Scheuche dachte gerade wieder einmal über die Sache mit dem Herzen nach, als er die Schwalbe sah. Was Scheuche zum Nachdenken gebracht hatte, war ein Herz, das seit gestern im Küchenfenster der alten Frau hing.
Der Schwiegersohn hatte dem kleinen Mädchen ein Lebkuchenherz vom Oktoberfest mitgebracht, und das kleine Mädchen, gutherzig wie seine Mutter es als Kind gewesen war, hatte das Herz der Großmutter geschenkt, Und die Großmutter wollte das geschenkte Herz nicht aufessen, sondern hängte es als Schmuck ins Fenster.

Im Laufe seines Lebens hatte Scheuche viele Lieder gehört. Sie wurden gesungen, wenn ein Fest in der Gärtnerei gefeiert wurde, und manchmal sangen die jungen Mädchen bei der Arbeit, wenn sie die Stiefmütterchen ausgruben und in Blumentöpfe setzten. In vielen dieser Lieder war von Liebe und vom Herzen die Rede, und Scheuche fragte sich, was das Eine mit dem Anderen zu tun hatte. Er hatte kein Herz, und dennoch liebte er die Vögel.

Auf dem Herzen, das im Fenster hing, stand etwas geschrieben. Scheuche strengte sich an, aber er konnte die Schrift aus dieser Entfernung nicht entziffern.
Am späten Nachmittag kam Schlau ihn besuchen. Er kam jetzt früher, weil die alte Frau die Hühner früher fütterte, denn auch die Sonne ging früher unter, und sie mochte den Weg vom Haus zum Hühnerstall nicht im Dunkeln gehen.
„Kannst Du von hier aus erkennen, was auf dem Herzen dort im Fenster geschrieben steht?“ fragte Scheuche seinen Freund, den Fuchs.
Schlau schaute zum Küchenfenster, spitzte die Ohren und kniff die Augen zusammen. „Von hier aus nicht“, sagte er und lief ein paar Schritte näher zum Haus, dann noch ein paar Schritte und noch ein Stück, bis er schließlich fast unter dem Fenster saß. Dann kam er zurück. „Da steht –“ Schlau räusperte sich. „Ich glaube, da steht: Ich liebe Dich.“
„Was soll das heißen: Du glaubst?“ fragte Scheuche. „Du hast es doch gelesen und musst wissen, was da steht.“
Schlau peitschte nervös mit seinem Fuchsschwanz. „Ich sage es doch. Da steht: Ich liebe Dich. Was hast du denn gedacht, was auf so einem Herzen steht?“

Eigentlich hätte Scheuche schlau gerne gefragt, was Herzen mit Liebe zu tun haben. Jetzt aber interessierte ihn etwas anderes. „Mir kommt es so vor, als ob das Loch in meiner Brust seit dem letzten Jahr größer geworden ist. Schau doch mal.“
Schlau blickte zu Scheuches Brust auf. „Kann sein. Ich erinnere mich nicht genau, wie groß es früher war.“
„Du erinnerst dich nicht?“ fragte Scheuche. „Gib es schon zu. Du bist kurzsichtig.“
„Kurzsichtig!“ empörte sich Schlau. „Wie kommst Du denn auf so etwas? Mit meinen Augen ist alles bestens in Ordnung.“
„Dann guck doch mal, ob du die Gewehrkugel sehen kannst“, forderte Scheuche ihn auf.
Schlau blickte abermals zu Scheuches Brust hoch. „Sie ist nicht zu sehen“, sagte er.
„Wie willst du sie denn von schräg unten sehen?“ fragte Scheuche, jetzt ein bisschen ungeduldig. „Du musst ein Stück weg gehen, wenn du sie sehen willst.“
„Und wenn ich weiter weg bin, soll ich sie besser sehen können?“ entgegnete Schlau ärgerlich.
„Ja, das solltest du“, beharrte Scheuche, „aber natürlich nicht, wenn du kurzsichtig bist.“
Schlau machte schon den Mund auf, um abermals zu widersprechen, dann aber sah er ein, dass es keinen Sinn hatte, einem guten Freund etwas vorzumachen. „Ich gebe ja zu, dass meine Augen früher besser waren. Aber kurzsichtig, ich meine, so richtig kurzsichtig bin ich nicht.“
„Das musst du selbst am besten wissen“, lenkte Scheuche ein. „Vielleicht steckt die Kugel ja auch so tief drin, dass man sie wirklich nicht sehen kann. Außerdem verdeckt die Jacke das Loch halb.“
„Die Jacke verdeckt nicht mehr viel“, erwiderte Schlau. „Das Loch in der Jacke ist nämlich größer geworden, das sehe ich. Es liegt wohl daran, dass der Wind hindurch pfeift. Das sollte wirklich mal in Ordnung gebracht werden.“
Scheuche seufzte: Wer sollte das in Ordnung bringen? Die Augen der alten Frau waren sicher noch schlechter als die von Schlau, und Kerstin hatte ja keine Zeit mehr. Kaum dass sie eine Stunde bei ihrer Mutter gewesen war, musste sie schon wieder in das rote Auto einsteigen.
Ja, Kerstin hatte er auch lieb. Kerstin und die Vögel. Und seinen Freund Schlau auch. Und das alles ohne Herz. Das war es, worüber Scheuche nachdachte, als er die Schwalbe sah. Die Schwalbe jagte hinter einer Fliege her, und als sie sie gefangen hatte, zog sie einen Kreis über dem Feld und hielt nach weiteren Fliegen Ausschau. Aber auch Insekten gab es jetzt viel weniger als im Sommer. Die Schwalbe flog in einem weiten Bogen um Scheuches Kopf, und ehe Scheuche sich versah, kam sie plötzlich auf ihn zu und hängte sich an die Krempe seines Strohhutes, so dass der Schwalbenschwanz dicht vor Scheuches Nase wippte.
„Mist!“ sagte die Schwalbe.
„Nette Begrüßung“, brummte Scheuche.
Schwalbe drehte sich um, so dass sie nun mit dem Kopf nach unten an der Hutkrempe hing. Jetzt sah sie Scheuche zwar verkehrt herum, aber ihm immerhin ins Gesicht. „Entschuldige“, sagte sie, „aber es ist wirklich Mist. Besser gesagt, kein Mist. Das heißt, der Mist ist weg. Heute haben sie ihn abgeholt.“
Scheuche hatte keine Ahnung, was die Schwalbe da redete. „Was für ein Mist, und wer hat ihn abgeholt?“
„Drüben beim Kuhstall war ein Misthaufen. Dort gab es immer noch eine ganze Menge Fliegen. Außerdem war es da ein bisschen wärmer. Aber heute ist ein großes Auto gekommen, und sie haben den Mist aufgeladen und sind damit weggefahren. Ich bin noch ein Stück hinterher geflogen, aber dann ist das Auto in einen Tunnel gefahren.“
„Verstehe“, sagte Scheuche. „Mist!“
„Eben“, sagte Schwalbe, und dann schwiegen sie eine Weile, weil beiden nichts mehr einfiel, worüber sie hätten reden können.
Als Scheuche das Schweigen zulange dauerte, fragte er: „Du weißt nicht zufällig, was das Herz mit Liebe zu tun hat?“
Schwalbe schien sich kein Bisschen darüber zu wundern, wie Scheuche von Mist auf Liebe kam. „Genau weiß ich es nicht, sagte sie, aber ich habe einmal zufällig gehört, wie eine Frau etwas darüber sagte.“
„Was sagte sie denn?“ bohrte Scheuche, weil Schwalbe nicht weiter sprach.
„Ich bin nicht sicher, ob es deine Frage beantwortet“, sagte Schwalbe. „Als ich gerade fliegen gelernt hatte, da bin ich manchmal zu dem Hochhaus in der Stadt geflogen und dann immer um das Hochhaus herum, um Kurven zu üben. Einmal standen da zwei Frauen im obersten Stockwerk auf dem Balkon, und die eine erzählte der anderen, dass sie tanzen gegangen war und den ganzen Abend mit einem Mann getanzt hatte. Da fragte die andere Frau sie, ob sie sich verliebt habe, und sie sagte: Ich weiß nicht, aber wenn ich an ihn denke, bekomme ich Herzklopfen.“
„Und wenn man kein Herz hat und deshalb kein Herzklopfen bekommen kann, dann kann man auch nicht lieben?“ fragte Scheuche mehr sich selbst als die Schwalbe.
„Wenn man kein Herz hat, liebt man eben mit der Seele“, erwiderte Schwalbe.
„Mit der Seele?“ wunderte sich Scheuche. „Von der Seele habe ich noch nie etwas gehört.“
„Jeder hat eine Seele“, sagte Schwalbe. „Das weiß jeder Vogel, aber wir reden eigentlich nie darüber.“
Das leuchtete Scheuche ein. Über etwas, das alle wissen, musste man nicht reden. Und worüber man nie redet, das kann man auch nicht erklären oder beschreiben. Also fragte er Schwalbe nicht, was es mit der Seele auf sich habe.
„Ich fliege dann mal nachhause“, sagte Schwalbe, und schon flog sie zum Haus, wo sie unter der Dachrinne ihr Nest hatte.

Nun hatte Scheuche etwas Neues, worüber er nachdenken konnte, und je länger er über die Seele nachdachte, desto sicherer war er, dass auch er eine Seele hatte. In Gedanken wiederholte er das Wort immer wieder, und er stellte sich etwas Weiches und Durchsichtiges vor. Etwas, das fliegen konnte. Aber dass er glaubte, die Seele könne fliegen, lag vielleicht auch nur daran, dass es ein Vogel war, der ihm von der Seele erzählt hatte, und dass die Vögel von der Seele mehr zu wissen schienen als die Menschen, denn warum sonst würden die Menschen immer vom Herzen reden und nie von der Seele? Oder wussten die Menschen noch besser als die Vögel, dass jeder und alles eine Seele hat, und sprachen deshalb nie davon?

Der Herbst ging zu Ende, und Scheuche hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken, denn ein Tag glich dem anderen. Mal schien die Sonne, aber die wärmte nur noch schwach, mal zogen Wolken über den Himmel, es regnete, und manchmal stürmte es auch. Scheuche machte das nicht viel aus. Nur wenn das Wetter so schlecht war, dass Schlau es vorzog, in seinem Bau zu bleiben, und ihn nicht besuchte, bedauerte Scheuche das, denn dann wurde es wirklich langweilig. Und dann passierten zwei Dinge kurz nacheinander.

Eines Nachts, als Scheuch vor sich hin döste, wurde er vom Hupen eines Autos und lauten Stimmen und Gelächter aufgeschreckt. Auf der Straße hinter dem Feld fuhr ein Auto. Es fuhr nicht richtig geradeaus, sondern in leichten Schlangenlinien. Das Schiebedach war trotz der Kälte geöffnet, und zwei junge Männer saßen halb auf dem Wagendach, lachten laut und juchzten, wenn der Fahrer des Autos plötzlich auf die Bremse trat. „Verrückte!“ murmelte Scheuchte vor sich hin. „Was für ein Leichtsinn.“
Wieder schlingerte das Auto, kam fast quer auf der Fahrbahn zum Stehen, und die Autoscheinwerfer leuchteten dabei über das Tulpenfeld, auf dem lange schon keine Tulpen mehr blühten. Aber Scheuches Kollege stand noch dort und klapperte mit seinen Büchsen. Die Silberstreifen an seinem Mülltütengewand glänzten im Scheinwerferlicht.
Schon wollte der Fahrer des Autos den Wagen wieder ihr Fahrtrichtung wenden, als einer der jungen Männer, die oben aus dem Schiebedach schauten, rief: „Heh, warte mal!“ Das Auto hielt wieder an, und der junge Mann, der gerufen hatte, sprang durch das Schiebedach aus dem Auto und lief auf das Feld. Als er Scheuches Kollegen erreicht hatte, versuchte er, dessen Fuß aus dem Ackerboden zu ziehen, und weil er es nicht schaffte, winkte er dem Anderen zu. „Komm, hilf mir mal!“
„Lass doch den Quatsch!“ rief der Andere. Dann aber sprang auch er aus dem Auto. gemeinsam schafften sie es, die Vogelscheuche aus dem Boden zu bekommen. Sie trugen sie zum Auto, und als das Auto weiter fuhr, da schauten nicht mehr die jungen Männer, sondern Scheuches Kollege oben aus dem Schiebedach. Das Klappern der Blechdosen konnte Scheuche noch hören, als das Motorengeräusch nur noch leise aus der Ferne zu hören war.
Na, so etwas, dachte Scheuche. Und obwohl er für seinen Kollegen nie Sympathie empfunden hatte, fragte er sich doch, welches Schicksal ihm wohl bevorstand.
„Na, so etwas“, sagte auch die alte Frau, als sie am Morgen die Hühner füttern ging und bemerkte, dass die blaue Vogelscheuche verschwunden war. Dann schaute sie zu Scheuche herüber, und Scheuchte glaubte, sie sagen zu hören: „Dich klaut wenigstens keiner.“

Das zweite Ereignis fand schon am kommenden Tag statt. Da fuhr am frühen Nachmittag wieder das rote Auto auf den Hof, und als Scheuche sah, dass der Schwiegersohn allein gekommen war, erwartete er fast, er würde wieder das Gewehr aus dem Kofferraum holen. Doch er öffnete den Kofferraum nicht, sondern ging ins Haus. Ein paar Minuten später kam er heraus und trug einen langen Besenstiel in der Hand. Die alte Frau folgte ihm. „Muss das denn sein?“ hörte Scheuche sie den Schwiegersohn fragen. „Ja, das muss sein“, erwiderte der Schwiegersohn grimmig entschlossen. „Im Frühling wollen wir das Haus doch neu verputzen lassen, und die verdammten Schwalben machen nur Dreck. Jetzt, wo sie weg sind, ist die beste Zeit, die Nester abzuschlagen. Dann suchen sie sich nächstes Jahr hoffentlich einen neuen Nistplatz und versauen nicht gleich die sauberen Wände wieder.“ Und dann machte er sich daran, die Schwalbennester unter der Dachrinne mit dem Besenstiel kaputt zu stoßen, bis nichts mehr von ihnen übrig war als Krümel am Fuß der Hauswand. Darunter auch das Nest der Schwalbe, die nicht in den Süden geflogen war, sondern wahrscheinlich gerade nach Misthaufen suchte, wo sich noch ein paar Fliegen herumtrieben. Scheuche seufzte bekümmert.

Als er bei Einbruch der Dunkelheit gerade Schlau von dem Vorkommnis berichtete, kam Schwalbe tatsächlich angeflogen und hängte sich wieder an Scheuches Hutkrempe, ohne sich von der Anwesenheit des Fuchses einschüchtern zu lassen.
„Mist!“ sagte Schwalbe.
Scheuche, der diese Begrüßung schon vom letzten Mal gewöhnt war, erwiderte: „Ja, Mist!“
Schlau blinzelte. „Es stimmt zwar, dass meine Augen nicht mehr die besten sind, aber dass eine Schwalbe an deiner Hutkrempe hängt, sehe ich noch, obwohl es schon fast dunkel ist.“ Dann hob er die Stimme, weil er seltsamerweise zu glauben schien, dass Vögel schwerhörig sind. „Scheuche hat mir schon erzählt, was mit den Schwalbennestern passiert ist. Du wirst dir wohl ein neues Nest bauen müssen.“
„Das sagt sich so leicht!“ schimpfte Schwalbe. „Erstens baut man so ein Nest nicht allein. Das macht viel Arbeit, und deshalb baut ein Schwalbenpaar immer gemeinsam das Nest. Ich bin aber allein. Und gut bei Kräften bin ich auch nicht, denn es wird immer schwieriger, etwas zu essen zu finden.“
„Das Problem kenne ich“, sagte Schlau. Dann dachte er kurz nach und hatte eine Idee. „Könntest du nicht in dem Loch in Scheuches Brust wohnen, bis die anderen Schwalben im Frühling wiederkommen und du dir einen Partner suchen kannst, mit dem zusammen du ein Nest bauen kannst?“
Schwalbe spähte von der Hutkrempe aus nach Scheuches Brust. „Ja, das ginge vielleicht“, sagte sie. „Aber verhungern werde ich wohl trotzdem.“
„Da bin ich nicht so sicher“, sagte Scheuche, „denn wenn ich das Kitzeln und Krabbeln in meiner Brust richtig deute, dann wäre diese Behelfswohnung mit einer gefüllten Speisekammer ausgestattet. Da scheinen sich einige Getreidemotten, Käfer und Spinnen eingenistet zu haben.“

Etwas zögernd nahm Schwalbe die angebotene Wohnung in Augenschein. Doch bald waren ihre Bedenken verflogen. Stattdessen flog lose Spreu aus dem Loch in Scheuches Brust, während Schwalbe sich darin einrichtete. Als schließlich auch die Gewehrkugel heraus flog. fand Schlau, diese Operation sei kein Anblick für ihn, denn obwohl es ursprünglich seine Idee gewesen war, wurde ihm bei dem Gedanken, dass ein Vogel in der Brust seines Freundes zupfte und pickte, doch etwas mulmig, und er verzog sich in seinen Bau.

Als Schwalbe zur Ruhe gekommen und sich in Scheuches Brust eingekuschelt hatte, lauschte und fühlte Scheuche in sich hinein, denn da war etwas. Ein feines Klopfen. Das Herz der Schwalbe. Ein Schwalbenherz schlug in Scheuches Brust, und plötzlich fühlte Scheuche Wärme. Ein Vogelherz in seiner Brust, das war ja noch schöner, als auf dem Dachboden von Vögeln zu träumen.

Fortsetzung folgt

© Christa Hartwig

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