Scheuche war glücklich. Je kälter es wurde, desto seltener flog Schwalbe aus. Sie verbrachte die meiste Zeit in dem Nest, das sie sich in Scheuches Brust gebaut hatte. Und so schlug die meiste Zeit ein kleines Herz in Scheuches Brust. Das war ein schönes Gefühl. Und endlich schien auch Schlau einmal Glück zu haben.

Scheuche wartete auf seinen Freund, den Fuchs, und war sehr gespannt, denn er konnte es genau sehen: Die alte Frau hatte die Tür des Hühnerstalls nicht richtig zugemacht. Sie stand einen Spalt weit offen. Schlau würde sie mit der Pfote nur etwas weiter öffnen müssen, um in den Stall zu gelangen. Und da kam er auch schon über das Feld geschnürt, schnurstracks zum Hühnerstall, wie immer, so dass Scheuche nicht einmal Gelegenheit hatte, ihm zu sagen, dass eine Überraschung auf ihn wartete. Tatsächlich war Schlau beim Anblick der offenen Stalltür so überrascht, dass er sich erst einmal hinsetzen und mit der Pfote hinter dem Ohr kratzen musste. Wäre Scheuche ein Mensch gewesen, hätte er sich die Hand vor den Mund halten müssen, um nicht laut zu lachen. Aber Vogelscheuchen beherrschen die Kunst, sich im Stillen zu amüsieren. Er grinste nur, während er beobachtete, wie Schlau eine Weile auf den Türspalt starrte, bis er endlich aufstand, vorsichtig seine Nase durch die Tür steckte, ihr dann mit der Pfote einen kleinen Stups versetzte und endlich durch den Spalt schlüpfte.

Kaum war Schlaus leuchtend roter Schwanz hinter der Tür verschwunden, als im Stall ein erschrockenes Gegacker anhob, das immer lauter und aufgeregter wurde. Scheuche erwartete, seinen Freund gleich mit einem Huhn in der Schnauze zum Vorschein kommen zu sehen, doch stattdessen ging das Flattern und Krakeelen munter weiter. Mach schon, alter Freund, dachte Scheuche. Sonst kommt die Alte aus dem Haus, und Du kriegst das Fell versohlt, wenn nicht schlimmeres. Inzwischen aber war es fast dunkel, und die alte Frau traute sich wohl nicht mehr vor die Tür. Scheuche sah ihren Schatten am Küchenfenster, doch mehr passierte nicht, und endlich tauchte Schlau wieder auf. Ohne Huhn.

„Du hast dein Abendessen doch hoffentlich nicht gleich im Stall verzehrt?“ fragte Scheuche seinen Freund missbilligend, als der Fuchs sich zu ihm gesellte. Scheuche verstand zwar, dass ein Fuchs ein Fuchs war und Hühner seine natürliche Beute, aber wenn Schlau ein Huhn vor den Augen der anderen Hühner verspeist hätte, so hätte Scheuche das doch für unnötige Grausamkeit gehalten.
„Wofür hältst du mich?“ fragte Schlau gekränkt zurück. „Glaubst du, ich wüsste nicht, was sich gehört? – Nein, es ist nur wirklich schade, dass die alte Frau die Stalltür ausgerechnet heute offen gelassen hat.“
„Seit Ewigkeiten wartest du darauf, dass sie vergisst, die Tür ordentlich zu schließen, und nun passt dir der Tag nicht?“ wunderte sich Scheuche.
„Ich konnte doch nicht wissen, dass es gerade heute passiert. Und wie es der Zufall will, habe ich heute schon sehr reichlich in der Stadt gegessen. Mehr als genug. Ich hätte keinen Bissen mehr herunter bekommen. Und hätte ich ein Huhn fangen sollen, wenn ich gar keinen Hunger habe? Also habe ich die Hühner nur ein bisschen herumgescheucht. Etwas Bewegung tat mir gut und den Hühnern auch.“
Scheuche schielte nach dem Bauch seines Freundes. Der sah nicht runder aus als sonst. Eher schien der Fuchs etwas abgemagert zu sein. Aber Scheuche ließ sich nicht anmerken, dass er Schlau nicht glaubte. Vielleicht waren die Augen des Fuchses ja inzwischen so schlecht geworden, dass er es nicht einmal schaffte, ein Huhn im Stall zu erwischen. „Ja, wenn das so ist, dann ist es wirklich ein dummer Zufall, dass die Stalltür gerade heute offen geblieben ist“, sagte Scheuche.
Da meldete sich Schwalbe zu Wort. Der Tumult im Hühnerstall hatte sie aus dem ersten Schlaf gerissen, und nun lugte sie neugierig aus dem Loch in Scheuches Brust. „Ich würde eher sagen, du hast es nicht übers Herz gebracht“, sagte sie.
Ärgerlich hob Schlau den Kopf. „Was soll das denn heißen: Nicht übers Herz gebracht? Ich bin schließlich ein Fuchs, und wenn ich Hunger gehabt hätte, wäre es mir eine Kleinigkeit gewesen, ein Huhn zu fangen.“
Nun war es Schwalbe, die sich über die offensichtliche Schwindelei des Fuchses ärgerte. „Wollen wir wetten, dass ich mich auf deine Nase setzen könnte, ohne dass du nach mir schnappen würdest?“
„Nun streitet euch doch nicht!“ mischte Scheuche sich ein. „Du hast doch gehört, dass Schlau mehr als genug gegessen hat. Warum also sollte er nach dir, nach einem Huhn oder überhaupt nach irgendetwas schnappen?“
„Eben!“ rief Schlau, froh, dass Scheuche seine Partei ergriff. „Aber trotzdem solltest du es nicht darauf ankommen lassen. Ein Zugvogel, der seinen Zug verpasst hat, sollte lieber ganz vorsichtig sein.“
„ich habe meinen Zug nicht verpasst. Ich bin mit Absicht hier geblieben“, sagte Schwalbe empört. „Ich finde es doof, etwas zu tun, nur weil alle anderen es tun. Ich hatte schon meine Gründe, warum ich nicht mit den anderen Schwalben in den Süden geflogen bin.“
„Ach, ja?“ höhnte Schlau. „Und was sollen das für Gründe gewesen sein?“
„Ich wollte… ich wollte…“ Schwalbe druckste herum, bis sie schließlich sagte: „Ich wollte wissen, wie Weihnachten ist.“

„Du wolltest wissen, wie Weihnachten ist?“ riefen Scheuche und Schlau fast wie aus einem Mund. Mit dieser Erklärung hatten sie nicht gerechnet. Was wusste eine Schwalbe, die erst im letzten Sommer aus dem Ei geschlüpft war, denn von Weihnachten?
„Ich habe eben gehört, wie jemand sagte, dass Weihnachten das schönste Fest im Jahr ist, und dass man es am besten dort feiern sollte, wo Schnee liegt. Und dann haben meine Eltern gesagt, dass wir alle in den Süden fliegen würden, weil es dort niemals schneit. Und da wollte ich… na, da bin ich eben hier geblieben.“
Scheuche räusperte sich. „Sehr klug war das nicht, wie du ja vielleicht gemerkt hast.“
Alle schwiegen betroffen, Schwalbe, weil sie sich ein bisschen schämte, und Scheuche und Schlau, weil sie ein bisschen Mitleid mit Schwalbe hatten. Schließlich sagte Scheuche: „Also schön, es war nicht klug, aber eines muss ich sagen: Ein schönes Fest ist Weihnachten wirklich. Ich hatte ja selbst keine Ahnung davon während all der Jahre, in denen ich den Winter auf dem Dachboden verbrachte und nichts davon mitbekam, aber als ich dann letztes Jahr sehen konnte, wie die Fenster geschmückt wurden, und wie schön das aussah, als der Kerzenschein auf den Schnee vor den Fenstern fiel. Das war wirklich schön.“
„Ja, und du hast hier draußen in der Kälte gestanden, während sie drin in der warmen Stube Weihnachtslieder gesungen haben“, sagte Schlau spöttisch. „Sehr romantisch!“ Dann merkte er, dass er im Begriff war, den Anderen schon wieder die Stimmung zu verderben, und so wechselte er schnell das Thema. „Ich habe noch gar nicht erzählt, dass ich heute deinen Kollegen gesehen habe.“
„Wo?“ fragte Scheuche erstaunt.
„Vor einem Haus auf der anderen Seite der Stadt. Das scheint so ein Club zu sein, wo sich junge Leute treffen. Sie haben ihn da vor der Tür aufgestellt und ihm eine Schirmmütze auf den Kopf gesetzt. Er sieht jetzt wirklich fast aus wie ein Polizist. Ich soll dich übrigens von ihm grüßen.“
„Du sollst mich grüßen?“ Scheuche kam aus dem Staunen nicht heraus. Der Kollege hatte nie ein Wort mit ihm gesprochen, und nun ließ er ihn grüßen?
„Ja, ich soll dir sagen, es geht ihm sehr gut, und dass er noch manchmal an die Gärtnerei und an dich denkt, obwohl er ja nun befördert worden ist und eine wichtigere Aufgabe hat.“
Diesmal lachte Scheuche doch laut. „Eine wichtigere Aufgabe? Weil er vor einem Clubhaus steht? Was hat er denn da zu tun?“ fragte er mit fröhlichem Spott.
„Na, er bildet sich wohl ein, dass niemand in den Club darf, wenn er es nicht erlaubt.“ Schlau lachte ebenfalls.

So und ähnlich verplauderten die Freunde manchen Abend, nachdem Schlau sich vergewissert hatte, dass die Tür des Hühnerstalls geschlossen war. Scheuche schien es, als wäre sein Freund jedes Mal erleichtert, wenn er festgestellt hatte, dass die alte Frau doch noch nicht so vergesslich war, und denselben Fehler öfter machte, aber er sagte nichts darüber, und auch Schwalbe musste sich nie wieder anhören, wie unvernünftig sie gewesen war, nicht mit den anderen Schwalben in den Süden zu fliegen. Viel zu froh war Scheuche, das kleine Herz in seiner Brust schlagen zu fühlen, und Schlau schien das zu verstehen.

Es wurde Dezember. Kerstin kam, blieb länger als sonst und half ihrer Mutter, die Fenster weihnachtlich zu schmücken, und ganz kurz vor dem Fest fiel der erste Schnee.
„Nun weißt du, wie Weihnachten ist“, sagte Scheuche zu Schwalbe.
„Ja, nun weiß ich es“, sagte Schwalbe, doch schien sie ein bisschen enttäuscht zu sein.

Fortsetzung folgt

© Christa Hartwig

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