihn gelacht.“
Scheuche, der wegen des Schals und der Gedanken über gute Herzen noch ganz mild und friedlich gestimmt war, hatte eigentlich keine Lust, jemanden auszulachen, aber er hörte sich die Geschichte, die Schlau unbedingt loswerden wollte, trotzdem an.
„Er hat beim Kuhbauern Mist bestellt für die Gärtnerei. Jetzt, mitten im Winter, und jede Menge. Gleich nach den Feiertagen soll der Kuhbauer den Mist liefern. Alle haben darüber gelacht. Mitten im Winter bringt man doch keinen Mist auf die Felder. Da sagt er immer, dass man mit der Gärtnerei kein Geld verdienen kann, und dann verschwendet er das bisschen Geld ganz unnötig. Der sollte lieber mich als seinen Steuerberater fragen, hat der Bauer gesagt.“
Scheuche hatte nur eines verstanden. Es würde Mist geliefert werden, und wenn die Kälte nicht anhielt, dann würde es auch ein paar Fliegen für Schwalbe geben, denn wo Mist war, waren auch immer Fliegen. „Was ist denn ein Steuerberater?“ fragte er zerstreut.
„Was weiß ich. So eine Art Fahrlehrer vielleicht“, sagte Schlau. „Jedenfalls einer, der von Gärtnerei und Landwirtschaft keine Ahnung hat.“

Fortsetzung folgt

© Christa Hartwig

Advertisements