Scheuche fing an, sich Sorgen zu machen. Von seinem Platz mitten im Stiefmütterchenfeld konnte er alles, was vorging, gut beobachten, und obwohl die Aussicht ihm gefiel, waren seine Aussichten schlecht. Er sah es kommen, er würde einen weiteren Winter im Freien verbringen müssen, denn die alte Frau war seit dem letzten Jahr um nichts rüstiger geworden, eher im Gegenteil, noch krummer, und noch langsamer ging sie den Weg vom Haus zum Hühnerstall und wieder zurück, morgens und abends. Nur manchmal, nur an den Tagen, an denen die Sonne ihr angenehm den Buckel wärmte, ging sie ein Stückchen weiter bis zu dem Gewächshaus, das leer stand, seit der alte Mann gestorben war. Dann schaute sie auf die trüben Glasscheiben und erinnerte sich wohl an die Zeit, als dahinter Rosen geblüht hatten. An den trüben, windigen Tagen, und wenn die Sonne heiß vom Himmel brannte, machte schon der Weg zum Hühnerstall ihr offensichtlich große Mühe.

Scheuche machte das Wetter nichts aus. Im Freien zu stehen gehörte nun einmal zu seinem Beruf. Für Scheuche war es das, was ihm an seiner Arbeit am besten gefiel, denn, Vögel zu verscheuchen, gefiel ihm eigentlich nicht. Er hatte die Vögel gern. Schließlich hatte er kaum andere Gesellschaft. Aber was getan werden musste, musste getan werden, und wenn er seine Arbeit schlecht machte, würde man ihn wohl auch nicht mehr auf dem Feld stehen lassen. Also ließ er die Ärmel seiner Jacke im Wind flattern, die Krempe seines breiten Strohhutes auf und nieder klappen, wedelte mit den Lumpen, die man ihm an die Hände gegeben hatte, und rief: „Weg mit euch! Verschwindet! Husch, husch!“

Scheuche hatte einen Kollegen, der stand ein gutes Stück entfernt im Tulpenfeld. Statt einer alten Jacke trug der einen blauen Plastiksack, an den ein verrückter Modeschöpfer für Vogelscheuchen-Oberbekleidung viele Streifen aus silbern glänzender Folie geheftet hatte, und statt etwas zu rufen klapperte er mit den Blechdosen, die an Strippen von seinen Armen herunter hingen.
Dem Kollegen schien seine Arbeit Spaß zu machen. Er klapperte mit den Dosen auch, wenn überhaupt kein Vogel in der Nähe war. Das ist ein ganz scharfer Hund, dachte Scheuche. Und da sie beide nicht viel von einander hielten, redeten sie auch nie miteinander.

Die alte Frau war gerade wieder im Haus verschwunden, als Schlau über das Stiefmütterchenfeld des Weges kam. Wie es sich für einen Fuchs gehört, lief er nicht einfach so daher, sondern schnürte stracks zum Hühnerstall, wo er feststellte, dass die Tür, wie immer, gut verschlossen war. Dann kehrte er um, gemächlicheren Schrittes jetzt, und setzte sich vor Scheuche in die Ackerfurchen, aus denen junge Leute vor wenigen Tagen die Stiefmütterchen ausgegraben und in Blumentöpfe gesetzt hatten. Wohl die letzten Stiefmütterchen in diesem Jahr.

„Jetzt wo die Sorgengesichter verschwunden sind, wird es wohl wieder langweilig für dich“, sagte Schlau mitfühlend. Sorgengesichter, diesen Namen hatte Scheuche den Stiefmütterchen gegeben, weil ihre Blüten ihn immer an kleine, besorgt dreinschauende Gesichter erinnerten. Dem Fuchs hatte der Name gefallen, und so gehörte er nun zu dem gemeinsamen Wortschatz, der unter Freunden üblich ist.
„Solange es dir nicht zu langweilig wird, immer wieder nachzuschauen, ob die Alte nicht einmal vergisst, die Tür des Hühnerstalls zu schließen, hält es sich mit der Langeweile in Grenzen“, sagte Scheuche.
Schlau lachte. „Lange wird es nicht mehr dauern. Sie wird immer tappriger, und sicher wird sie auch vergesslicher. Irgendwann ist es soweit.“
„Dass sie tappriger geworden ist, sehe ich auch“, entgegnete Scheuche. „Sicher wird es ihr zu beschwerlich sein, mich für den Winter auf den Dachboden zu bringen.“
„Da wirst du wohl recht haben“, stimmte Schlau ihm zu. „Aber was machst du dir Sorgen? Du hast den letzten Winter doch auch überstanden. Einem Kerl, wie Du einer bist, macht das doch nichts aus.“
„Ach, überstehen werde ich ihn sicher“, sagte Scheuche mit einem Seufzer. „Aber auf dem Dachboden konnte ich immer so schön träumen. Du weißt doch, wovon ich träume.“
Der Fuchs kicherte. „Ja, dass auf deinen Armen und auf deinem Hut viele Vögel sitzen und zwitschern.“
„Psst! Nicht so laut!“ sagte Scheuche und warf einen Blick zu seinem Kollegen hinüber. Aber der klapperte mit seinen Blechdosen und war wohl auch weit genug entfernt.
„Ja, ja, wir und unsere Träume“, sagte Schlau. „Ich träume davon, mir ein Huhn aus diesem Stall zu holen. Und soll ich dir sagen, wovon der dicke Polizist träumt? Ich habe neulich zufällig gehört, wie seine Frau es ihrer Nachbarin erzählte, als die beiden sich an der Mülltonne trafen. Er träumt fast jede Nacht davon, im Streifenwagen mit hundertzwanzig Stundenkilometer durch die Stadt zu fahren. Einfach so und nicht etwa, weil er zu einem Einsatz oder jemanden verfolgen muss. Nur zum Spaß. Und morgens zieht er seine Uniform an und schreibt wieder Strafzettel.“

Schlau erzählte Scheuche oft, was er in der Stadt erlebt hatte, und Scheuche hörte diese Geschichten gern. Trotzdem war er froh, dass er hier draußen vor der Stadt lebte. „Dass es dir in den lauten Straßen nicht angst und bange wird, wundert mich“, sagte er dann zu Schlau.
„Ich gehe ja nur in die Stadt, wenn ich kein Jagdglück hatte und mir etwas Essbares besorgen muss“, antwortete Schlau dann. Scheuche aber kam es so vor, als wäre das ziemlich oft der Fall.

In diesem Moment wehte ein Windzug über das Feld, und Schlau hob witternd die Nase, ob der Wind ihm einen Geruch zutrug, der Beute versprach. Dabei entdeckte er am Himmel eine Schwalbe. „Na so was!“ wunderte er sich. „Ich dachte, die wären schon alle fort.“
„Wer?“ fragte Scheuche, der wegen der breiten Krempe des Strohhuts keine gute Sicht nach oben hatte.
„Die Schwalben“, sagte Schlau. „Aber da oben fliegt noch eine. Wie seltsam.“

Für Schwalben hatte Scheuche sich nie besonders interessiert. Sie ernährten sich von Insekten, die sie im Flug fingen, und Scheuche musste sie nicht von der Stiefmütterchensaat vertreiben. Nur kurz vor einem Gewitter sah er sie manchmal, wenn sie in pfeilschnellem Flug tief über dem Feld jagten. Jetzt aber, wo Schlau es erwähnte, fiel es ihm auch auf. Er hatte schon eine ganze Weile keine Schwalbe mehr gesehen. Und das erinnerte ihn wieder an den bevorstehenden Winter und sein Problem. „Die wird sich schon noch auf die Reise machen“, sagte er, mit seinen Gedanken ganz woanders.

Fortsetzung folgt

© Christa Hartwig

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