Rosenbach verließ sich am liebsten auf seine eigene Nase für gute Geschäfte und auf seinen eigenen Geschmack. Beides zusammen aber hatte Rosenbachs Firma zu einem Unternehmen wachsen lassen, dessen vielfältige Aktivitäten für Rosenbach selbst nur noch schwer zu überschauen war. Er brauchte, so fand er, so etwas wie eine rechte Hand. Dabei wünschte er sich nicht etwa jemanden, dem er weitgehende Vollmachten übertragen konnte, und der dann selbstständig Entscheidungen traf, eher einen Kopf, der für ihn mitdachte, das Handeln aber dem Chef überließ.

Rosenbach griff zur Wochenendausgabe der Zeitung und schlug die Stellenanzeigen auf. Als er die Seite umblätterte, sprang ihm jene Bezeichnung in Auge, nach der er gesucht hatte: Creative Director. Genau das war es. Er brauchte jemanden, der kreativ war, Ideen und Geschmack hatte. Befugnisse musste man einem Creative Director ja wohl nicht übertragen.

Es bewarben sich über hundert Kandidaten, von denen die Hälfte schon im Bewerbungsschreiben auf ihre Fähigkeit zu kompetentem Handeln und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, hinwies und deshalb von vorn herein ausschied. Achtzig Prozent der verbleibenden anderen Hälfte schien sich in vergleichbaren Positionen eher nicht bewährt zu haben und weggelobt worden zu sein. Die restlichen ließ Rosenbach zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Dass der Anteil der darunter befindlichen Frauen ungleich höher war als der Anteil weiblicher Bewerber insgesamt, musste ihm keine Sorgen bereiten. Seit er eine Junior-Sekretärin hatte, die sich um seinen Obstteller kümmerte, ja, dem Obst sogar noch eine Praline hinzufügte, wenn die Senior-Sekretärin vergrellt war, entstanden keine Versorgungslücken mehr.

In die engere Wahl kamen drei Kandidaten, mit denen Rosenbach sich zum Essen verabredete, noch immer die beste Möglichkeit, sich einen Eindruck von der Stilsicherheit, den Umgangsformen und der Allgemeinbildung eines Menschen zu verschaffen, wie Rosenbach fand. Außerdem wurden in entspannter Atmosphäre bisweilen Dinge ausgeplaudert, die im wahrsten Sinne des Wortes von entscheidender Bedeutung sein konnten.

Die Dame, mit der Rosenbach sich als erstes traf, war ungemein attraktiv, leider aber auch offensiver, als es Rosenbach angenehm war. Der zweite Finalist überschüttete Rosenbach beim Essen mit einem solchen Feuerwerk von Ideen, dass es Rosenbach die Sprache verschlug, besser gesagt, er kam gar nicht dazu, mehr zu sagen als am Ende: „Sie hören dann von mir.“ – Blieb der recht junge Mann, den Rosenbach trotz sehr guter Vorbildung und glaubhafter Empfehlungen eben wegen seiner Jugend für den am wenigsten aussichtsreichen Bewerber gehalten hatte. Rosenbach überließ es nicht einer seiner Sekretärinnen, sondern rief ihn selbst an, schon um seine erste Reaktion am Telefon zu erleben, wenn er erfuhr, dass er ernsthaft im Rennen war.

Die Reaktion stimmte Rosenbach zunächst positiv. Der junge Mann reagierte erfreut aber durchaus nicht so, als habe er damit überhaupt nicht gerechnet und gerate nun in Euphorie. Dann aber, als Rosenbach einen Termin vorschlug und fest mit einer spontanen Zusage rechnete, sagte der Bewerber, das sei sein Hochzeitstag, und er müsse kurz mit seiner Frau sprechen, denn sie hätten Karten für die Oper und wollten danach noch…“
Rosenbach runzelte die Stirn. Was war ein Hochzeitstag, wenn es um eine gut dotierte Stelle ging? Da die ganze Bewerbungsaktion aber sonst für die Katz gewesen zu sein drohte, lenkte er ein: „Wir könnten auch mittags zusammen essen, und, da es Ihr Hochzeitstag ist, bringen Sie Ihre Frau einfach mit.“

Für die Verabredung hatte Rosenbach einen Tisch auf der Terrasse eines exklusiven Restaurants reservieren lassen, war, wie es sich für einen Gastgeber gehört, etwas vor der Zeit dort, und als der Kandidat und seine Frau das Lokal betraten, war Rosenbach sich selbst für seine Entscheidung dankbar, denn die junge Frau war ein überaus angenehmer Anblick, der, sollte sich das Gespräch als unbefriedigend erweisen, Rosenbach wenigstens optisch für den Aufwand entlohnen würde.

Das Essen war erwartungsgemäß sehr gut, und das Tischgespräch verlief weder enttäuschend, noch gab es Anlass, Rosenbachs Bedenken hinsichtlich der vielleicht noch unzureichenden Lebenserfahrung des Kandidaten völlig auszuräumen. Von den Klassikern der Musik und Literatur schien er nur die wichtigen Werke zu kennen, Indien hatte er nie bereist, zu Nietzsche hatte er keine Meinung, und zu Marx getraute er sich vielleicht nicht, sie zu äußern. Man saß schon beim Wein. Rosenbach schenkte nach, und als ihm die junge Frau ihr Glas zu schob und dabei ein durch die Bäume fallender Sonnenstrahl ihre Hand traf, fiel es Rosenbach auf. Ihre Nägel waren rot lackiert, aber jeder in einem etwas anderen Rot.
Dem jungen Mann war Rosenbachs Blick offenbar nicht entgangen. „Halten Sie meine Frau bitte nicht für extravagant. Normalerweise trägt sie nur eine Nagellackfarbe. Sie hat das mir zuliebe gemacht. Ich sollte entscheiden, welches Rot mir am besten gefällt. Dabei hatte sie wohl vergessen, dass wir mit Ihnen verabredet sind.“

Den letzten Satz, fand Rosenbach, hätte er sich sparen sollen, als Kavalier und liebevoller Ehemann. Diese Frau, die zur Unterhaltung nicht viel aber durchaus Kluges beigetragen hatte, vergaß garantiert keine wichtigen Termine.
„Was für eine bezaubernde Idee“, sagte Rosenbach und schenkte der Frau ein Lächeln.
„Mein Mann ist es wert. Er hat ein sehr ausgeprägtes Farbempfinden“, sagte sie.
Rosenbach wandte sich seinem Bewerber zu. „Und? Haben Sie sich für ein Rot entscheiden können? Mir würde es schwerfallen. Sie sind alle schön.“
„Für zwei“, entgegnete der junge Mann und ergriff dabei die Hand seiner Frau. „Sehen Sie, dieses hier kommt nicht in Frage, denn es ist bei Lampenlicht angenehm, aber in der Sonne doch recht grell, während dieses Rot in der Sonne warm leuchtet und dieses – “ er griff nach ihrer anderen Hand und hob dabei einen ihrer Finger leicht an, „auch bei sehr gedämpftem Licht noch als Rot zu erkennen ist.“
Für die Gäste an den anderen Tischen mochten die beiden Herren, die auffällig interessiert die Fingernägel ihrer Tischdame betrachteten, ein seltsamer Anblick gewesen sein. Doch Rosenbach, der sich auf Etiquette verstand, setzte sich ebenso unbekümmert darüber hinweg.

Als Rosenbach am Abend das Gespräch und seine Begleiterscheinungen noch einmal Revue passieren ließ, stellte er mehrere Überlegungen an. Entweder waren die in zehn Farben Rot lackierten Fingernägel die Idee des jungen Mannes gewesen, und das ganze eine Inszenierung zu dem Zweck, ihn, Rosenbach, von seinem erlesenen Geschmack zu überzeugen. Denn dass der Blick eines Mannes früher oder später an rot lackierten Nägeln hängen blieb, war zu erwarten, und dann das Gespräch darauf zu lenken, keine Kunst. Diese Möglichkeit gefiel Rosenbach am besten, denn das ließe darauf schließen, dass sein Creative Director außergewöhnliche Einfälle haben würde und diese auf subtile Art vorzubringen verstand. Die zweite Möglichkeit war, dass es die Idee der jungen Frau war, mit demselben Hintergedanken. Das würde immerhin bedeuten, dass hinter diesem jungen Menschen eine Frau stand, die positiven Einfluss nähme.
Blieb noch die Möglichkeit, dass es sich wirklich so verhielt, wie die beiden ihn hatten glauben lassen. Und das hieße zumindest, dass diese charmante und kluge Frau dem Geschmack ihres Mannes vertraute.

Als Rosenbach am folgenden Morgen sein Büro betrat, sog er genüsslich den zarten Mimosenduft ein, den seine Junior-Sekretärin verströmte, stellte mit einem schnellen Blick befriedigt fest, dass sie Rechnungen schrieb, wandte sich dann seiner Senior-Sekretärin zu und sagte: „Schreiben Sie dem Menschen, mit dem ich gestern einen Termin hatte, eine Zusage. Sie wissen schon wie und was. Höhe des Gehalts…“ Er ließ den begonnenen Satz in der Luft hängen. „Darüber muss ich noch kurz nachdenken. Das sage ich Ihnen, wenn Sie mir den Kaffee bringen.“

© Christa Hartwig

Advertisements