Die Freundschaft zwischen Scheuche und Schlau hatte vor drei Jahren begonnen, als es mit Schlau fast ein schlimmes Ende genommen hätte. Das Jahr hatte begonnen wie immer. Scheuche stand auf dem Dachboden und träumte. Von der Welt draußen bekam er nur mit, was er durch das kleine Dachfenster sehen konnte, und das waren nur das obere Drittel der Krone des Baumes hinter dem Haus und sehr viel Himmel. Manchmal waren die Äste von Raureif überzogen, manchmal von Schnee bedeckt, und manchmal stachen sie schwarz gegen den Himmel ab, der manchmal blau und meistens grau war. Mehr Abwechslung gab es nicht.

Als er ein paar Tage lang keinen Schnee mehr gesehen hatte und der Himmel immer öfter blau war, wusste Scheuche, dass der alte Mann ihn bald vom Dachboden holen und wieder aufs Feld stellen würde. Scheuche wartete schon darauf. Er hatte genug geträumt und fing an, sich zu langweilen. Nun wartete er auf das Poltern, mit dem die Leiter an die Dachluke gestellt wurde, und auf die Tritte auf der Leiter und darauf, dass die Luke aufgestoßen wurde und durch die niedrige Tür der alte Mann erschien. Doch als das Poltern und die Tritte endlich zu hören waren, erschien nicht der alte Mann, sondern sein Schwiegersohn. Den hatte Scheuche nie leiden können.

Bald nachdem er zum ersten Mal mit seinem roten Auto auf den Hof der Gärtnerei gefahren war, war Kerstin verschwunden. Meine Kerstin, wie Scheuche gerne dachte, denn Kerstin war der einzige Mensch, der je mit ihm gesprochen hatte. Sie war noch ein ziemlich kleines Mädchen gewesen, da hatte sie eines Tages vor ihm gestanden und gesagt: „Ich glaube, du brauchst eine neue Jacke.“ Und dann war sie ins Haus gelaufen und am Nachmittag wiedergekommen, mit ihrem Vater und mit einer neuen Jacke für Scheuche. Da war Kerstins Vater noch kein alter Mann gewesen, sondern ein Mann der entweder lachte oder schimpfte, wenn er nicht gerade still seiner Arbeit nachging. In dem Fall hatte er abwechselnd gelacht und geschimpft. „Die Jacke könnte ich selbst noch gut gebrauchen“, hatte er gemurrt und gleich darauf gelacht und gesagt: „Ja, ja, du bekommst ja deinen Willen, du kleiner Dickschädel.“
Warum er Kerstin einen Dickschädel nannte, hatte Scheuche nicht verstanden, denn Kerstin hatte einen hübschen kleinen Kopf mit Haar, das in der Sonne leuchtete, wie das Kupferdach des Kirchturms geleuchtet hatte, als er neu gedeckt worden war.

Kerstin war größer und älter geworden, aber immer noch war sie manchmal aufs Feld gekommen und hatte Scheuche mal einen neuen Strohhut gebracht, mal neue Lumpen an seine Arme gebunden. Bald hatte sie die Hilfe ihres Vaters dazu nicht mehr gebraucht. Und immer hatte sie mit Scheuche geredet, wenn sie kam. Bis zu dem Tag, als das rote Auto zum ersten Mal auf den Hof gefahren war. Wenn der Mann, der hinter dem Steuer des roten Autos saß, dabei war, tat Kerstin, als kenne sie Scheuche überhaupt nicht. Und später, war Kerstin nur noch mit ihm zusammen gekommen. Sie wohnte jetzt nicht mehr bei ihren Eltern, sondern kam nur zu Besuch. Alle paar Jahre in einem anderen Auto, aber immer war es ein rotes. Und bald waren nicht nur der Mann und Kerstin aus dem Auto gestiegen, sondern Kerstin hatte ein Baby im Arm gehalten, und im Jahr darauf hatte der Mann das kleine Kind auf dem Arm getragen, und wieder ein Jahr später, war das kleine Mädchen schon allein aus dem Auto gehüpft.
Manchmal war Kerstins Vater mit seinem Schwiegersohn um die Felder gegangen, und der Wind hatte Scheuche ein paar Worte aus ihrem Gespräch zugetragen. Unrentabel schien das Lieblingswort des Schwiegersohns zu sein, und immer öfter, je älter Kerstins Vater wurde, hörte Scheuche den Anderen „unrentabel“ sagen. Scheuche wusste nicht, was das bedeutete, aber alle Worte, die mit „un“ begannen, verhießen nichts Gutes.

Dieser Schwiegersohn war es also, der Scheuche in jenem Jahr vom Dachboden holte. Der alte Mann war im Winter gestorben. Im Frühling hatte Scheuche Kerstin öfter zu Gesicht bekommen, denn sie, ihr Mann und das kleine Kind kamen jetzt häufiger zu Besuch, aber schon im Sommer waren die Besuche wieder seltener geworden, und im Herbst stieg eines Tages, kurz vor Sonnenuntergang nur der Schwiegersohn aus dem Auto, machte den Kofferraum auf, holte ein Gewehr heraus und ging damit ins Haus. Wozu man Gewehre brauchte, wusste Scheuche. Der Schwiegersohn war in einem Schützenverein, und als er Schützenkönig geworden war, hatten er und seine Vereinskameraden das in der Gärtnerei gefeiert, dazu leere Blechdosen auf eine Mauer gestellt und auf die Dosen geschossen. Danach hatten sie Schnaps getrunken und sich gegenseitig auf die Schulter geklopft.

Diesmal aber war der Schwiegersohn mit Gewehr aber ohne Vereinskameraden gekommen. Scheuche fragte sich, was das sollte, doch bald erfuhr er es, denn die alte Frau kam mit ihrem Schwiegersohn nach draußen, deutete in die Richtung zwischen Haus und Hühnerstall und sagte: „Von dort kommt er immer. Ich habe ihn durchs Küchenfenster beobachtet. Kaum, dass ich die Hühner gefüttert habe und wieder im Haus bin, taucht er auf.“
Scheuche wusste, von wem sie sprachen. Auch er hatte den Fuchs beobachtet, der jeden Tag nachschaute, ob die Stalltür vielleicht versehentlich offen geblieben war.

Der Schwiegersohn versteckte sich hinter der Mauer, auf die er und seine Vereinskameraden damals die Dosen gestellt hatten. Scheuche konnte nur noch die obere Hälfte seines Gesichts sehen und das Gewehr, das er auf der Mauer abgestützt hatte. Die alte Frau ging in den Hühnerstall, kam wieder heraus, und bald tauchte, wie erwartet, der Fuchs auf. Damals kam er nicht über das Stiefmütterchenfeld, sondern hatte die Gewohnheit, sich von der anderen Seite anzuschleichen. Vorsichtig bog er um die Hausecke, schien keine Gefahr zu wittern, lief zur Stalltür, und da krachte der erste Schuss. Holz splitterte von der Tür, und im Stall hob ein erschrecktes Gackern und Flattern an.
Dicht daneben ist auch vorbei, du Schützenkönig, dachte Scheuche und freute sich klammheimlich.
Der zweite Schuss folgte gleich und ließ Putz von der Stallwand rieseln. Der Fuchs indessen jagte in langen Sprüngen über das Stiefmütterchenfeld davon, kam dabei dicht an Scheuche vorbei, und gleichzeitig mit dem dritten Schuss spürte Scheuche einen dumpfen Schlag in der Brust, denn der Schwiegersohn war hinter der Mauer aufgesprungen und hatte nicht nur daneben, sondern auch viel zu hoch gezielt. Ein vierter Schuss ging in das Gebüsch, in dem der Fuchs verschwunden war. Scheuche lauschte. Alles blieb still.

Als die alte Frau sich von ihrem Schwiegersohn verabschiedete, sagte er: „Du musst eben daran denken, die Stalltür immer gut zu schließen, dann kann auch nichts passieren. Vielleicht habe ich ihn ja auch erwischt.“ Das schien er zwar selbst nicht zu glauben, aber er hatte wohl keine Lust, sich noch einmal zu blamieren.

Lange nach Einbruch der Dunkelheit war der Fuchs plötzlich wieder aufgetaucht, vorsichtig näher gekommen und hatte sich neben Scheuche ins Feld gesetzt.
„Es tut mir leid. Da war nicht meine Absicht“, hatte er gesagt.
„Was tut dir leid, und was war nicht deine Absicht?“ fragte Scheuche.
„Es tut mir leid, dass ich auf meiner Flucht so dicht an dir vorbeigekommen bin. Ich wollte damit nicht erreichen, dass dich der Schuss trifft. Nur gut dass du kein Herz hast, sonst wärst du jetzt tot.“

Es ist wohl selten, dass eine Freundschaft damit beginnt, dass einer dem anderen sagt, er habe kein Herz. In diesem Fall aber war es so, und es war ein Glück. Allerdings dachte Scheuche noch lange darüber nach, dass er kein Herz hatte, stattdessen aber nun eine Gewehrkugel in seiner Brust aus Stroh.

Fortsetzung folgt

© Christa Hartwig

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